Handballer im Fokus Spagat des TVB Stuttgart: Zwischen Dorfverein und Großstadtclub

Der TVB zwischen Bittenfeld und Stuttgart Foto: StZ

Der TVB Stuttgart geht bereits in seine fünfte Saison der Handball-Bundesliga. Er hat sich inzwischen in der Landeshauptstadt etabliert, pflegt aber weiter auch seine Wurzeln.

Sport: Joachim Klumpp (ump)

Stuttgart - Noch vor dem Start ins Trainingslager in Österreich stand für die Handballer des TVB Stuttgart ein Pflichttermin auf dem Programm. An einem Samstag im Juli ging es nach Schorndorf zu einem örtlichen Metzger und Sponsor – Maultaschenkochen war angesagt. Was vor allem für die reichlich neuen Spieler eine ganz ungewöhnliche Erfahrung gewesen sein dürfte. Und was zeigt, dass der Verein versucht den Spagat zu meistern: zwischen Dorfverein und Großstadtclub.

 

Rein optisch schlägt sich das in dem neuen runden Logo nieder, das nun offiziell die Botschaft des Clubs verkörpert. Weiter mit dem Namen TV Bittenfeld im Zentrum des Wappens, erweitert aber durch die Worte Stuttgart und Handball. Sportlich, so das ungeschriebene Gesetz, soll zumindest eine Handvoll Spieler immer aus der Region stammen, aktuell verkörpern den Bezug ein halbes Dutzend Akteure. Nur zum Vergleich: Vor zwei Jahren kamen noch knapp 90 Prozent der Spieler aus Deutschland (nicht nur Württemberg).

Stuttgart war alternativlos

Der alternativlose Wechsel, so einst Geschäftsführer und inzwischen auch Trainer Jürgen Schweikardt, in die Landeshauptstadt geht nun bereits in die fünfte Saison, bisher wurde jedes Mal der Klassenverbleib geschafft. Doch mit Abstiegskampf allein wird das Projekt TVB auf Dauer kaum am Leben zu erhalten sein, dafür sind die Ansprüche in einer Landeshauptstadt eben zu groß. Auch wenn der VfB erneut beweist, dass er selbst in der zweiten Liga das Maß aller Dinge ist in Stuttgart.

Doch der Handball-Kosmos ist sogar im mitgliederstärksten Verband der Welt beschränkt. Und der Standort zu teuer, das ist ein Nachteil im Vergleich zu anderen Konkurrenten, gibt Schweikardt zu. In Lemgo oder Minden sind die Handballer Platzhirsche und werden entsprechend hofiert. In Stuttgart ist der Break-even-Point für die Porsche-Arena (6211 Plätze) erst bei 4000 Zuschauern erreicht. Das wurde bisher zwar stets geschafft, ist aber längst kein Selbstläufer mehr, zumal seit die Anwurfzeiten auf den eher ungünstigen Donnerstagabend und Sonntag verlegt worden sind.

Shuttle-Busse aus Bittenfeld

Nicht nur deshalb werden Zuschauer, die weiter zu rund zwei Dritteln aus dem Rems-Murr-Kreis kommen, mit kostenlosen Shuttle-Bussen von Bittenfeld und Umgebung bis fast vor die Halle gefahren, so viel Service muss sein. „Wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen“, sagt Schweikardt und räumt ein: „Wir haben auf dem Weg nach Stuttgart sicher ein paar Fans verloren.“ Deshalb kommt es ganz gelegen, dass mit der Scharrena und ihren 2251 Plätzen noch eine kleinere Alternative parat steht. Wobei das Wort Stuttgart keinem Fan über die Lippen kommt, der traditionelle „Biddafeld, Biddafeld“-Schlachtruf ist in Fleisch und Blut übergegangen. Aktuell sind pro Saison sieben Partien in der größeren Multifunktionsarena angesetzt. „Dort alle Spiele auszutragen, darüber können wir nachdenken, wenn wir mal 4000 Dauerkarten verkauft haben“, sagt Schweikardt zu der Zukunftsvision. Aktuell sind es knapp die Hälfte, wobei im Zuschauerbereich die Einnahmensteigerung begrenzt ist.

Das wissen die Verantwortlichen. „Wenn wir sportlich vorankommen wollen, müssen wir uns auch wirtschaftlich weiterentwickeln“, sagt Christian May vom Hauptsponsor Kärcher als Sprecher der Gesellschafterversammlung, die zudem den Beirat beruft. Womit der immer mal wieder auftauchende Vorwurf der Schweikardt-Connection (mit Bruder Michael und Vater Günter) etwas geradegerückt wird. May selbst weiß, dass der Umbruch notwendig war, aber auch Risiken birgt, falls es sportlich nicht so laufen sollte. Wobei die Integration von einem halben Dutzend Neuzugängen gerade im Handball nicht von heute auf morgen funktioniert. Dennoch nimmt er da auch den Trainer in die Pflicht. „Er muss schnellstmöglich eine Einheit formen.“

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Schweikardt ist die Problematik durchaus bewusst und sagt: „Ich stehe in der Verantwortung und suche sie auch – dann muss man mit Druck umgehen können.“ Ganz nebenbei kümmert er sich als einer der Geschäftsführer auch noch um die so wichtigen Werbepartner, vor allem um 15 bis 20 Bestandskunden, die dem Club seit Jahren die Treue halten. Insgesamt umfasst die Sponsorenpyramide nun um die 250 Namen, vom kleinen Einzelhändler aus Bittenfeld, der schon mit bescheidenen 250 Euro dabei ist, bis zu Hauptsponsor Kärcher, der inzwischen einen mittleren sechsstelligen Betrag aufbringen dürfte, nachdem auch er mal klein angefangen hat: mit 5000 Euro.

