Gymnasiastin aus Stuttgart mit Autismus Warum die 14-jährige Astrid für ihre Mutter eine Superheldin ist

Das Bild steht auf Astrids Schreibtisch – das Motiv ist aus dem Comic „Schattenspringer“. Foto: Viola/d

Astrid, ein 14-jähriges Mädchen mit Asperger-Autismus, besucht ein Gymnasium in Stuttgart. Ihre Mitschülerinnen und Mitschüler wissen Bescheid über ihre Diagnose. Wie muss Schule sein, damit es Kindern und Jugendlichen mit Autismus gut geht?

Familie/Bildung/Soziales: Viola Volland (vv)

Die meisten Kinder wollen so sein wie ihre Gleichaltrigen. Bei Astrid war das nie so. Nicht als Kind und nicht als Teenager. „Warum? Anders ist doch gut“, findet die 14-Jährige, die nach den Ferien in die zehnte Klasse kommt. Sie sei etwas aufgeregt, sagt sie zu Beginn des Gesprächs. Ein Fuß kreist immer mal, während sie spricht.

 

Astrid hat Asperger-Autismus. Sie war sieben Jahre alt, als ein Arzt die Diagnose gestellt hat und ihr Anderssein damit einen Namen bekam. Nun erklärte sich, warum sie zum Beispiel vor allen anderen im Kindergarten die Buchstaben kannte, aber daran scheiterte, sich die Schuhe zu binden oder Knöpfe zuzumachen. Autismus geht oft mit motorischen Schwierigkeiten einher.

Für Astrids Mutter ist ihre Tochter tatsächlich eine Superheldin

Knöpfe an Kleidung mag sie bis heute nicht. Sie findet auch Körperkontakt unangenehm. Aber sie sucht den Augenkontakt, wenn sie spricht. Das ist etwas, das vielen Autisten schwerfällt. „Ich musste es lernen, es kam nicht automatisch“, erzählt sie. Eine Therapeutin habe ihr geholfen. Die Frau hat ihr auch das Buch „Schattenspringer“ geschenkt. In dem Comic erzählt Daniela Schreiter über ihr Aufwachsen als Kind und Jugendliche aus dem Autismus-Spektrum. Ein Bild aus Schreiters Comic steht gerahmt auf Astrids Schreibtisch. Darauf ist die Autorin als strahlende Heldin zu sehen – kombiniert mit dem Text: „Ich war ein Superheld der besonderen Art und niemand wusste von meiner geheimen Identität“.

Ihre Mutter liebt das Bild. Es passe so gut zu ihrer Tochter. Für sie ist das „die Astrid – unsere Superheldin, die in ihrem stillen Kämmerlein bei uns lebt“, erzählt Karin Weber, aber an einem anderen Tag. Astrid ist es wichtig, alleine mit der Journalistin zu sprechen. Es ist schließlich ihre Geschichte.

Sie nimmt Geräusche, Gerüche, Hitze und Licht intensiver wahr

Viele könnten sich gar nicht vorstellen, wie es ist, die Welt anders wahrzunehmen, erklärt sie. Geräusche sind für sie lauter, Gerüche nimmt sie intensiver wahr, genauso Licht und Hitze. Einem Rollstuhlfahrer sehe man seine Behinderung an, Autisten nicht.

Es gibt Kinder und Jugendliche mit Autismus, die sich in der Schule verstellen, um dazuzugehören. Auch wenn es sie enorme Kraft kostet. Nachmittags kann es zu Zusammenbrüchen kommen. Astrid geht anders mit ihrer Diagnose um. „Ich führe kein Doppelleben“, sagt sie. In ihrer Klasse am Stuttgarter Hölderlingymnasium wissen alle Bescheid. Für die Aufklärung ihrer Mitschüler hat sie Thomas Mästle von der Autismusberatung des Staatlichen Schulamts in die Schule gebeten. Er kam zweimal – einmal in der fünften und noch mal in der neunten Klasse. „Er hat es gut gemacht“, findet sie. Einige Monate zuvor hatte sie zudem selbst eine Präsentation über Autismus gehalten. Es habe interessierte Nachfragen gegeben.

