Handballstadt Bietigheim-Bissingen Top-Frauenteam geht nach Ludwigsburg

Die Handballerinnen der SG BBM (hier in der vergangenen Saison) ziehen im Sommer nach Ludwigsburg. Ihnen fehlt eine adäquate Halle in Bietigheim-Bissingen. Foto: Baumann

Das Zweitligahandballer aus Bietigheim-Bissingen werben noch mit dem Slogan „Handballhochburg“, aber die Stadt verliert mit dem Frauenteam ein Aushängeschild. Seit 100 Jahren wird an Enz und Metter Handball gespielt – die Zukunft aber ist offen.

Ludwigsburg: Frank Ruppert (rup)

Vor 100 Jahren fand das erste Feldhandballspiel in Bietigheim statt, zwischen dem Vorläufer des heutigen TSV Bietigheim und der Sportvereinigung Bissingen. Das wird gefeiert: Die Zweitliga-Mannschaft der SG BBM läuft beim Spiel gegen den TV Großwallstadt an diesem Samstag mit Sondertrikots auf, und es wird mit einigen Handballlegenden gerechnet.

 

Von den rustikalen Anfängen auf Spielfeldern, auf die noch Bäume ragten, hat sich der Handballsport in der Stadt stark weiterentwickelt, weiß Rudolf Sauerbrey. Er war mehr als 40 Jahre Jugendtrainer in Bietigheim und hat schon vor 50 Jahren über jenes erste Spiel geschrieben. „Anfangs waren das ein paar Jungen, die sich zum Spiel gegen die Bissinger verabredet haben. Später kamen zu so einem Derby schon mal 2000 Menschen“, sagt Sauerbrey.

Zusammen ging es aufwärts

Lange entwickelte sich der Handball an drei Standorten unabhängig: In Metterzimmern, in Bietigheim und Bissingen. Bissingen hatte als erstes eine Handballabteilung und gewann auch jenes erste Spiel. „So richtig Fahrt nahm die Entwicklung mit der Gründung der SG BBM auf“, sagt Sauerbrey. Die eigenständigen Handballabteilungen der drei Vereine schlossen sich zusammen (1997 zunächst der TSV Bietigheim und der TV Metterzimmern, 2007 und 2008 dann die Bissinger Handballer und die Handballerinnen). Es folgte eine Professionalisierung, deren Ergebnis die Erfolge der Frauenmannschaft (viermal deutscher Meister, dreimal DHB-Pokal-Sieger, European-League-Sieger) und des Männerteams (zwei Aufstiege in die Erste Bundesliga) sind. Heute wirbt man stolz damit, „Handballhochburg“ zu sein.

Ab der nächsten Saison tritt die Frauenhandball-Mannschaft allerdings nicht mehr für die SG BBM an, sondern für die HB Ludwigsburg. Gespielt haben die Frauen wichtige Spiele schon seit einiger Zeit in der MHP-Arena. In Bietigheim steht die Halle am Viadukt zur Verfügung, die ist ab kommender Saison wegen einer Änderung der Bundesligavorgaben nicht mehr für Spiele in der höchsten deutschen Spielkasse nutzbar. Es fehlt eine zweite Tribünenseite. Eine Ausweichmöglichkeit, die die Zweitliga-Handballer der SG BBM nutzen, ist die Ege-Trans-Arena. Dort spielen in der Regel die Steelers, ein Zweitliga-Eishockey-Team. Die Halle ist sehr weitläufig und das Spielfeld deutlich größer als beim Handball – für viele Handballfans eine dürftige Alternative. Oberbürgermeister Jürgen Kessing hat aber immer wieder auf die Ege-Trans-Arena als Ausweichspielstätte verwiesen, ein Hallenneubau sei zu teuer. Das hat das Frauenteam und seinen Mäzen Eberhard Bezner nicht davon abgehalten, den Umzug zu verkünden. Wegen der Halle und besserer Sponsorenmöglichkeiten zieht man in die Barockstadt.

Sportflächen insgesamt rar

Günter Krähling, der Vorsitzende des Stadtverbands Sport und des TSV Bietigheim, fordert schon länger, eine weitere Halle zu errichten. „Nicht nur die Handballer, auch andere Sportarten brauchen mehr Fläche“, sagt er. Die Hoffnung, dass man in der schuldenfreien Stadt einen Kredit dafür aufnimmt, hat Krähling, selbst Stadtrat, aber aufgegeben. Die Stadt geht bei den Sportstätten zunächst die Tribünenüberdachung im Ellental-Sportpark an. Auch ein neues Hallenbad muss warten.

Sauerbrey ärgert der Wegzug der Frauen. „Der wäre aber irgendwann ohnehin gekommen“, sagt er. Ein offenes Geheimnis ist das schlechte Verhältnis von Bezner und Kessing. Viel mehr ärgert Sauerbrey, dass die Stadt, als sie das Geld vor Jahren noch hatte, nicht in eine neue Halle investiert hat.

Dass der Wegzug nicht nur negativ sein kann, glaubt Irmtraud Prokosch. Sie hat zu den ersten gehört, die in Bietigheim eine Frauenhandballmannschaft aufgebaut haben und engagierte sich lange beim TV Metterzimmern. „Vielleicht haben jetzt die Talente eine bessere Chance, in die erste Mannschaft zu kommen“, hofft sie. Wie Sauerbrey geht sie davon aus, dass die Jugend dem Verein die Treue halten wird. Rund 500 Aktive spielten bei der SG BBM, und keiner der Trainer habe sich für einen Wechsel entschieden.

Vorbilder für Mädchen gehen

Die Jugendarbeit hat auch Wolfgang Heyd mitgeprägt – in Bissingen. Heyd selbst spielte in den 1970er-Jahren in der ersten Mannschaft Bissingens. Der Wechsel der Frauenmannschaft nach Ludwigsburg ärgert ihn, weil damit auch Vorbilder für Nachwuchsspielerinnen die Stadt verlassen. Er hätte sich von der Rathausspitze mehr Wertschätzung für die Handballerinnen gewünscht.

Nach dem Wegzug der in einer GmbH organisierten Frauenmannschaft wird künftig wohl die zweite Mannschaft, die aktuell in der Verbandsliga spielt, zur ersten werden. Einen Aufstieg in Profigefilde hält Sauerbrey aber für unwahrscheinlich. Dazu fehlt – man ahnt es – unter anderem eine Halle.

Zuschauer
 Die nun nach Ludwigsburg wechselnden Handballerinnen der SG BBM haben es in der vergangenen Saison auf einen Schnitt von 821 Zuschauern pro Bundesliga-Heimspiel gebracht. In der aktuellen Saison stehen sie bei durchschnittlich 713 Zuschauern, in der Champions League kommen allerdings durchschnittlich 2069 Zuschauern zu den Spielen, die alle in Ludwigsburg ausgetragen werden. Das Männerteam der SG BBM aus der zweiten Liga kamen vergangene Saison auf 1492 pro Heimspiel. 1632 Zuschauer verfolgen diese Saison bislang im Schnitt die Spiele in Bietigheim.

Kapazitäten
 Die Sporthalle am Viadukt in Bietigheim wurde 1957 gebaut und fasst 1300 Zuschauer. Die 2012 eröffnete Ege-Trans-Arena hat ein Fassungsvermögen von gut 4500 Zuschauern. Die MHP-Arena in Ludwigsburg wurde 2009 eröffnet und bietet je nach Nutzung zwischen 3800 und 6700 Plätze.

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