Schnauzer, Sambas, moderner Vokuhila – Stuttgart kann wohl nicht nur Musik, sondern auch trendy. Zum Gespräch lassen wir uns in roten Vintage-Samtsofas nieder. Die Jungs trinken Mate. Joscha (19) und Felix (19) kennen sich bereits seit der Krabbelgruppe und musizierten bereits als Teenies zusammen. Felix lernte Finn (21) in der Musikschulband kennen und über Finn kam Mark (22) dazu, der bereits unter dem Künstlernamen Mark Moon Musik machte – zum Beispiel als Straßenmusiker auf dem Marienplatz.
Im Mai 2023 gründeten die vier ihre Band Shimmer. Diesen März gingen sie auf Deutschlandtour. Mit einem selbst zusammengebauten Bus fuhren die vier von Stuttgart nach Konstanz, Friedrichshafen, Tübingen, Freiburg, Köln, Wuppertal, Hannover und wieder zurück nach Stuttgart, wo sie im Merlin ihr Abschlusskonzert gaben. Alles ganz schön schnell und ganz schön viel. „Das war nur möglich, weil wir gerade unser Abi geschrieben hatten und danach viel Zeit zum Musikmachen hatten“, sagt Joscha. „Ich habe die letzten Monate immer noch nicht so richtig verarbeitet“, ergänzt Felix. „Das war alles so verrückt.“
„Nächstes Mal ist Nähverbot!“
Wenn man so viel Zeit miteinander verbringt, wie die vier auf ihrer Tour, kommt es schon mal vor, dass man sich in die Haare gerät. Ein großer Aufreger war zum Beispiel Joschas Nähfimmel. „Vor unserem ersten Gig habe ich mir neue Klamotten im Sozialkaufhaus in Bad Cannstatt gekauft. Die waren aber noch nicht ganz passend und ich mag es, selbst meine Klamotten anzupassen und umzunähen“, erzählt er. Vor dem Konzert sei aber nur noch wenig Zeit gewesen und so habe er sein Nähset mit in den Backstage-Bereich genommen und bis kurz vor knapp an seiner Kleidung genäht, die er auf der Bühne tragen wollte. „Das hat alle anderen so crazy gestresst“, wirft Felix ein. „Wir mussten in fünf Minuten auf die Bühne und Joscha nähte noch sein Outfit zusammen.“ Das lief dann wohl vor allen Auftritten so ab: Joscha werkelte in aller Ruhe an seiner Kleidung, während der Rest der Band durchdrehte. „Ich gebe zu, dass es sehr knapp war, aber es hat ja alles geklappt“, sagt Joscha beschwichtigend. Die anderen verdrehen die Augen.
„Es war pure Ekstase“
Joschas entspannte Art war jedoch spätestens beim Auftritt in Friedrichshafen hilfreich. Der Gig fand im Kultur- und Wohnprojekt Blaue Blume statt. Als Eventraum diente ein alter Linienbus. Anlage, Instrumente und Publikum – der Bus war am Abend pickepackevoll. „Schon beim ersten Song fing der Bus an zu wackeln“, erzählt Mark. Bei den beiden Zugaben hätten sich dann Leute aus dem Team zwischen die Instrumente stellen müssen, um diese festzuhalten, da sie nicht mehr an ihrem Platz stehen blieben. „Unser Drummer Finn saß ganz hinten und wurde daher immer wieder von den Federn rausgehebelt, schwebte teilweise in der Luft.“ Die Durchsage, dass alle mal bitte weniger tanzen sollen, habe auch nichts gebracht, da das Set gegen Ende eher lebhafter als ruhiger wurde. Mit Abstand der verrückteste Abend, den die Band zusammen erlebte.
Aber auch der Abschluss der Tour wird den Jungs lange in Erinnerung bleiben: Nachdem sie im ausverkauften Merlin gespielt hatten, zogen sie mit einer Musikbox weiter und übernahmen kurzerhand die Party im Café 44. Als dort Schluss war, zogen sie einfach zur Stadtbahnstation am Rotebühlplatz weiter. „Es war pure Ekstase. Alle unsere Freund:innen waren dabei und immer wieder hielten Passanten an, um fünf Minuten mit uns mitzufeiern und zu tanzen. Das war richtig schön.“
Richtig schön – so empfanden die Mitglieder von Shimmer allgemein ihre erste Tour und wie sie in Stuttgarts Musiklandschaft aufgenommen wurden. Mithilfe befreundeter Musiker:innen wie dem Trabanten Kollektiv und den Locations, in denen sie auftreten durften, erlebten sie eine unvergessliche Zeit. Und das noch ganz ohne Label und Booker. Stuttgart sei genau der richtige Ort, um als junge Band anzufangen. „In Stuttgart kann man sich gut vernetzen und hat viele Möglichkeiten, aber auch weniger Konkurrenz als zum Beispiel in Berlin“, sagt Felix. „Und ich weiß, irgendwann wird es groß. Irgendwann wird es sich lohnen. Irgendwann, irgendwann...“, singt Mark im Song „Wir zu zweit“. Wir sind gespannt, wie es mit der Band weitergeht.