Stadtkind Stuttgart

Gute-Nacht-Geschichten vom Campus Hohenheim Die TMS ist besser als jede Dating-App

Von Lea Weinmann 

Die Thomas-Müntzer-Scheuer (TMS) ist der Treffpunkt schlechthin auf dem Campus Hohenheim: Hier gibt es günstigen Kaffee, Poetry Slam und vor allem die besten Studentenpartys. Für unsere Gute-Nacht-Geschichte haben die Studenten ihre besten Storys ausgepackt.

Daniel Riehle und Aline Mack organisieren viel im Hintergrund – alles ehrenamtlich.  Foto: Lea Weinmann
Daniel Riehle und Aline Mack organisieren viel im Hintergrund – alles ehrenamtlich. Foto: Lea Weinmann

Stuttgart - Von der Scheune zur Partylocation – die Thomas-Müntzer-Scheuer (TMS) auf dem Campus der Universität Hohenheim hat eine steile Karriere hinter sich. Zu verdanken hat sie das den Hohenheimer Studenten, die ihre TMS seit 1975 als das lieben, was sie ist: Kulturkneipe, Kaffeeklatsch-Treff, Studentenclub, Rückzugsort.

„Die Studis fühlen sich sehr stark verbunden mit der TMS“, sagt Daniel Riehle. Der 29-Jährige kümmert sich mit anderen ehrenamtlich um alles Organisatorische. Mittlerweile wird die TMS wieder ausschließlich von Studenten verwaltet. Jahrzehntelang war das gar nicht möglich, weil das Land die Verfassten Studierendenschaften abgeschafft hatte – und damit den Studenten die Möglichkeit nahm, ein Gebäude zu verwalten. Erst 2016 übergab man die Scheuer wieder an die Studenten. Seitdem hat sich viel getan, erzählt Daniel stolz: „Wir haben den Boden abgeschliffen, ein neues DJ-Pult mit Soundanlage gebaut und die Küche renoviert.“

„Jede Party ist anders“

Wenn man durch die alte Scheune mit ihrem schweren, dunklen Gebälk läuft, machen die Schuhe ein schmatzendes Geräusch auf dem Parkett. Der Boden klebt hier immer ein bisschen – das stört aber keinen. An diesem Nachmittag stehen Stühle und Tische im Innenraum, Studenten sitzen in Grüppchen um ihre Uniaufgaben, den Kaffee in der linken Hand.

Abends verwandelt sich die Scheune dann oft in eine Partylocation – Stühle raus, Sound an. Jeden Dienstag gehört die Scheune der Kulturgruppe. Sie bringen Poetry Slammer, Improtheater oder auch mal den Satiriker Martin Sonneborn auf die Bühne. Am Donnerstag steigen dann die traditionellen TMS-Partys – ein Muss für alle Erstis. Die Partys werden jede Woche von einer anderen studentischen Gruppe oder Fachschaft ausgerichtet. „Dadurch ist jede Party anders. Jeder hat sein eigenes Konzept und spricht andere Studenten an“, sagt Daniel. Die Mottos reichen innerhalb eines Semesters vom „Huren- und Transenball“, bei dem alle Männer in Frauenkleidern kommen, bis zur vorweihnachtlichen „Feuerzangenbowle“. Wo so viele Studenten feiern, bleiben legendäre Campus-Geschichten nicht aus…

Bierdusche für den Chef

Eine TMS-Party sollte Daniel mit einem richtig klassischen Fassanstich eröffnen. Die Sause wollte sich der Rektor der Universität nicht entgehen lassen. Als es nach mehreren Schlägen so aussah, als bräuchte Daniel Hilfe, trat der Rektor nach vorne, um zur Hand zu gehen. In dem Moment hämmerte der Student den Zapfhahn doch durch das Fass. Das Bier spritzte in alle Richtungen und ergoss sich in großen Mengen über den Rektor.

Verkehrter Vorhof

Die direkte Nachbarin der TMS berichtet regelmäßig über das ein oder andere Schäferstündchen, das während oder nach den Partys in ihrem Vorhof stattfindet. Meistens amüsiert sie sich aber über die liebestollen nächtlichen Besucher.

Romantische Trauung

Die TMS wird auch immer wieder an Hochzeitsgesellschaften vermietet. Ein Pärchen beschloss sogar direkt dort zu heiraten. Die beiden lernten sich 2008 auf einer Donnerstags-TMS kennen. Vier Jahre nach ihrem Abschluss kamen sie für die Hochzeit an die TMS zurück und wurden vor der Scheune getraut. Dass die Scheuer besser als jede Dating-App ist, beweisen noch viele andere Pärchen: Selbst die Verwaltungsfachangestellte der TMS lernte ihren Mann dort kennen.

Abenteuer Toilettenbesuch

Es wird berichtet, dass ein Kommilitone an einer Donnerstags-TMS in seinem betrunkenen Zustand länger auf die Toilette musste. Die Zeit verging, der Kommilitone wurde nicht mehr gesehen. So wurde die TMS im Laufe der Nacht dunkel und einsam. Der Toilettengänger wachte irgendwann alleine und eingeschlossen in der Kabine auf. Nach kurzer Verwirrung fand er ein Fenster und kletterte auf abenteuerliche Weise an der Außenwand herunter in die Freiheit.

Ein bisschen Historie

Thomas Müntzer, nach dem die Scheune benannt ist, war übrigens ein Revolutionär im Deutschen Bauernkrieg. Er setzte sich für eine gerechtere Gesellschaftsordnung und eine gewaltsame Befreiung der Bauern ein. Nach einer verlorenen Schlacht gegen den Adel wurde er 1525 gefangen genommen, gefoltert und öffentlich hingerichtet. Schlachten gab es in der TMS noch keine – nur laustarke Proteste, als die Uni die Scheune 2007 in eine Mensa umbauen wollte. Schnell stand fest: Die TMS bleibt studentisches Hoheitsgebiet.