Die bärtigen Bass-Brüder Thorsten Weh und Thomas Hornung laden ein zu einem besonderen B-Daaay: Denn das Projekt Territory Sound wird zehn! Es sei ein ganz eigener Lebensabschnitt. "Da ist auch eine super Freundschaft daraus entstanden", sagen die beiden Stuttgarter. Klar, dass da nicht nur eine fette Fete her muss, sondern auch eine noch fettere Sound-Anlage (bereitgestellt von der Kulturregion Stuttgart) und Father Elmar, auch bekannt als Elmar Jäger von Sentinel Sound, als Support. Boom! Mitten im Kessel, wo diese Art der Musik kaum noch stattfindet. Das wird wild. Aber jetzt erstmal zurück auf Anfang.
Thorsten W. und TKZ sind nämlich nicht erst seit gestern erfahrene Männer an Mic und Mischpult – zwei T, die zeitweise auch Teil des 5T-Kollektivs waren. Während Thorsten, Geschäftsführer bei Pulsmacher, Kessel.TV-Brudi und Anekdoten-Onkel, musikalisch schon alles mitgemacht hat, was man sich so vorstellen kann: Chill-Out, Techno, House, Disco, Soul und Hip-Hop, war Thomas eigentlich immer seiner Reggae/Ragga-Welt treu.
Der 44-jährige 0711-Livecom-CEO und Host der monatlichen Rootikal Radioshow durchlebte aber auch eine wichtige Hip-Hop-Phase und das nicht nur, weil er mit Rapper Chefket die Schulbank in Heidenheim drückte. Nein, er selbst ist auch ein waschechter Freestyle-MC und – ach, was soll die Bescheidenheit – mehrfacher Freestyle-Battle-King, der einem gern auch mal beim Interview einen fetten Reim um die Ohren haut.
Mit dem 47-jährigen Soulman Thorsten stampfte er ein Soundsytem aus dem Boden, das vor allem für die Musik lebt und auch keine Bildungsreise, wie etwa zum Notting-Hill-Carnival oder nach Japan, China und ins Motherland of Reggae Jamaika, scheut. "Ein Leben ohne Musik kann ich mir nicht vorstellen", sagt Thomas und Thorsten ergänzt: "Es gibt DJs in unserem Alter, die nur Old School auflegen und das finde ich echt schade. Denn es gibt richtig coole, neue Musik und man muss da schon dranbleiben und das machen wir halt mit Territory – wir legen wirklich sehr aktuelle Musik auf – mit karibischem Touch und absolutem Herzblut."
Das mit den Reisen nimmt bei Territory Sound übrigens einen besonderen Stellenwert ein. "Wir hatten die geniale Idee: Lass uns unsere Gage nicht für Lebensmittel und so weiter ausgeben, sondern das Geld für Reisen ansparen." Es sei eine Mischung aus Bildungsreise, Urlaub und Auflegen. "Und das hat einfach unglaubliche, für immer bleibende Erlebnisse, Eindrücke und Connections geschaffen", schwärmt Thomas. "Das war die beste Idee ever."
Und wie werden die Ziele für die Territory-Trips ausgesucht? "Meistens nehmen wir uns etwas vor und enden dann ganz wo anders", so Thomas lachend. Und Thorsten erinnert sich: "So war's bei Tokio. Wir wollten eigentlich woanders hin und dann dachten wir uns: Wie wär's mit Tokio? Und Zack: Der Flug war gebucht."
Bouncende Japaner
Thorsten: "Es ist schon total abgefahren, in einem anderen Land, wie Japan etwa, aufzulegen."
Thomas: "Dass wir es überhaupt "so weit" geschafft und dort einen Nährboden gefunden haben, wo Leute sagen: Ja klar, kommt vorbei, spielt für uns, wir machen Flyer und ein Event draus. Wir mussten uns irgendwann kneifen und dachten: Zwei Schwabenseggel stehen in Japan und spielen Musik von einer kleinen Insel in der Karibik für Japaner. Absurd."
Thorsten: "Wir haben sogar eine kleine Tour gemacht. Wir hatten zwei Gigs in Tokio und einen in Yokohama, drei total unterschiedliche, spannende Gigs. Die Leute waren super freundlich. Und wir waren total beeindruckt davon, wie groß die Reggae-Kultur in Japan ist und wie ernst sie das da nehmen."
Bester Gig ever in Peking
Thorsten: "Was bei mir auch nachdrücklich hängengeblieben ist: Wir haben in Peking aufgelegt. Allein dieser Umstand! Klar kenne ich Leute, die schon mal in China waren – aber alle geschäftlich. Private Reisende, da kenne ich niemanden. Und wir waren da und haben dort aufgelegt! Irre."
Thomas: "Die Szenerie in China war unglaublich. Auf der Straße hast du überhaupt keine individuellen Styles gesehen, alle waren irgendwie uniformiert. Und die Leute schauen dich auch nicht an. Und dann sind wir zu diesem Club gekommen und da war's das komplette Gegenteil: Endlich normale Leute und Subkultur – und Menschen, die nicht so ins System passen. Peking war unser bester Gig ever. Da ging's so krass ab und alle waren so glücklich – und wir natürlich auch."
Endlich im Motherland
Thorsten: "Es war klar, dass wir irgendwann auf Jamaika landen würden. Auf diesem Trip hatte uns unter anderem auch Elmar von Sentinel Sound begleitet. Der wird dort – immer noch – als Superstar gefeiert und musste dann auch überall auflegen. Es war echt krass. Wir sind gerade irgendwo hingekommen, da nimmt der DJ das Mikro in die Hand und sagt: "Sentinel in da House, Germany in da Building." Oder wir waren mal auf einer Party, auf der auch Bounty Killer war und Elmar ist einfach zu ihm hin und hat ihn begrüßt. Aber es war schon auch ein rougher Trip. Dort leben einfach sehr viele – auch Künstler:innen – an der Armutsgrenze. Währenddessen tanzen die Kids hier immer noch zu deren Tunes, und die Künstler:innen haben einfach nichts davon."