Der Etat des Bundesligisten hat sich seit dem Aufstieg verdoppelt, liegt nun bei gut vier Millionen Euro, doch die Schritte nach oben werden kleiner. Warum? Weil es ab einem gewissen Punkt nicht mehr so einfach ist, Partner zu finden, die im sechsstelligen Bereich einsteigen. „Da braucht es bei den Entscheidungsträgern schon eine gewisse Handballaffinität“, weiß May. Etwas unpassend ist dabei, dass der zweitgrößte Sponsor Wohninvest aus Fellbach in juristische Ermittlungen verwickelt ist, auch wenn zunächst einmal die Unschuldsvermutung zu gelten hat. „Gut ist das aber nicht“, sagt auch May. Zumal das Immobilienunternehmen gerade erst bei Fußball-Bundesligist Werder Bremen die Rechte für den Stadionnamen auf zehn Jahre erworben hat, und das für stolze 30 Millionen Euro. Die hätten auch dem TVB gutgetan, der dann sportlich leichter den nächsten Schritt hätte vollziehen können. Doch Fußball bietet mehr Reichweite und ein größeres Netzwerk.

Neue Aufgaben auf der Geschäftsstelle

Um das zu forcieren, stehen auch beim TVB abseits des Feldes die Räder nicht still. Seit einem Jahr ist Sven Franzen im Amt. Auch wenn der öffentlich kaum in Erscheinung tritt, sagt May: „Er entlastet Jürgen Schweikardt und wirkt eben mehr nach innen“ – zum Beispiel mit dem Entwurf des neuen Logos. In diesem Sommer wurden auf der Geschäftsstelle in Waiblingen (nicht Stuttgart) nochmals drei neue Stellen geschaffen. Ex-Spieler und Neu-Horkheim-Trainer Michael Schweikardt ist für Scouting und Anschlussförderung von Talenten zuständig, Pressesprecher Philipp Klaile als Leiter Vertrieb und Kommunikation künftig für Sponsorenakquise und Markos Kastanis für die Betreuung der Neuen Medien. Abseits von Zuschauern und Sponsoren bleiben im Handball als Einnahmequelle noch TV-Gelder (um die 250 000 Euro von Sky), während das im Fußball so beliebte Merchandising kaum eine Rolle spielt, wenn man von vielleicht 200 verkauften Trikots im Jahr ausgehen kann. Deshalb wurde diese Sparte nun an den großen Nachbarn VfB abgegeben, um damit nicht einen weiteren Klotz am Bein zu haben.

Der Weg soll dennoch weiter nach oben führen, behutsam, Stück für Stück, womit der Verein bisher zumindest gut gefahren ist: Kontinuität und Verlässlichkeit hat sich der TVB auf die Fahne (nicht aufs Logo) geschrieben. „Das ist vielleicht nicht immer die spektakulärste Ausrichtung“, gibt Jürgen Schweikardt zu, der aber nichts von Harakiri-Aktionen hält, „da sind wir vielleicht drei Jahre oben und dann weg vom Fenster“. Wie einst der HSV – im Handball. Vom Champions-League-Sieger in die Insolvenz. So etwas kommt für die Schwaben nicht infrage, auch wenn sie den Beinamen Wild Boys tragen. May weiß aber: „Wir müssen liefern.“ Denn irgendwann will der TVB auch mal in den Kampf um die Europapokalplätze – da sprechen wir von Rang sechs, sieben – eingreifen. „Das muss das Ziel sein“, sagt Routinier Manuel Späth, der mit Frisch Auf Göppingen zweimal den EHF-Cup gewann. Denn das Niemandsland in der Bundesliga ist auf Dauer tödlicher als Abstiegskampf, gerade in Stuttgart, wo viele Clubs um Fans und Sponsoren buhlen. May weiß: „Zeit haben wir eigentlich keine.“ Je schneller der Erfolg kommt, umso besser.

Der Bierpartner kommt aus Stuttgart

Doch der dänische Nationaltrainer Nikolaj Jacobsen (zuletzt bei den Rhein-Neckar Löwen) hat in der „Handball-Woche“ geunkt: „Wenn ich auf die lange Liste der Abgänge schaue, dann bekomme ich Sorgen um Stuttgart“ – und nur zwei Bälle verteilt, heißt übersetzt: Kellerkind, das wird eng. May bleibt noch gelassen: „Um den nächsten Schritt nach vorne zu machen, muss man manchmal zunächst auch einen kleinen zurückgehen.“

In Sachen Vermarktung geht der Verein aus dem Waiblinger Teilort mit seinen nicht einmal 5000 Einwohnern weiter voran. Passend zu den Maultaschen hat der TVB zuletzt Hofbräu (für Distelhäuser) als neuen Bierpartner präsentiert. Noch ein Signal in Richtung Stuttgart – und ein Prosit auf eine erfolgreiche Zukunft?

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