Alexander Maier gehört seit langer Zeit zum Stuttgarter Nachtleben dazu. „Am Mittwoch sind es genau 34 Jahre, seit ich auflege“, sagt der Stuttgarter DJ, Produzent und Veranstalter. Am kommenden Mittwoch, 29. Mai, feiert er mit seinen Besten an den Reglern – DJ Sandrino, Sasse und Jochen Junker, die er liebevoll auch als „die Gang“ bezeichnet – seinen 50. Geburtstag in der Romantica, wo er seit jeher die Party-Reihe „Maiers Lab“ mit unterschiedlichsten Gäst:innen aus dem Bereich der elektronischen Musik veranstaltet. Und genau an seinem 16. Geburtstag, vor 34 Jahren, im Mai 1990, fand Alex‘ erster Techno-Gig statt. „Im Jugendzentrum Z in Bernhausen, wo ich quasi meine komplette Jugend verbracht habe“, sagt der DJ und kommt bei der Erinnerung ins Schmunzeln. „Mit einem Kumpel zusammen haben wir dann dort unsere erste Techno-Party veranstaltet.“
Anlässlich seiner 34-jährigen Techno-Geschichte wollen wir die besten und denkwürdigsten Erinnerungen aus den vergangenen drei Jahrzehnten Nightlife von ihm hören, seine besten Gute-Nacht-Geschichten. Aber von vorn: Die ersten Berührungspunkte mit Mixing in weiter Definition hatte Alexander Maier mir vier, fünf Jahren, als er alte Röhrenradios an Lautsprecher anschloss, um Geräusche mit Radiosendern zu mischen. „Und da haben der ganze Spaß und die Musikbegeisterung angefangen“, lacht Alex und lehnt sich im schwarzen Sessel zurück, in der einen Hand Wodka-Energy auf Eis, in der anderen eine Zigarette.
Wir treffen das Stuttgarter Urgestein an einem Dienstagabend in seiner Homebase, dem Club Romantica in Stuttgart-Mitte. Club-Betreiber Marco Bastone und das Barpersonal sind extra früher gekommen, um fürs Interview aufzusperren, Mexikaner auszuschenken, Aschenbecher zu leeren und Alex‘ Geschichten zu lauschen. So macht man das hier, Romantica is a Family. An die Radio-Bastel-Stories, die Alex später von seinen Eltern berichtet wurden, erinnert er sich nur noch bruchstückhaft. Dass er Ärger bekommen hat, weil er dabei mit den nackten Fingern ins angeschlossene Radio fassen wollte, weiß er jedoch noch ganz genau. „Das hätte auch ordentlich schief gehen können“, stellt er im Nachhinein fest.
Die erste Verbindung zur elektronischen Musik hatte er auch recht früh: „Mein Vater hatte früher, bis er vor Kurzem in Rente gegangen ist, am Rotebühlplatz ein Kamerageschäft. Damit war ich das eine oder andere Mal samstags mit im Geschäft und bin dann immer ins Musikhaus Radio Barth rüber, wo es eine schöne Synthesizer-Abteilung gab.“ Stundenlang konnte sich Alex dort mit Geräuschen und Geräuschkulissen auseinandersetzen. „Zwischen harmonischen Flächen und wilden Geräuschen, wie einer Art waberndem Helikopter-Geräusch, habe ich dann versucht, selber etwas Eigenes damit zusammenzubasteln“, erinnert sich der Stuttgarter an seine Kindheit im Kessel zurück. Später, nachdem besagtes Radio-Barth-Gebäude erst beliebter Kreativ- und Nightlife-Spot sowie Geburtsstätte der Stuttgarter Hip-Hop-Szene geworden war, sollte es im Jahr 2000 abgerissen und durch die heutige City Plaza am Rotebühlplatz ersetzt werden.
Neben der Musikleidenschaft waren Alex‘ ersten Gehversuche als DJ mitunter vom ganz normalen Wunsch eines Teenagers geprägt, ein wenig Beachtung zu finden und Kontakte zu knüpfen. „Ich bin ansonsten eher ein introvertierter Typ“, beschreibt sich der Stuttgarter, „und fand es damals einfach toll, andere Menschen mit Musik in Feierlaune versetzen zu können, ohne selbst der große Tänzer sein zu müssen.“ Auf die ersten Auftritte auf Partykeller-Fetzes und Schuldiscos, die der 50-Werdende nicht unter den Anfängen seiner DJ-Karriere verbuchen würde („ich zähle erst ab dem ersten Mixen elektronischer Musik!“) folgte dann der schicksalhafte 16. Geburtstag, bei dem die ersten Zwölfzehner ausgeliehen und elektronisch bespielt wurden.