Sie hilft anderen, die Probleme in Mathe haben

Auch Astrid braucht Zeit für sich nach der Schule. Meist geht sie in ihr Zimmer und schaut Fernsehen. Aber sie hat keine Zusammenbrüche. Vielleicht liegt das daran, dass sie so zu sich steht – und dass sie bei den anderen akzeptiert ist, wie sie ist. Sie sei keinem Mobbing ausgesetzt. Wenn sie in den Pausen lieber für sich bleibt, sei das für ihre Mitschüler in Ordnung. „Sie wissen, dass ich nicht ständig soziale Interaktion will.“

Manchmal sucht sie diese aber selbst. Sie hilft zum Beispiel Mitschülern, die Probleme in Mathe haben. Und sie bringt sich in Diskussionen gezielt mit ihrem Wissen ein. Ihr Lieblingsfach ist Chemie. Zumindest, seit der Unterricht theoretischer geworden ist. Der praktische Unterricht ist für sie ein Problem. Versuche mit dem Gasbrenner kann sie nicht durchführen, muss sie aber auch nicht. „Ich habe Angst vor Feuer“, erklärt sie. Ihr Lehrer nimmt darauf Rücksicht.

Astrid glaubt nicht, dass ihre Stärke im logischen Denken eine Sonderbegabung ist, wie sie Menschen mit Asperger-Autismus haben können. „Ich habe keine Sonderbegabung, aber ein Sonderinteresse“, erklärt sie. Beyblades faszinieren sie. Das sind Kreisel, zu denen es auch eine Zeichentrickserie gibt. Mit ihrem besten Freund, der zwei Jahre jünger ist, denkt sie sich rund um die Kreisel und ihre Spieler Fantasiegeschichten aus. Auf dem Handy entwirft sie zudem eigene Spieler-Figuren im Mangastil, die so professionell aussehen, als gäbe es sie in der Serie.

Eine von Astrids Figuren Foto: Astrid Weber

Die Autismusberatung wird meistens wegen Problemen kontaktiert

Wie viele Kinder mit Autismus in Stuttgart ein Gymnasium besuchen, ist unklar. Manche Eltern verschwiegen die Diagnose selbst gegenüber der Schule, sagt Autismusberater Mästle. Die Konsequenz sei, dass an das Kind die gleichen Erwartungen gestellt würden wie an alle. Es fehle dann an Verständnis für Auffälligkeiten und an Rücksichtnahme. Der stellvertretende Leiter der Stuttgarter Helene-Schoettle-Schule ist von Anfang an bei der Autismusberatung dabei, inzwischen aber nur noch für die sonderpädagogischen Schulen zuständig. Astrid ist die einzige Gymnasiastin, die er noch betreut. Sie ist ihm ans Herz gewachsen. Er findet beeindruckend, wie offen sie ist. Das sei ungewöhnlich und „wahnsinnig hilfreich“.

Anna Blanz, die seit 2018 Autismusbeauftragte der Stuttgarter Gymnasien ist, kennt beides: dass autistischen Kindern die Aufklärung ihrer Mitschüler wichtig ist und dass sie sie „auf keinen Fall“ wollten. Sie hatte bisher mit 50 Schülerinnen und Schülern im Rahmen der Autismusberatung zu tun – mit 23 allein im zurückliegenden Schuljahr. Ihr Rat ist meistens gefragt, wenn es Probleme in der Schule gibt. Typische Konflikte rührten daher, dass Mitschüler nicht verstünden, „warum sich das Kind verhält, wie es sich verhält“. Warum es plötzlich ausrastet oder sich ebenso plötzlich komplett zurückzieht.

Klassischer Frontalunterricht ist eigentlich für Autisten geeigneter

Statistisch gesehen sitze in jeder Klasse ein Kind mit einer Aufmerksamkeitsdefizitstörung. Komme auch noch ein autistisches Kind hinzu, seien Reibungen programmiert, und Lehrkräfte sagten oft, „sie können nicht mehr“. Sie rät unter anderem, die Sitzplätze zu wechseln und Auszeiten zu ermöglichen. Eltern und Lehrkräfte erhofften sich viel von Schulbegleitungen, aber es sei gerade schwierig, Kräfte zu bekommen, zumal gute. Die Schulbegleitungen sollen dem Kind helfen, fokussiert zu bleiben, und soziale Konflikte abfedern. „Pausensituationen sind in der Regel eine Zumutung und Strapaze“ für die Kinder, sagt Anna Blanz, die sich mehr Rückzugsmöglichkeiten wünschen würde und kleinere Klassen. Autisten kämen zudem am besten mit Frontalunterricht zurecht. Der ist aber inzwischen verpönt.

In den Gesprächen mit Lehrkräften, die sie führt, geht es oft um das Thema Nachteilsausgleich und wie weit man an einem Gymnasium gehen könne. Sie plädiert für Großzügigkeit – nicht nur mehr Zeit zu gewähren wegen motorischer Schwierigkeiten, sondern auch alternative Klassenarbeiten auszugeben, zum Beispiel, wenn Gedichtinterpretationen anstehen. Deutsch sei das Hauptproblemfach. Wie großzügig Lehrkräfte seien, hänge oft an der Schulleitung.