Beide: "Ein Highlight für uns war auch, dass wir auf Jamaika ein Dubplate aufgenommen haben. Und dieses spezielle Duplate ist auch das erste Lied auf dem 10-Jahre-Mix, den wir für die Party gemacht haben. Dubplates sind nichts Besonderes in der Szene, aber für uns da im Studio mit Burro Banton – das war wirklich wie im Film. Echt krass." Hier geht's zum Mix >>>
Ähnlich leidenschaftlich kommen übrigens auch die partytauglichen Power-Storys aus dem Stuttgarter Nachtleben daher – here we go:
Heat-Up-Party
Thomas: "Was mir langanhaltend im Gedächtnis geblieben ist, war eine Sache in der Corso Bar, als wir dort aufgelegt haben. Es war 23 Uhr und die Bar hatte gerade erst aufgemacht. Da kam eine Gruppe rein - drei Mädels, drei Jungs - die sich Getränke holten und hinsetzten. Ich habe währenddessen die ersten fünf Warm-up-Lieder gespielt, schön Roots-Reggae zum Eingrooven. Beim dritten Song - der Laden war noch komplett leer - kam einer der Boys zu mir her und meinte: "Hey, kannst du nicht mal ein bisschen Party-Musik spielen". Und ich dachte nur: "Das gibt's ja wohl nicht, ich spiele doch jetzt nicht die Party-Granate" und konterte: "Hey, warte mal ab, später fliegen hier die Fetzen, aber jetzt gibt's erstmal 'n easy Warm-up." Und so war's dann am Ende auch.
Homo(party)ens
Thorsten: "Mir fällt dazu auch eine witzige Story ein. Und zwar habe ich damals in der Suite212 aufgelegt, bin so gegen 21 Uhr angekommen und es war schon richtig voll. Erst habe ich mir nicht viel dabei gedacht, bis Goran meinte: "Guck mal, fällt dir was auf?" Und ich so: "Ne, weiß nicht – Ü-40-Party?" Nach 'nem kurzen Kopffschüttler habe ich nochmal geschaut und gesehen, dass nur Frauen da waren. 150 Ladies haben den Laden auseinandergenommen – um 21 Uhr. Dann dachte ich: "Shit, was ist denn hier los?!" Später kam heraus, dass es sich um 150 queere Frauen gehandelt hat, die sich regelmäßig treffen – flashmob-mäßig – und unangemeldet beliebige Locations stürmen. War echt ganz lustig, aber eher unverhofft."
Grandpar(ty)ents
Thomas: "Im Club Universum hatte ich mal ein ähnliches Erlebnis. Da habe ich für die Dub-Reggae-Legende Lee 'Scratch' Perry das Warm-up gespielt. Die ersten fünf Gäste, die damals reinkamen, waren schon älter, vielleicht so 55 aufwärts. Als die sich so umgeschaut haben, dachte ich: "Okay, interessant." Dann kamen noch mehr, noch ältere und auf einmal gesellte sich ein Ehepaar dazu, in Khaki-Montur, Hand-in-Hand - in meinen Augen waren das Greise, Oma und Opa eben. Und dann wurde ich misstrauisch und dachte: "Hm, wissen die überhaupt, was heute hier los ist?!" Ich habe dann trotzdem angefangen Roots und Dub zu spielen, die Oldies haben mitgewippt und mir wurde klar: "Krass, Lee 'Scratch' Perry ist einfach eine 70-er-Jahre-Legende und das sind halt seine mitgealterten Fans." Das war echt 'ne generationsübergreifende Party – für 18- bis 80-Jährige."
Party-Dawgs
Thorsten: "Dann hätte ich da noch eine geile Red-Dog-Geschichte auf Lager. Den Climax-Vorgänger hatten damals die Tiefschwarz-Brüder betrieben. Es war 1996. Auf einer der "Rache 96"-Partys, auf die wir damals eigentlich keinen Bock hatten, weil wir Raver waren und dort House lief, begegneten uns Leute, mit denen wir nicht gerechnet haben. Denn neben den Fantas, feierten dort Die Ärzte und MTV-Moderatorin Kimsy von Reischach (die mir heute übrigens auf Twitter folgt) auf der Tanze – da waren wir schon baff. Damals war es außerdem auch üblich, dass man mit einer Kassette zum DJ gehen konnte und gefragt hat: "Hey, kannst du mitschneiden" – von dem Abend müsste ich also sogar noch ein Tape bei mir rumliegen haben.
Im gleichen Jahr hat das Red Dog auch Partys in einem der Waldheime auf der Waldebene Ost gemacht, so Sommerpartys unter dem Motto "Red Dog geht Gassi". Und da gab's draußen immer Barbeque und es lief Hip-Hop. Drinnen legten Tiefschwarz später House auf. Tja, und an einem dieser Abende traten dann auf einmal Freundeskreis auf, bevor das Album "Quadratur des Kreises" erschienen war – keiner kannte es – und rappten "Anna, immer wenn es regnet" und dann hat's auch wirklich geregnet, richtig krass. Ein epic Moment, wie es heute so schön heißt."
10 Jahre Territory Sound, Studio Amore Café, Schillerstr. 23, Stuttgart-Mitte, 16.12. ab 22 Uhr. Der Gewinn an der Kasse wird an @helpjamaica gespendet, alle Künstler:innen spielen ohne Gage!