Häusliche Gewalt gegen Männer Kratzen, Ohrfeigen – aber auch Kindesentzug

Von Georg Linsenmann 

Männern, die Schutz vor häuslicher Gewalt suchen, bietet die Sozialberatung Stuttgart jetzt eine Schutz-Wohnung an. Betroffene können dort bis zu drei Monate unterkommen. Der Beratungs- und Hilfsbedarf steigt.

Betroffene Männer sind eher selten körperlicher, sondern zumeist psychischer Gewalt ausgesetzt. Foto: EPD
Betroffene Männer sind eher selten körperlicher, sondern zumeist psychischer Gewalt ausgesetzt. Foto: EPD

Stuttgart - Frauen sind die Opfer, Männer sind die Täter. So einfach schien der Befund beim Thema häusliche Gewalt zu sein. Bundesweites Aufsehen erregte deshalb, als Anfang 2015 in städtischer Regie in Stuttgart das Projekt „Gewaltschutz für Männer“ gestartet wurde. Mit dieser „Pioniertat“ werde „ein letztes Tabu gebrochen“, war das Echo auf das Angebot für Männer, die in Ehe oder Partnerschaft von Gewalt betroffen sind. Von diesem Angebot haben im Jahr 2016 in der Stadt 36 Männer Gebrauch gemacht, dieses Jahr waren es bereits 40. Dass der Bedarf steigt, belegt auch die Zahl der Fälle von häuslicher Gewalt, zu denen 2016 in der Stadt die Polizei gerufen wurde: Als Täter aktenkundig wurden so 379 Männer, daneben aber auch 64 Frauen als Täterinnen.

Eigenen Beratungsraum geschaffen

Vor diesem Hintergrund wird nun das Angebot, das unter dem Dach der Fachberatungsstelle Gewaltprävention Stuttgart vom Verein Sozialberatung Stuttgart angesiedelt ist, neu sortiert: Zum einen gibt es nun einen eigenen Beratungsraum, der sich am Katharinenplatz 3 befindet. Damit wird die räumliche Trennung von Täter- und Opfer-Beratung möglich. Neu hinzu kommt, unter einer anonymen Adresse, ab sofort eine „Schutz-Wohnung“ für Männer, die in einer akuten Gewaltsituation die gemeinsame Wohnung verlassen wollen. Hier können sie bis zu drei Monate bleiben.

„Wenn Frauen Opfer von Gewalt werden, und zu 80 Prozent sind sie die Betroffenen, steht ihnen eine ganze Landschaft von Beratungsdiensten und Frauenhäusern zur Verfügung“, sagt Ursula Matschke, die Leiterin der Abteilung für individuelle Chancengleichheit, bei der Eröffnung des Büros. Von einem „Männerhaus“ wollte Markus Beck, der Leiter des Fachbereichs Gewaltprävention, angesichts von zwei Zimmern plus Gemeinschaftsraum nicht sprechen. Gleichwohl sei der „geschützte Wohnraum für Männer, die von Gewalt betroffen sind, ein weiterer Baustein zu deren Unterstützung“. Denn Männer seien im Fall des Falles „doppelt bestraft“: „Zum einen als Opfer von Gewalt, zum anderen als angeblicher Lolli, der sich alles gefallen lässt“, so Beck.

Psychische Gewalt ist schwierig zu greifen

Der Sozialarbeiter Thomas Säger, der betroffene Männer betreut, kennt „die ganze Bandbreite“ weiblicher Gewalttaten: „Kratzen, Zwicken, Ohrfeigen, mit Flaschen werfen“, sagt er und betont: „Viel schwieriger zu fassen ist die psychische Gewalt, denen Männer ausgesetzt sind. Beleidigungen, Demütigungen, permanente Kontrolle oder die Drohung auf Entzug der Kinder im Trennungsfall sind nicht minder gravierend als körperliche Gewalt.“ Diesen Dingen seien Männer „oft jahrelang ausgesetzt. Wenn sie dann zu uns kommen, sind sie fix und fertig, völlig am Boden“.

Hinzu komme „das Problem, dass sich Männer aus gesellschaftlichen Gründen und wegen eines stereotypen Männerbildes viel schwerer damit tun, Hilfe in Anspruch zu nehmen“, sagt Jürgen Waldmann. Der Sozialarbeiter hatte „Gewaltschutz für Männer“ in der Projektphase geleitet: „Wenn Männer zur Beratung kommen, ist der erste Schritt, dass sie sich nicht rausreden, sondern ihre Opferrolle erkennen. Erst danach geht es darum, wie sie aus dieser Rolle herauskommen, handlungsfähig werden und neu Verantwortung für sich übernehmen.“

Angebot gilt auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften

Mit der Neuformatierung des Angebotes, das auch für gleichgeschlechtliche Partnerschaften gilt, verbindet Ursula Matschke eine Hoffnung: „Wenn das Problem gesellschaftlich anerkannt und das Angebot allgemein bekannt wird, dann wird das Dunkelfeld kleiner. Wir sind hier erst am Anfang“ Sie vergleicht das mit der „Historie der Frauenhäuser“.

Was Markus Beck dann so auf den Punkt bringt: „Männer müssen sich emanzipieren. Sie haben die gleichen Rechte wie Frauen. Es muss normal werden, dass sie Hilfe bekommen und Hilfe annehmen.“