Zwei der damals aufgelegten Platten sind heute noch in seinem Besitz: „‘Rock to the Beat‘ von 101 und ‚Big Fun‘ von Inner City“, verrät Alex.
Die Frage, ob an seiner 50. Geburtstagsparty einige Titel von seiner 16. zu hören sein werden, kann man sich aber gleich sparen. „Ich halte nichts davon, im Früher rumzuhängen, das wird keine Revival-Party“, winkt der DJ ab. Er hält sich gedanklich lieber im Hier und Jetzt auf. Für seine verrücktesten, lustigsten und denkwürdigsten Nightlife-Stories aus 34 Jahren DJ-History wagt er für uns aber dennoch eine kleine Zeitreise.
Lass hören, Alex.
Der Tag, an dem ich Dave Gahan vergaß
„Ich muss wohl so um 1990 rum im Oz dringestanden sein und mich eine halbe Stunde intensiv mit Dave Gahan von Depeche Mode unterhalten haben – und weiß leider nichts mehr davon, weil ich den Rausch des Jahres damals hatte. Aber es wurde mir im Nachhinein von einigen Leuten erzählt. Die Band hat ja eine Historie mit dem Oz: ’82 hatten sie dort ein kleines, schnuckliges Konzert gehabt und waren dann wohl zu ihrer Hochphase nach ‚Violater‘ ’90 noch mal in der Stadt gewesen. Leider habe ich aber keinerlei Erinnerung mehr daran.“
Nena wünscht sich Nena
„Nicht vergessen werde ich auch den Moment, als sich Nena in der Radio Bar damals bei mir als DJ etwas von Nena gewünscht hat. Ich weiß leider nicht mehr, welchen eigenen Track genau sie hören wollte, aber die Situation an sich war schon sehr lustig.“
Der nackte Mann auf dem Berliner Platz
Eine Geschichte aus dem Großen Bär, dem Vorgänger-Club von Schwarzer Keiler, Freund und Kupferstecher und Stereo am Berliner Platz: „Da fanden früher ganz schön abgefahrene Afterhours statt. An irgendeinem Sonntag hat sich damals irgendwer ausgezogen, auf die Kreuzung gestellt und morgens um zehn, elf Uhr, wenn die ersten von der Kirche kommen, splitterfasernackt den Verkehr geleitet – mitten auf dem Berliner Platz!“
Außen knusprig, innen weich
„Das alte Nexus 6 in Schorndorf war auch ein legendärer Laden. Das war früher die Techno-Location für Sonntagnachmittag bis -abends. Nachdem das Oz gegen elf Uhr zugemacht hat, ist man meistens noch ins Nexus gefahren. Und dort hat sich mittags im Sommer einer vor dem Club auf seine Motorhaube gelegt – und ist dort eingepennt. Bei knallender Sonne. Er ist dann irgendwann von selbst wieder aufgewacht – aber zu spät. Von vorne hatte er Sonnenbrand und von hinten hatte er von der heißen Motorhaube Verbrennungen.“
Wer hat was
„Mit der denkwürdigste Rausschmiss, den ich miterlebt habe, fand vor vielen, vielen Jahren im Colibri statt, als ein DJ-Act, nachdem er sein Set gespielt hatte, des Ladens verwiesen wurde, weil er mit Drogen versorgt werden wollte. Das war dort ein absolut rotes Tuch. Er ist bestimmt eine Stunde lang durchs Publikum gerannt und hat auf Entzug den ganzen Laden aufgescheucht, sodass er irgendwann einfach rausgekickt wurde, obwohl er der Hauptact war. Darüber hat er Jahre später noch geflucht.“
Too late to the Party
„Ich bin zu meinem ersten Gig in der Panorama Bar/Berghain in Berlin zu spät gekommen. Anfang 2012 rum muss das gewesen sein. Warum? Wir haben zu lange gegessen und Wein getrunken, Sasse und ich. Um fünf nach zwölf sind wir da reingeschlappt und dann war’s kurz ein bisschen stressig. Zum Glück hatten sie zu dem Zeitpunkt irgendeinen Award von Axel Springer, der BZ glaube ich, bekommen gehabt, da hat Sven Marquardt erst mal eine Runde Kurze für den Club geschmissen, um die Zeit bis zu meinem Set zu überbrücken. Ein Nachspiel hatte es nicht, aber mein Puls war durchaus kurzzeitig etwas erhöht.“
Zwanzig Tequilas später
„Wir haben irgendwann in den 90ern eine Tequila-Party im Oz veranstaltet. Um 21 Uhr ging die Party los, um 23 Uhr war Double Time und um ein Uhr mussten wir den Laden schließen, weil alle zu besoffen waren. So viele Leute habe ich noch nie die Treppe im Oz rückwärts rausrollen sehen. Wahrscheinlich war das die kürzeste Party, die der Club je gesehen hat.“