Kein anderes Gymnasium wollte die Tochter aufnehmen

Astrid hatte nie eine Schulbegleitung. Könnte sie sich etwas für ihre Schulzeit wünschen, wäre der Weihnachtsbasar keine Pflichtveranstaltung mehr. „Es ist eng und laut, dann die ganzen Lichterketten – für mich ist das kein schöner Anblick.“ Auch auf den Sportunterricht könnte sie verzichten, vor allem auf Ballsportarten wie Basketball. Sie nimmt die aufprallenden Bälle viel lauter wahr. Mithilfe von Ohrstöpseln versucht sie, die Geräusche zu dämpfen. Ihre Lehrerin findet, sie sollte sich mehr schonen, häufiger Pausen machen. „Aber ich will nicht so leicht aufgeben.“ Für die anderen sei es ja auch kein Problem. Sie testet ihre Grenzen. In der Schule ist sie jetzt in der Theater-AG. „Ich will selbstbewusster werden.“

Kürzlich hat sie drei Lieder bei einem Gitarrenkonzert gespielt. Da hat sich Karin Weber mal wieder gefragt: „Wie schafft sie das eigentlich alles?“ Sie seien „sehr stolz“ auf ihre Tochter, die sie immer wieder überrasche. Der Schulwechsel nach der Grundschule sei schwierig gewesen – alle anderen Gymnasien wollten ihre Tochter nicht als Schülerin. Man sei nicht die richtige Schule, hörte die Mutter, sobald sie die Diagnose ansprach. Bei einer Schule in freier Trägerschaft erhielt sie zuerst eine Zusage und dann doch die Absage, als sie den Vertrag unterzeichnen wollte. Dem Hölderlingymnasium ist sie sehr dankbar. Astrid habe anfangs eine Lehrerin als Mentorin zur Seite gestellt bekommen, die einen autistischen Bruder hat. Die Klassenlehrer seien sehr engagiert. In der fünften Klasse habe sie wöchentlich eine E-Mail bekommen, wie es läuft. „Es gab immer wieder Leute, die es gut gemeint haben mit Astrid.“

Mutter hat Tochter jeden Abend über besondere Menschen erzählt

An eine Kita-Erzieherin hat Karin Weber wenig gute Erinnerungen. Die habe nur gesehen, was ihre Tochter nicht konnte. Dabei sei Astrid schon immer ein ausgesprochen pflegeleichtes Kind gewesen. „Ärger macht sie praktisch keinen.“ Sie könnte aber gnädiger mit sich selbst sein, findet ihre Mutter.

Als ihre Tochter jünger war, hat Karin Weber ihr statt einer Gutenachtgeschichte jeden Abend von einem Menschen erzählt, der Geschichte geschrieben hat: Kolumbus, Einstein, Mozart. Immer ging es um einen neuen besonderen Menschen und darum, „warum es gut war, dass es ihn gab“. Sie wollte vermitteln, „warum besondere Menschen wichtig sind“. Dass ihre Tochter Anderssein gut findet, könnte auch damit zu tun haben. Astrid habe so viele Talente. Karin Weber ist sich sicher: Sie wird ihren Weg gehen.

Autismus und Autismusberatung

Autismus
Es handelt sich bei Autismus um eine neurologische Entwicklungsstörung, die sich laut dem Bundesverband zur Förderung von Menschen mit Autismus auf die Entwicklung der sozialen Interaktion, der Kommunikation und des Verhaltensrepertoires auswirkt. Unterschieden wird zwischen Frühkindlichem Autismus, Asperger-Syndrom und Atypischem Autismus – der Oberbegriff lautet Autismus-Spektrum-Störung. Die meisten Menschen mit Asperger-Syndrom sind normal intelligent, in Teilgebieten können sie auch hochintelligent sein. Auffälligkeiten bestünden laut dem Verband in der psychomotorischen Entwicklung und sozialen Interaktion. Umweltreize würden häufig verstärkt wahrgenommen.

Kontakt
Die Autismusberatung am Staatlichen Schulamt in Stuttgart hilft weiter bei allen Fragen rund um Schule und Autismus: von der Einschulung über den Übergang in die weiterführende Schulen bis zur beruflichen Bildung. Die Beratungslehrer bieten auch Informationsveranstaltungen in Konferenzen oder auf Elternabenden an und übernehmen die Klassenaufklärungen. Beratungsanfragen sollte man am besten per E-Mail an die Beratungslehrer richten. Aktuell ist zudem Ferienzeit. Mehr Informationen gibt es hier.

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