Gute-Nacht-Geschichte mit Leif Müller „Abi-Partys waren die beste DJ-Schule“

Leif Müller im Studio Amore – daneben übrigens Hund Pogo. Foto: M/anuel Schuller

Leif Müller ist seit mehr als zehn Jahren als DJ und Booker im Stuttgarter Nachtleben unterwegs – und auch über den Kessel hinaus hat er einige Storys auf Lager. Von der Abi-Party ins Rocker 33 zum Nikki Beach: Wir haben die Insights.

„Bei uns lief immer Musik“, erinnert sich Leif. „Ich weiß, das ist echt boring. Ich hab das selbst schon tausendmal gelesen bei anderen DJs oder Künstler:innen“, sagt er lachend. Die eigentliche Initialzündung gab’s dann mit 15 Jahren: „Damals habe ich einen CD-DJ-Mixer und -Controller bekommen.“ Und der wurde dann direkt mit seinem Kindheitsfreund und späteren DJ-Kollegen Konstantin Sibold ausprobiert. „Während andere mit der Playstation gespielt haben, wurden bei uns die Rollläden runtergelassen und die Lichtorgel wurde angeworfen.“ Die Musik-Connection war also schon immer da, doch sein erster großer Traum lag woanders: „Bis ich 17 war habe ich beim VfB gespielt.“ Aus diversen Gründen entschied sich Leif damals gegen die Sportlerkarriere. „Im Fußball war ich immer ‚der Sohn von‘“, erklärt der 35-Jährige, dessen Vater „Hansi“ Müller selbst Profifußballer war. Leif wollte seinen eigenen Weg gehen und entschied sich letztendlich für seinen zweiten Traum – die Musik.

 

„Es geht darum, Menschen zu lesen“

Zu Beginn legte Leif gemeinsam mit Konstantin Sibold an ihrer Schule in Waiblingen auf. „Abi-Partys waren die beste DJ-Schule“, stellt er fest. „Das war der perfekte Ort, um Mixed Music zu spielen – immerhin hast du da die verschiedensten Musikgeschmäcker vereint auf der Tanzfläche.“ Er ergänzt: „Am Ende geht es doch darum, die Menschen lesen zu können und was sie hören wollen.“ Von Waiblingen aus fuhren die beiden 17-Jährigen damals regelmäßig nach Stuttgart zu Humpty Records – Platten kaufen. „Wir haben dort echt Stunden verbracht“, erinnert er sich. Die Besuche im Laden von Betreiber Daniel Benavente beschreibt Leif als „musikalische Früherziehung“: „Das war einfach eine Welt für sich.“ Außerdem hätten sie sich dort sozusagen ihre DJ-Credibility erkauft. „Irgendwann haben die Jungs gecheckt: Hey, die zwei Fische kennen sich ja echt aus und so einen Scheiß kaufen die gar nicht.“

Die Anfänge im Rocker 33

So kamen Leif und Kumpel „Konsti“ auch an ihren ersten Gig– ob der nun im ehemaligen Rocker 33 oder doch im Only Now war, weiß Leif heute nicht mehr genau. Auch bei der Jahreszahl schwankt er zwischen 2008 und 2010. An eines erinnert er sich jedoch noch ganz genau: nämlich, wie ehrfürchtig sie waren, im Rocker 33 zu spielen. Am Ende lief das jedenfalls ziemlich gut, die Chefs waren begeistert und boten den beiden ihren ersten Donnerstag im Club an. „Wir haben natürlich direkt zugesagt und mussten uns schnell einen Namen überlegen.“ So entstand damals das DJ-Duo Common Sense People, mit dem Leif und Konstantin ab 2011 auch eine eigene Eventreihe im Rocker 33, später auch in anderen Clubs, veranstalteten.

2011 angefangen – 2021 Zehnjähriges gefeiert. Dazwischen gab es viele gemeinsame Gigs, aber auch eigene Releases und Auftritte. „Ich werde oft gefragt, wie das für mich ist, dass Konsti einige Hits hatte und so durchgestartet ist. Für mich ist das absolut okay, weil er einfach mehr gemacht hat als ich.“ Heute haben die beiden verschiedene musikalische Wege eingeschlagen. Leif sieht das positiv: „Klar war das ein Prozess, eigenständig weiterzumachen. Aber es war auch eine Chance, mich selbst weiterzuentwickeln.“ Besonders bei großen Auftritten sei es natürlich geiler, gemeinsam auf der Bühne zu stehen. „Doch wenn ich zurückblicke, bin ich einfach dankbar. Ich habe vieles erreicht, was ich niemals gedacht hätte und habe durch die Musik die halbe Welt gesehen.“

Die Definition vom DJ-Sein

Vor allem während der Coronapandemie ist Leif noch einmal bewusst geworden, wie viel ihm die Musik bedeutet. „Mein Herz schlägt für elektronische Musik. Ich will das machen, bis ich nicht mehr kann.“ In seinem Studio in der Nähe vom Hauptbahnhof produziert er seine eigenen Tracks. Dabei sei der Übergang zwischen der persönlichen Identität und der Kunst ein fließender. „Man ist gezwungen, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Wer bin ich? Und wie will ich mich nach außen darstellen? Früher war das nicht so. Es ging gefühlt mehr um die Musik.“ Also war früher alles besser? Leif verneint. Es war anders. Und mit der Zeit zu gehen schließt für ihn nicht aus, sich selbst treu zu bleiben: „Ich finde, dass beides geht.“

