Dass im Wizemann bisher vorwiegend Konzerte und ab und an mal Messen oder Tagungen stattgefunden haben und keine wilden Clubnächte, bei denen bis zum Morgengrauen getanzt wurde, hat seinen Grund: Lärmschutz der Anwohner:innen. Doch das Wizemann-Team hat es geschafft, sich einige Ausnahme-Nächte zu sichern und die Veranstaltungsreihe „Club Hybrid“ ins Leben gerufen, die diesen März mit der deutschen DJ- und Producer-Größe Boys Noize Premiere feierte.
Konzert-Location verwandelt sich in Club
Für Round two hat sich das Club-Hybrid-Team keinen geringeren Kooperationspartner an Bord geholt als Discotronic. Das Event-Label des Stuttgarter DJs Marius Lehnert veranstaltet dieses Wochenende einen Techno-Rave im Wizemann und verwandelt die eigentliche Konzerthalle in einen Off-Location-Club. „Dazu wird die Location entsprechend gestaltet, sodass man als Gast ein Clubfeeling bekommt und gleichzeitig, wie im Club die ganze Nacht feiern kann“, erzählt Marius Lehnert.
Der DJ und Veranstalter ist im Wizemann schon öfter mit Live-Events elektronischer Acts wie HVOB, Jan Blomqvist oder Monolink zu Gast gewesen, das letzte Mal im Mai mit Brutalismus 3.000, einem Nu-Gabber-/Hardcore-Techno-Duo aus Berlin-Neukölln. Bei dieser Gelegenheit kamen er und das Wizemann-Team ins Gespräch und entschieden, die nächsten Club-Hybrid-Events in einer Kooperation stattfinden zu lassen. Richtig gehört, auch im nächsten Jahr wird es zwei „Club Hybrid“-Dates in Stuttgart geben, das Line-up fürs nächste Event im März 2024 wird beim Rave diesen Samstag verraten.
Worauf kann man sich dabei eigentlich gefasst machen? „Ich will nicht zu viel verraten, aber wir werden weggehen vom klassischen Hallenkonzept“, gewährt Marius einen Einblick. „Wir haben uns ein innovatives Bühnen- und Visuals-Konzept überlegt und möchten in der Halle die Musik und Visuals stattfinden lassen und den Club zum Chill-Out- und Smoking-Room umgestalten, mit Deko und Videoprojektionen. Es soll eine ganzheitliche Off-Location-Club-Hybrid-Erfahrung werden.“
Für die Visuals wurden die Stuttgarter VJs von Frischvergiftung und A Free Mind angeheuert, die sich zu dem Kollektiv Advanced Output zusammengetan haben. Gemeinsam mit den Veranstaltern wurde dann ein besonderes, auf eine Clubnight im Wizemann zugeschnittenes Bühnenkonzept entworfen.
Worakls und Fiona Kraft als Headliner
„Beim Line-up haben wir zwei weibliche und zwei männliche Künstler:innen“, erklärt Marius Lehnert. „Als ersten Headliner haben wir den französischen Produzenten Worakls, der einen Live-Act spielt, sehr melodiös, sehr catchy. Als zweite Headlinerin haben wir – ebenfalls aus Frankreich – Fiona Kraft. Sie hat unter anderem eine Residency bei der Ibiza-Reihe von Black Coffee. Und als lokale Vertreter:innen sind Alyne und ich noch zu hören.“
Außerdem wird der Rave von einem Awareness-Team betreut und auch das Team von Take Stuttgart, einem Info- und Supportangebot zum Thema Safer Use, werden mit einem Stand vertreten sein. Getanzt werden kann von 22 bis fünf Uhr morgens.
Da die Hardfacts nun geklärt sind, kommen wir aber nicht umhin den Stuttgarter DJ und Veranstalter, der schon knapp 20 Jahre DJ-Dasein auf dem Buckel hat, nach seinen verrücktesten Gute-Nacht-Geschichten zu fragen.
Was ist deine wildeste Party-Story, Marius?
„Vor ziemlich genau zehn Jahren habe ich als DJ meine erste Mittelamerika-Tour gespielt und hatte die Möglichkeit, mehrere Gigs in Mexiko zu spielen und hatte auch eine Show in El Salvador sowie eine in Guatemala Stadt. Das war der letzte Tourstopp, bevor es wieder nach Hause ging. Ich hatte damals meinen besten Freund mitgenommen und wir hatten eine richtig gute Zeit, auch beziehungsweise vor allem bei diesem Gig in Guatemala. Nach diesem hätten wir eigentlich direkt um halb sechs Uhr morgens den Club verlassen müssen, um unseren Flug nach Mexiko zu bekommen, um von dort aus wiederum drei, vier Tage später Richtung Deutschland zurückzufliegen.
Na ja, die Party war ziemlich gut, die Stimmung war ausgelassen und da haben wir uns von unserer Laune dazu hinreißen lassen, einfach auf den Flug zu scheißen und weiterzufeiern. Und nicht nur das: Wir haben nicht nur den Flug sausen lassen, sondern sind dann noch mit dem Veranstalter und seinen Freund:innen zur Afterhour in deren Villa gegangen. Dann war’s irgendwann mittags um zwölf und uns dämmerte es, dass die Heimreise eventuell etwas problematisch werden könnte. Wir wurden quasi schlagartig nüchtern und haben nach Flügen geschaut. Zum Glück ging zwei Tage später tatsächlich noch ein Flug. Wir mussten dann am Flughafen für unfassbar viel Geld noch zwei neue Tickets kaufen, meine komplette Gage von dem Gig ging für meinen Rückflug drauf.
