Gute-Nacht-Geschichte mit Trve Hill vom HipHop Open Von abstürzenden Pulten und abgestürzten DJs

Trve Hill aka Tobias Schödl hat schon wilde Parties miterlebt. Einige davon im ehemaligen Freund und Kupferstecher am Berliner Platz in Stuttgart. Foto: /Petra Xayaphoum

Das HipHop Open naht! Unter anderem Badmómzjay, Trettmann, Sido und K.I.Z. kann man auf dem Stuttgarter Hip-Hop-Festival erleben. Auch Trve Hill wird am Start sein. Wir haben mit ihm übers DJ-Dasein und crazy Nightlife-Stories gesprochen.

Stadtkind: Petra Xayaphoum (px)

Trve Hill ist nicht neu im Biz. Tobias Schödl, wie er mit bürgerlichem Namen heißt, kennen vor allem die älteren Hip-Hop-Heads noch als DJ und Produzent Tovbi aus den frühen Jahren seiner Karriere, den jüngeren wird er als Mitveranstalter der „Zelle60“ im ehemaligen Freund und Kupferstecher Club bekannt sein. Mittlerweile legt der in Biberach geborene Stuttgarter seit mehr als 20 Jahren auf, ist als Trve Hill an den Decks der Welt zu Hause und seit 2015 fest als Booker im Team der Chimperator-Live-Crew. Auf der Aftershow-Party des HipHop Opens kann man diesen Samstag auf Fridas Pier zu Trve Hills Sounds tanzen.

 

Doch wie jede:r startete auch Tobi erst mal klein. „Mit Zwölf habe ich im Fernsehen ein DJ-Battle gesehen, die ‚Technics DJ Championships‘, und war so fasziniert davon, dass ich mir aus Kartons selbst mein erstes Deck gebaut und so getan habe, als ob ich DJ wäre.“ Lange blieb es nicht beim So-tun-als-ob: „Kurze Zeit später habe ich dann meinen ersten CD-Player bekommen und den Plattenspieler meiner Eltern missbraucht, bis der nicht mehr funktioniert hat“, lacht Tobi. „Stück für Stück habe ich mir immer mehr Equipment zusammengewünscht und gekauft und mit 15 Jahren dann angefangen, aufzulegen.“

Das Club-Publikum ist immer undankbarer geworden

Nach zwei Jahren Übung kam dann mit 17 der erste Gig. Zu dem mussten ihn noch seine Eltern bringen: „Der Einlass war erst ab 18 Jahren“, erinnert sich der 42-Jährige zurück. Und das war der Anfang von Tobis DJ-Dasein in der Hip-Hop-Szene.

2014 kam dann der Cut. „Es hat mich nicht mehr so gereizt, in Clubs aufzulegen und das zu spielen, was sich die Leute sich wünschen. Das Club-Publikum, vor allem im Hip-Hop-Segment, ist zunehmend undankbarer geworden meiner Meinung nach. Die Leute wollten nur das hören, was sie ohnehin schon die ganze Zeit zu Hause rauf und runter gehört haben, haben einem nur noch das Handy unter die Nase gehalten, sich Lieder gewünscht – immer dieselben – und so weiter.“

Dieselben Songs rauf und runter im Club

Die Zeiten, in denen Hip-Hop-DJs auch als Musik-Kurator:innen und Musik-Influencer:innen erster Stunde fungiert haben, deren Sets und Plattensammlungen vor allem wegen ihrer Raritäten bewundert und gefeiert wurden, neigten sich dem Ende. „Das hat mir einfach keinen Spaß mehr gemacht“, sagt Tobi, der zum Platten diggen schon einige Reisen um die Welt hinter sich gebracht hat. „Ich wollte nicht mehr das Erwartbare bedienen, sondern etwas machen, was Unerwartbar ist.“ Und das war das Ende von Tovbi und die Geburtsstunde seines neuesten Herzensprojekts Trve Hill.

Als Trve Hill arbeitet Tobi in einer Art Open-Format mit brasilianischen Einflüssen, die sich mit viel Housigem und einer Prise Hip-Hoppigem zu einem abwechslungsreichen, kraftvollen Set mit musikalischen Überraschungen statt Hits mischen. Klingt ein bisschen nach Special Interest. Doch seine Tracks erfreuten sich auf Soundcloud steigender Beliebtheit, besonders im Ausland. „Ich war auch überrascht, dass Tracks aus einem Genre, das es bis dahin eigentlich nicht gab, weltweit so viel Anklang gefunden haben“, erzählt der Musik-Nerd. Eine USA-Tour, Gigs in Paris, London und Amsterdam folgten.