Inzwischen fällt es Leif leichter, zwischen seiner eigenen Kunst und DJ-Aufträgen auf Events zu unterscheiden. „Ich habe Mixed Music wieder richtig schätzen gelernt, weil sie mir die Kunst finanziert.“ Letztendlich sei es für ihn persönlich auch die Definition vom DJ-Sein, eben das zu spielen, was die Menschen hören wollen und dafür zu sorgen, dass am Ende alle eine gute Zeit haben. „Ein DJ, der nicht auf sein Publikum eingeht, hat seinen Beruf verfehlt.“ Die Dankbarkeit sei für Leif am Ende das Schönste an solchen Abenden – na gut, eher Nächten.

Apropos Nächte: aktuell ist Leif für das Booking im Interimsprojekt Studio Amore zuständig. „Ich kann mich noch genau erinnern, als ich das erste Mal durch die Räume gelaufen bin vor dem Umbau – mit Handylicht, weil es keinen Strom gab. Wir hatten alle konstant ein Lächeln auf den Lippen.“ Seitdem gab es bereits einige durchtanzte Nächte in der Bar – besonders legendär sind schon jetzt die sogenannten Sunday-Roast-Veranstaltungen an Vorfeiertag-Sonntagen, die von Besucher:innen auf Berghain-Niveau gelobt wurden. „Das macht mich schon stolz.“ Am 13. Juli wird es auch mit seiner Work-Leif-Balance-Reihe im Stadtpalais weitergehen und in den nächsten Monaten stehen einige Musikreleases bei mehreren Labels an – läuft!

Ein guter Übergang für Leifs Insider-Storys. Denn manchmal läuft es eben auch nicht – zum Beispiel 2017, als er zwei Gigs in Australien spielen sollte. Melbourne lief super, erzählt er, aber in Sydney ist wirklich jemand aus dem Fenster im 1. Stock gesprungen – das lag aber nicht an der Musik, so viel wir wissen, und keine Angst: es ist niemanden etwas passiert. „Nach meinem ersten Track hieß es, dass ich die Musik ausmachen muss, weil die Polizei da war.“ Ärgerlich. „Australien ist ja direkt ums Eck, hat mich deshalb kaum genervt…“

„Servus, ich bin ein DJ aus Deutschland“

Mindestens genauso warm, dafür aber weit aus positiver lief’s in Miami ab, als Leif mit zwei Freunden auf siebenmonatiger Weltreise war. Falls ihr euch fragt, wie ihr in anderen Ländern an Gigs kommt? Leif hat da einen Tipp: „Ich hatte auf gut Glück meine (damals noch) CDs und Kopfhörer zum eventuellen Auflegen dabei.“ Vorbereitung ist ja immerhin die halbe Miete. „Ich bin dann einfach zum Nikki Beach marschiert, hab dem DJ dort gesagt: Servus, ich bin ein DJ aus Deutschland, kann ich hier mal auflegen?Warum auch immer meinte der: Ah ok. Klar, komm nächste Woche mit deinem Zeug vorbei. Dann hab ich die Woche drauf als 20-jähriger Dödel im Nikki Beach Miami aufgelegt und es war echt geil.“

Mic-Check

Mit der MC-Karriere hat es übrigens nicht geklappt – auch wenn Leif es zumindest 2014 auf dem Dimensions Festival in Kroatien versucht hat. „Wir haben auf einer Bootsparty mit Roman Flügel aufgelegt. Im Nachgang vom Festival gab es eine Review von Resident Advisor über die Tops und Flops vom Festival. Dabei ging es auch um diese Bootsparty, vor allem um einen Typen am Mikro, der irgendwann zum MC mutiert ist. Ob’s als Top oder Flop bewertet wurde, weiß ich nicht mehr. Der Typ war jedenfalls ich.“

Sonntags mit einem Berghain-Resident im Rems-Murr-Kreis

Und um das Ganze abzuschließen, geht’s noch einmal zurück nach Stuttgart – eher gesagt in den beschaulichen Rems-Murr-Kreis, auf die Bierbank an einem Sonntag im Jahre 2012:„Konsti und ich hatten den Berghain/Panorama Bar-Resident Soundstream nach Stuttgart gebucht. Am Sonntag nach der Party habe ich Frank (Soundstream) mit meinem Smart im Hotel abgeholt und wir sind in den Rems-Murr-Kreis in irgendein Bauerndorf gefahren – völlig übermüdet. Der Grund: es war der 1. Mai und Konsti hat damals noch als Schlagzeuger beim Musikverein Hohenacker gespielt. Die hatten dort einen Auftritt. War kaum was los. Super skurriler, aber extrem schöner Moment, dort mit Soundstream auf der Bierbank zu sitzen und sich irgendwie total glücklich den Musikverein reinzuziehen, bevor es an den Flughafen und zurück in die Matrix (oder die anscheinend normale Welt) ging.“

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