Und damit war das Ganze ja noch nicht zu Ende: Wir mussten dann komplett zerstört und blank, wie wir waren, die zwei Tage bis zum Flug beim Veranstalter zuhause ausharren. Eine positive Wendung hat die Story dann aber doch noch genommen: Als wir in Cancún am Flughafen standen – diesmal sehr früh, wir waren die ersten am Check-in – schaute uns der Flugmitarbeiter am Schalter von oben bis unten an, bemerkte unsere kurzen Hosen und fragte, ob wir lange Hosen griffbereit hätten. Als wir dann umgezogen von der Toilette zurückkamen, drückte er uns mit den Worten „Ich habe für euch ein kostenloses Upgrade für die First Class“ zwei Tickets, Platz 1A und 1B, in die Hand. Und dann haben wir im Flieger erst mal mit einem Gläschen Champagner auf den letztendlich besten Flug unseres Lebens angestoßen.“
Aber man trifft sich immer zweimal im Leben, right?
„Sozusagen. Zwei Jahre später wurde ich vom selben Veranstalter wieder gebucht und bin dann für ein Wochenende nach Guatemala geflogen. Zwei Gigs waren das: freitags in Guatemala-Stadt und am Samstag in Antigua. Mein Slot am Freitag ging von drei bis um sechs Uhr, kurz vor sechs Uhr ging dann auch das Licht an und die Leute sind langsam gegangen, vielleicht waren am Ende noch 30, 40 Leute da, als ich den Closing-Track gespielt habe. Links vom DJ-Pult gab’s eine Art VIP-Area mit zwei Tischen, etwa zwei Meter Luftlinie von mir entfernt.
Und plötzlich sehe ich aus dem linken Augenwinkel etwas wie eine Flasche durch die Luft fliegen. Ich schaue rüber und sehe wie in diesem VIP-Bereich ein Typ plötzlich eine Pistole zieht und drei Schüsse auf einen anderen abgibt, der vielleicht fünf Meter weit von ihm entfernt steht. In meiner Naivität dachte ich, das wäre eine Schreckschusspistole oder etwas Ähnliches. Im gleichen Moment kommt schon der Veranstalter ums Eck, packt mich und zieht mich unters DJ-Pult. Ich weiß noch, wie ich mit meinen langen Armen den Fader von der Musik nach unten gezogen habe und die Leute schlagartig den Club verlassen haben, auch der Typ, auf den geschossen wurde. Er wurde zum Glück nicht getroffen. Am Ende waren nur noch ich, der Veranstalter, seine Freundin, der Schütze und die Securities da. Die Situation hat sich bestimmt eine halbe Stunde gezogen, in der das Personal versucht hat, auf den Schützen einzureden, bis er den Laden tatsächlich verlies.
Wie im Film haben wir noch fünf Minuten gewartet, nachdem er aus der Tür gestiefelt war, und sind auf Drei losgerannt und draußen vor dem Club in einen schwarzen SUV mit getönten Scheiben gesprungen, der schon auf uns gewartet hat. Am nächsten Abend habe ich dann in Antigua in einem anderen Club gespielt. Nach meinem Set kam ich mit einem Gast ins Gespräch, der auch schon am Vorabend in Guatemala-Stadt gewesen war und der den Schützen kannte. Es war wohl allgemein bekannt, dass der völlig verrückt war und kurze Zeit vorher seinem Freund einfach so ins Knie geschossen hatte. Nur gestern habe er den Fehler gemacht, auf den Sohn eines der mächtigsten Kartellbosse in Guatemala zu schießen.
Ich habe dann gefragt, was das jetzt zu bedeuten hat und er antwortete ganz trocken: „Die werden jetzt zwei, drei Monate warten und dann ist er tot.“ Das war krass. Ich habe das Ganze erst ein paar Tage später überhaupt ansatzweise verarbeitet und begriffen, was es für ein Glück gewesen ist, dass die drei Schüsse niemanden verletzt haben. Den Club in Guatemala gibt es übrigens mittlerweile nicht mehr und auch keine wirkliche Party- oder Clubszene. Ich war seitdem auch nicht mehr da, obwohl es ein tolles Land mit wunderbaren Menschen ist. Jedoch teilweise sehr gefährlich.“
Aber eine Nightlife-Story aus Stuttgart wirst du sicher auch haben?
„Es war eine der ersten Discotronic Nights, damals war auch noch mein Kumpel Brendan Haar aus Australien mit dabei, der die Discotronic Night mit ins Leben gerufen hat, 2007 im Rocker 33. Ich hatte dann noch eine anschließende Afterhour im Play organisiert. Einer der Play-Türsteher, eine unfassbare Maschine – seine Oberarme waren dicker als meine Oberschenkel, reine Muskelmasse – hatte Wind davon bekommen, dass ich mit einem anderen Türsteher-Kollegen über ihn gesprochen hatte und darüber, dass er beim Feiern auch kein Kind von Traurigkeit sei.
Das machte dann die Runde und als ich dann back2back mit Brendan auflegte und er den Club betrat, wollte ich die Sache aus der Welt räumen. Aber der Türsteher war richtig sauer und kaum, dass ich vor ihm stand und ihm die Hand reichen wollte, holte er mit seinem riesigen Arm aus und schlug mir mit der flachen Hand ins Gesicht – und dann mit der anderen. Mich hat’s richtig umgehauen, ich wusste gar nicht, wie mir geschieht. Die Party war dann mit einem Schlag zu Ende, wir haben auch nie wieder im Play gespielt und viele andere DJs, die von der Sache Wind bekamen, sind dem Laden daraufhin aus Solidarität ebenfalls ferngeblieben.“
Club Hybrid X Discotronic w/ Worakls & Fiona Kraft, Im Wizemann, Quellenstr. 7, Stuttgart-Bad Cannstatt, 16.12. 22-5 Uhr, Tickets >>>