Bereits vom Bahn-Aufgang leuchtet einem das grüne Ladenschild entgegen. Der Schriftzug „Spätle“ passt ins knallgrüne Farbkonzept des Stuttgarter Kiosks. Hier gehen tagtäglich (und nächtlich) Getränke, Snacks und Tabakwaren über die Ladentheke. Seit zweieinhalb Jahren bereichert der Spätle Stuttgart um einen Ort zum Cornern. Die Idee dafür kam dem Betreiber:innen-Paar Shevin und Serdar Oguz auf einem Trip in das Späti-Mekka Berlin, als sie ihre Abende selbst eher vor den Kiosken als in den Bars der Hauptstadt verbrachten. „Uns ist aufgefallen, wie langweilig Stuttgart in dieser Hinsicht ist und dass das einfach fehlt“, sagt Shevin. Zurück in Stuttgart und mit der Spätle-Idee im Gepäck, gründeten sie einen neuen Laden, den sie heute zusammen mit Geschäftspartner Murat Yildiz führen.
Der Späti-Trend ist im Kessel angekommen. In den letzten Jahren sprießen immer mehr Kioske mit langen Öffnungszeiten aus dem Boden. Doch es geht nicht nur um die Öffnungszeiten, sie bringen eine ganze Kultur mit sich, die sich hier erst noch entwickelt.
So wurde aus dem Berliner Späti der „neigschmeckte Spätle“ und ist seitdem für viele Stuttgarter:innen abends und am Wochenende eine feste Station. Vor allem der Name sorgt bei Passant:innen für Schmunzler und Selfies. „Wird aber auch oft mit Spätzle verwechselt“, erzählt Serdar grinsend, der auch das Kebabhaus am Feuersee betreibt. Die meisten Gäst:innen würden sich vor ihres Club- oder Barbesuchs beim Spätle verabreden und dann mit einem Wegbier weiterziehen. Oder auf dem Nachhauseweg noch mal den letzten Stopp einlegen.
Freestyle-Rap im Späti
Abends zieht der Spätle seine Kundschaft vor allem durch die laute Musik an, die aus der geöffneten Ladentür schallt. Wer hinter der Kasse steht, lässt seine eigene Playlist laufen. Vor allem zu Corona-Zeiten wussten die Leute das zu schätzen. „Der Spätle war am Wochenende wie ein Club“, erzählt Shevin von damals. Das Publikum brezelte sich für seinen Kioskeinkauf auf und kam tanzend in den Laden. Mit Maske und auf Abstand natürlich.
Der richtige Beat spielt hier schon immer eine Rolle: „Einmal, kurz nach Feierabend, sind zwei Jungs aus Mannheim in den Laden gekommen und wollten noch was Trinken. Sie haben vor der Tür ein Bier getrunken und dann einfach angefangen zu Rappen“, erzählt Serdar. Ausgestattet mit Musikbox und Freestyle-Lines zogen die Beiden innerhalb von zehn Minuten eine Menschentraube an. „Die konnten echt gut rappen, muss ich sagen“, so der 38-Jährige. Am Ende gab es sogar Applaus und das Rapduo zog weiter. Die Marienstraße vor dem Spätle bietet Street-Artists eine Bühne, auf der sie sich eben mal schnell ausprobieren können. Ein Club mit Live-Auftritten sozusagen.
Kick-Flips für Freibier
Diese Auftritte sind nicht nur musikalischer Art. Als eine Gruppe Skater vorbeikam, forderte Serdars Bruder Agit, der selbst skatet und ebenfalls im Spätle arbeitet, sie auf, ein paar Tricks zu zeigen. Nicht für umme natürlich. „Zehn Skater hintereinander haben versucht einen Kick-Flip zu machen, die, die es geschafft haben, haben dann ein Freibier bekommen“, erinnert sich Serdar.
Lockere Atmosphäre und ungezwungene Abende wie diese liegen dem Spätle-Team am Herzen. Man müsse sich vor einem Besuch keine Gedanken um irgendwelche Dresscodes oder Probleme beim Einlass machen. „Bei uns sind abends auch junge Leute da, die in der Stuttgarter Clubszene vielleicht nicht so willkommen sind“, sagt Shevin. Damit meint sie vor allem diejenigen, die aufgrund ihres Aussehens schon von vornherein an der Tür abgewiesen werden. „Stuttgart hat eine strenge Türpolitik“, sagt die 31-Jährige. Besonders schön findet Shevin deshalb die Begegnungen im Spätle-Kosmos: Hier stünde die junge Zahnarzthelferin von Gegenüber mit einem Diplomaten und einem Bauarbeiter nach Schichtende zusammen.
Buntes Klientel in der Marienstraße
Das Publikum in der Marienstraße sei bunt gemischt. Sogar Rapper Haftbefehl, der übrigens „gutes Trinkgeld“ gibt, wie Geschäftspartner Murat anmerkt, kam schon vorbei. Um die einladende Atmosphäre, die den Laden umgibt, zu wahren, hilft die ganze Familie mit. Shevins Schwester Keje stand eines Abends im Sommer selbst hinter der Theke, als ein um die 40-jähriger Mann ins Spätle stürmte und ein paar Runden im Laden rannte – inklusive Sing- und Tanzeinlage. Warum? „Weil so schönes Wetter ist.“
Für die Zukunft wünscht sich Serdar, dass weiterhin jede:r im Spätle willkommen ist. „So wie es läuft, sind wir sehr zufrieden und die Gäste auch“, sagt er. „Und dass wir in ein paar Jahren immer noch cool genug sind“, fügt Shevin mit einem Zwinkern hinzu.
Spätle, Marienstr. 10, Stuttgart-Mitte, Mo-Do 8-0, Fr 8-2, Sa 10-2, So 12-22 Uhr