Mit jeder Treppenstufe wird es ein wenig dunkler, kälter und irgendwie auch ein bisschen unheimlich. Während der neu gestaltete Diakonissenplatz an diesem Nachmittag im winterlichen Sonnenschein erstrahlt, scheint unter dem Platz die Zeit still zu stehen. Klaus-Peter Graßnick, der zuvor eine große Metalltür auf dem Platz aufgeschlossen hat, schreitet jetzt die Treppen in den unterirdischen Teil Stuttgarts hinab. 1941 entstand hier auf einer Grundfläche von über 3000 Quadratmetern ein dreiteiliger Bunkerkomplex. Bis zum Kriegsende diente er den Bewohner:innen der umliegenden Häuser als Schutzraum, um sich vor Fliegerangriffen in Sicherheit zu bringen. Es war auch eine Luftschutzrettungsstelle integriert, was mit einer Notaufnahme vergleichbar ist. In jedem Winkel ganz viel Geschichte, diese ausführlich zu erzählen, den Rahmen dieses Artikels überschreiten würde.
Graßnick kennt die Geschichte, erzählt sie bei Bunkerführungen. Er selbst hat aber auch seine ganz eigenen Geschichten im Bunker erlebt. Aufgewachsen ums Eck, in der Traubenstraße, entdeckte er schon früh seine Leidenschaft für Rockmusik, gründete als Jugendlicher eine Band und probte im heimischen Keller. Den Nachbar:innen wurde das irgendwann zu laut und der heute 72-Jährige musste mit seinen Freunden einen neuen Proberaum finden. So kamen sie auf den Bunker unter dem Diakonissenplatz. Den kannten damals alle, weil sich darüber die Jugendverkehrsschule befand, wo Kinder Fahrradfahren lernten. Die junge Band bekam tatsächlich einen Raum des Bunkers vermietet, richtete ihn mit Möbeln vom Sperrmüll ein. So war auch schon der Bandname gefunden: „Müll“.
Zehn Meter Rauchwolke über dem Diakonissenplatz
Es wurde viel geprobt und gefeiert. „In unserem Proberaum stand ein ganz alter Ofen. Den haben wir noch mit Holzkohle befeuert“, erinnert sich Graßnick. „An einem Abend kam ein Partygast hereingestürmt und schrie, ob wir denn wahnsinnig seien. Wir sollen schnell hochkommen. Also stiegen wir die Treppe hoch und sahen, dass eine etwa zehn Meter hohe Rauchwolke den ganzen Diakonissenplatz eingeräuchert hatte. Aber wir hatten Glück, es kam keine Feuerwehr.“
Graßnick wurde älter und zog für sein Studium aus Stuttgart weg. Zum Proben kam er trotzdem alle 14 Tage wieder nach Hause. In den 70ern zerstreute sich die Band nach und nach bis dann 1980 auch der Mietvertrag vom Amt für Zivilschutz nicht mehr verlängert wurde. Die wilden Jahre im Diakonissenbunker waren erst einmal vorbei.
Die Polizei feiert mit
Doch heute, über 40 Jahre später, hallen wieder Gitarrenriffs, Beats und Bässe durch die Gänge des Bunkers. 2016 begann Graßnick eine schon länger gehegte Idee für einen Kulturtreff in den Bunkerräumen zu konkretisieren. Er war damit erfolgreich und gründete 2018 den Verein Kultdiak Stuttgart. 2022 war es dann soweit und nach viel Arbeit von Handwerkern und Ehrenamtlichen konnte der Kulturbunker eröffnen.
An die erste Party kann sich der pensionierte Berufsschullehrer noch genau erinnern. Es war die interne Feier, einen Tag vor der offiziellen Eröffnungsparty, der Verein hatte kurz davor seine Gastrogenehmigung bekommen. „Die Party war in vollem Gange – da standen auch schon gleich zwei Polizisten da. Sie wollten kontrollieren, ob alles seine Richtigkeit hat. Wir waren natürlich sehr nervös“, erinnert sich Graßnick. Dem einen Polizisten habe es dann aber sehr gut gefallen und er meinte, er käme nach Dienstschluss noch einmal vorbei. „Als der Polizist nach seiner Schicht dann wirklich wiederkam und mitfeierte, staunten wir alle nicht schlecht.“
Mittlerweile bietet der Kubu ein buntes Programm an. Von Kunstausstellungen über Konzerte bis zu wilden Partynächten von Stuttgarter Kollektiven ist alles dabei. Bei Graßnicks Veranstaltungsreihe „Rock before Tatort“, die immer an jedem zweiten Sonntag im Monat stattfindet, betritt er an einem Abend auch selbst wieder die Bühne und tritt mit seiner Band „Not Named Brothers“ auf.
„Eigentlich wollte ich nie so viel machen“, sagt Graßnick heute und meint unter anderem die 25 Stunden, die er pro Woche in den Verein und den Bunker steckt. Man merkt aber, dass sein Herzblut es gar nicht anders zuließe. Und jetzt, wo sogar Überlegungen aufkommen, im restlichen Bunker – aktuell wird nur ein Drittel der gesamten Fläche genutzt – Proberäume einzurichten, scheint sich der Kreis zu schließen: Vielleicht können dort, wo einst „Müll“ geprobt hat in Zukunft andere Nachwuchsbands ihre Anfänge machen.
Kollektivnacht mit Langeweile Kollektiv, Rosenbergstr. 23, Stuttgart-West, 17.2.
Lange Nacht der Museen, Führung durch den Diakonissenbunker, Rosenbergstr. 23, Stuttgart-West, 23.2. 18.30 Uhr
Winter Jazz, Rosenbergstr. 23, Stuttgart-West, 23.-25.2.
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