Handball bei Olympia 2021 Nikola Karabatic ist hungrig

Nikola Karabatic ist gefürchtet. Foto: AFP/Fabrice Coffrini

Der erfolgreichste Handballer der Welt will im Finale mit Frankreich die Goldmedaille.

Sport: Jochen Klingovsky (jok)

Tokio - Es ging um nichts mehr für die französischen Handballer im letzten Duell der Vorrunde, Gruppensieger waren sie bereits. Ärger gab es trotzdem. Nicht wegen der 29:32-Niederlage gegen Norwegen, sondern wegen einer ziemlich unnötigen Auszeit, welche die Skandinavier bei einer Zwei-Tore-Führung 23 Sekunden vor dem Ende genommen hatten. „Was für eine Verarschung“, motzte Nikola Karabatic nach der Partie in der Mixed-Zone den norwegischen Co-Trainer Börge Lund an, und er schaute ihn dabei an, als wolle er ihn gleich auffressen. Der Kannibale ist zurück.

 

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Diesen Spitznamen bekam Nikola Karabatic (37) verpasst, weil er der erfolgreichste Handballer der Welt und zugleich gefürchtet ist. Für seinen Hunger, immer noch mehr gewinnen zu wollen. Im vergangenen Oktober erlitt der Franzose einen Kreuzbandriss im rechten Knie, die WM im Januar war das erste Großereignis seit 2002, das er verpasste. Und jeder fragte sich: Reicht es für die Olympischen Spiele? Die Antwort hat der Superstar auf dem Feld gegeben – er führte das französische Team ins Finale der Giganten an diesem Samstag (14 Uhr/MESZ) gegen Weltmeister Dänemark. Und klar ist schon jetzt: Wer Gold will, muss an Karabatic vorbei. Der Rückraumspieler ist die große Führungsfigur der Franzosen. Der Denker und Lenker, aber auch der Kämpfer und Motivator. Einer, der da ist, wenn es drauf ankommt. Der Zeichen setzt – notfalls auch nach dem Abpfiff in der Mixed-Zone. Und der vorangeht, vor allem in den wichtigen Spielen.

Sonderlob vom Trainer

Wie im olympischen Halbfinale gegen Ägypten. Die Nordafrikaner hatten in der Runde zuvor das chancenlose deutsche Team entzaubert, ihre Dynamik, Körperlichkeit, Eingespieltheit und Abschlussstärke war beeindruckend. Doch dann kam Nikola Karabatic. Er machte beim 27:23-Erfolg nicht nur vier Tore, sondern war der entscheidende Mann bei den kampfstarken Franzosen. Hinterher bekam er von Trainer Guillaume Gilles ein Sonderlob. Zuvor hatte schon Bundestrainer Alfred Gislason erklärt: „Wenn Karabatic spielt, ist Frankreich definitiv eine andere Mannschaft.“

Zwar sind auch noch Luc Abalo (36) und Michael Guigou (39) aus der großen französischen Handball-Generation übrig, eine tragende Rolle haben die beiden Außen aber nicht mehr. Anders als Nikola Karabatic. „Sein unbändiger Wille uns seine Professionalität zeichnen ihn aus“, sagt Uwe Gensheimer, der Kapitän des deutschen Teams, der mit dem Franzosen bei Paris Saint-Germain zusammengespielt hat. Torhüter Johannes Bitter reicht ein Wort, um die Leistungen von Karabatic einzuordnen: „Unmenschlich!“

Der Siegertyp schlechthin

Der Franzose bestreitet in Tokio seine fünften Olympischen Spiele, 2008 und 2012 holte er Gold, 2016 Silber nach einem 26:28 gegen Dänemark. Die Liste seiner sonstigen Titel und Auszeichnungen ist viel zu lang, um sie komplett aufzuführen. Die wichtigsten Punkte? Welthandballer (3x), Weltmeister (4x), WM-Dritter (3x), Europameister (3x), EM-Dritter (2x), Champions-League-Sieger (3x), Deutscher Meister (4x) und Pokalsieger (3x), französischer Meister (13x) und Pokalsieger (8x), spanischer Meister (2x) und spanischer Pokalsieger (2x). Nur in einer Saison (2013) holte das Team, in dem er spielte, nicht die nationale Meisterschaft. Auch das zeigt, dass Karabatic der Siegertyp schlechthin ist. Was er nun im Olympia-Finale nochmals beweisen will. „Die Sommerspiele sind das Turnier mit dem größtmöglichen Druck, denn alle Welt schaut auf Dich“, sagte er während der Vorrunde der „Handballwoche“, „aber ich habe noch genügend Lust und Energie.“ Selbstverständlich ist das nicht.

Schwierige Moment nach Kreuzbandriss

In der Rehabilitationsphase nach der Kreuzband-OP erlebte Karabatic auch schwierige Momente. Einmal musste er wegen einer Thrombose für zehn Tage ins Krankenhaus, und dort wurde ihm klar, was wirklich auf dem Spiel steht. „Als ich las, was eine Thrombose bewirken kann, bekam ich ein bisschen Angst“, sagt er, „ich dachte damals nicht an Handball, ich dachte nur, dass ich jederzeit sterben könnte. Dies hat alles relativiert.“ Umso glücklicher ist er jetzt, wieder spielen zu können: „Handball ist das, was ich liebe. Vielleicht genieße ich es nun mehr als je zuvor.“ Und das Größte wäre, nochmals Olympiasieger zu werden.

Ein besonders wertvoller Erfolg

Bei der WM 2021 in Ägypten scheiterten die Franzosen im Halbfinale an Schweden, auch das Spiel um Platz drei gegen Spanien ging klar verloren. Allerdings ohne Nikola Karabatic. Nun ist die Führungskraft wieder da. Und somit auch die Zuversicht, selbst die Dänen um ihren Superstar Mikkel Hansen (zwölf Treffer beim 27:23 im Halbfinale gegen Spanien) schlagen zu können. Es wäre ein besonders wertvoller Erfolg. „Wir haben seit der WM 2017 kein Turnier mehr gewonnen“, sagt Nikola Karabatic, „diese Tatsache zeigt, wie außergewöhnlich es war, in den zehn Jahren zuvor fast überall gesiegt zu haben.“

Was nach Tokio kommt? Ist noch offen. Die nächsten Olympischen Spiele finden 2024 in Paris statt. Es wäre die perfekte Bühne für den letzten großen Auftritt des Kannibalen.

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