„Und witzigerweise fängt es jetzt auf einmal auch im deutschsprachigen Raum an, eine breite Masse anzusprechen“, freut er sich. „So haben wir die Möglichkeit auch hier, wo das Genre vorher nicht so präsent war, vermehrt Parties aus der Richtung zu veranstalten.“

Das Freund und Kupferstecher fehlt in Stuttgart

Diesbezüglich fehlt ihm das Freund und Kupferstecher am Berliner Platz sehr, das Mut hatte, auch experimentellen Sounds, Parties und Bookings eine Bühne zu bieten. „Das Freund und Kupferstecher hat hier in Stuttgart eine neue Ära eingeläutet“, findet der DJ und Produzent. „Das Booking, das dort stattgefunden hat, die Leute, die dort hingegangen sind: Das war wie ein Stück Berlin in Stuttgart, würde ich fast sagen. Viele neue Projekte sind daraus überhaupt entstanden.“

Im Übrigen auch einige crazy Nightlife-Stories. Lass hören, Tobi.

Umsturz des DJ-Pults

„Wir haben irgendwann im Freund und Kupferstecher entschieden, das DJ-Pult nicht oben hinter der Bar in der Kanzel zu lassen, sondern es unten auf der Tanzfläche aufzubauen. Da die eh schon klein war, konnten wir nur einen schmalen Tisch nehmen, der super wackelig auf den Beinen stand.“ Als eines Abends die Bude brechend voll war und sich der erste Moshpit formierte, passierte, was passieren musste: „Das komplette Pult ist gekippt, mitsamt der Technik und Laptop und allem drum und dran“, erinnert sich Tobi. „Ich habe noch versucht, alles aufzufangen, aber außer dem Laptop habe ich nichts mehr zu fassen gekriegt.“ Das komplette Ding ist ihm entgegengeflogen.

Der Party tat das keinen Abbruch. Kurze Zeit später war alles wieder aufgebaut und es konnte weitergehen. „Das ist dann aber immer wieder passiert, auch bei Konzerten“, verrät der Stuttgarter. Zum Beispiel auch beim ersten Rin-Konzert im Kupfi.

Spielen, wo die Großen spielen

Eine weitere Geschichte, die ihm im Gedächtnis geblieben ist, spielte sich in den USA ab. „Ich habe mal in L.A. aufgelegt und hatte keinerlei Erwartungen gehabt, eher ein bisschen Schiss, weil das der Ort war, an den ich immer hinwollte und zu dem ich hinaufgeschaut habe“, erzählt Tobi. Vor lauter Konzentration schaute der DJ dann nicht einmal auf, während er auflegte. Und als er’s dann irgendwann doch tat, war er wie weggeblasen: „Die ganze L.A.-Musik-Szene stand vor mir und war da privat am Tanzen. All die Leute, zu denen man aufgeschaut hat und deren Musik einen so geprägt hat – das war ein Wow-Moment für mich.“

Abrissparty auf dem Rooftop

2017 erwischte Tobi bei einem Gig in Amsterdam dann der Hip-Hop-Moshpit-Trend kalt: „Da war das Ganze, dass man bei jedem Song einen Moshpit anfängt, noch gar kein Thema gewesen – und plötzlich ging’s da auf dieser Party auf einem Hotel-Rooftop los.“ Der DJ war völlig überrumpelt. „Die haben sich mit so einer Energie zu der Musik bewegt und haben den kompletten Laden auseinander genommen – Mädels und Jungs. Das war der Wahnsinn.“ Und nachdem die Party auf dem Rooftop vorbei war, wurde sie einfach ins Innere des Hotel verlegt. Controller aufgebaut und weiter ging’s, „bis morgens um 10“, grinst Tobi. Beschwerden vom Hotel? „Gab’s keine, komischerweise“, beteuert er.

Absturz hinterm Pult

Dass man sich während des Auflegens nicht zu viel hinter die Binde kippen sollte, lernte der Stuttgarter DJ von einem Gast-DJ, den er für eine seiner Parties gebucht hatte. „Der hat sich so aus dem Leben geschossen, dass er einfach hinterm DJ-Pult umgekippt ist. Ich dachte erst, er hat eine Herzattacke oder irgendwas anderes Schlimmes, aber der war einfach nur so betrunken gewesen, dass er ins Wanken geraten und umgefallen ist. Aber weil er so müde und fertig war, ist er einfach liegen geblieben und hat es sich da gemütlich gemacht. Ich habe dann schnell reagiert und für ihn weitergespielt, während der da unten lag und ein Schläfchen gemacht hat.“

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