Hannelore Schlaffer „Rüpel und Rebell“ Die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen: Vom Bürgerschreck zum Musterschüler

Intellektueller von Beruf: Der Philosoph Richard David Precht und sein ZDF-Talkgast, die Autorin und Politikerin Marina Weisbrand Foto: ZDF

Früher hat der Intellektuelle den Rebellen gegeben – heute inszeniert er sich in den Medien. In ihrem neuen Buch „Rüpel und Rebell“ erzählt die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin Hannelore Schlaffer die Erfolgsgeschichte des Intellektuellen. Lesen Sie hier eine leicht gekürzte Fassung des Schlusskapitels.

Stuttgart - Der Bürger und der Intellektuelle pflegen ein spannungsvolles Verhältnis. Sie begegnen sich mit Misstrauen und sind doch aufeinander bezogen. Der eine bricht die Tabus, die der andere ihm präsentiert. In ihrem neuen Buch „Rüpel und Rebellen“ erzählt Hannelore Schlaffer die Geschichte dieser konfliktreichen Symbiose, die auch die Geschichte einer wechselseitigen Zähmung ist. Wir drucken daraus eine leicht gekürzte Fassung des Schlusskapitels.

 

„Noch nie“, so konstatiert die Zeitschrift „Cicero“ anlässlich der neuesten Liste der 500 wichtigsten deutschsprachigen Intellektuellen, „waren Intellektuelle so einflussreich wie heute“ – und erst seit Kurzem muss man ihrer fünfhundert auf einen Schlag aufzählen, um das zu glauben.

Eigentlich müsste es für den Intellektuellen peinlich sein, auf einer Liste zu erscheinen, denn seiner Herkunft nach ist er Einzelgänger, Flegel, Querulant, Rechthaber und alles andere als ein „Platzierter“. Das Glück, auf einer Rangliste zu erscheinen, ist ein sportlicher Erfolg. Bemerkt werden auch hier, wie auf den Weltranglisten des Tennis-, Rad- oder Motorsports, die ersten Plätze, gefeiert vor allem die, die jemanden von diesem Platz verdrängen. Die Zeitschrift zwar ehrt ausdrücklich die „Deutungsmacht“ der Platzierten. Tatsächlich entscheidet die Zahl den Rang. „Cicero“ prüft Zeitungen, errechnet Zitationen im Internet, in Bibliografien und unternimmt Recherchen bei Google Scholar.

Längst keine armen Schlucken mehr

Heute ist Intellektualität ein von den Medien arrangierter Auftritt. Der Intellektuelle „flaniert“ durch Zeitungen, Fernsehanstalten, soziale Netzwerke. Im Alltag begegnet man der intellektuellen Provokation kaum mehr, nicht auf Straßen, nicht im privaten Salon, kaum je an Universitäten und in Literaturhäusern. Zum bevorzugten Salon der Intellektuellen ist das Fernsehen geworden. Dort treten sie in Scharen auf und sind beliebter als alle Rüpel, Caféhausliteraten und Dandys von einst. Rüpel sind die Platzierten jedoch selten noch; inzwischen ist man Intellektueller von Beruf. Die ersten Plätze der „Cicero“-Rangliste nehmen Bestverdiener ein: Je mehr Auftritte im Fernsehen, desto besser der Bücherverkauf, desto häufiger Einladungen zu weiteren Auftritten, desto höhere Honorare. Arme Schlucker, wie sie die Damen des 18. Jahrhunderts bewirteten, sieht man auf dem Podium selten.

Der Stil der Provokation hat sich durch den Fernsehauftritt von der Erscheinung in die Rede, und in sie allein, verlagert. Nicht das Kleid dient dem Intellektuellen als Mittel der Provokation, wichtig ist, was über seine Lippen kommt. Die Fernsehkamera rückt seinen Kopf in Großaufnahme in den Blick, Mund und Auge zeigen sich bewegt, der Körper sitzt und hält still. Über Kleid, Haltung, Bewegung, Gang, die einstigen Mittel der intellektuellen Provokation, sieht die Kamera fast ganz hinweg.

Eher denn nach einem Ausgehkleid des Körpers, das Konvention und gute Sitte provozieren würde, müsste man nun nach einem Ausgehkleid des Wortes suchen. So ist es eine dem Medium angemessene Frechheit des geladenen Gastes, wenn er seine Gedanken schwer verständlich ins Mikrofon raunzt. Durch die Nase zu schnauben ist ein mediengerechter Ausdruck von Verachtung, den Peter Sloterdijk, Intellektueller alten Stils, als Geste der Verachtung zelebriert. Eine andere Taktik, die die „Deutungsmacht“ des Intellektuellen mit der ihm eigentümlichen Rücksichtslosigkeit bekundet, ist die Dauerrede. Schwadroneur war der Intellektuelle immer schon. Rüpelhaft wird sein Benehmen, wenn er keinen mehr zu Wort kommen lässt. Wortabschneider sind beim Fernsehgespräch nicht selten. Die Dauerrede gibt sich als erregtes Engagement für ein Thema.

Vom alten Salon zur neuen TV-Unterhaltung

Das Endlosreden kann freilich auch ein eigenes Talent zum Galopp sein, das der Zuschauer nicht ungern miterlebt. Richard David Precht ist in dieser Disziplin kaum zu überbieten. Jedes Zögern eines Gastes, dem er eine Frage stellt, beendet er, falls dieser auch nur einen Augenblick nachdenkt, mit dem Einwurf: „Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen!“ – und schon gibt er sich eine Antwort, die seine.

In den meisten Fällen aber hat der geladene Intellektuelle kaum noch Lust, das Schauspiel „Rüpel und Rebell“ zu spielen. Er stellt sich dem Ernst eines Themas und akzeptiert die Diskussionsteilnehmer, Koryphäen meist ihres Faches, die mehr wissen als er. Ihre Aussagen umgibt er, wie erwünscht, mit dem gehörigen philosophisch-historischen Zweifel. Der Rüpel von einst ist der Musterschüler von heute.

Die Herkunft der neuen Unterhaltung aus dem alten Salon belegen die Namen der Sendungen. Bei der Einführung der Talkshow war es die Nacht, die Zeit der vergnügungssüchtigen Aristokraten, der intellektuellen Bohème und schriftstellernden Nachtarbeiter, die im Titel der Sendung erschien: „Je später der Abend“ hieß eine, zu gleicher Zeit trafen sich die sehr späten Nachtschwärmer beim „Frühschoppen“, danach lud man zum „Nachtcafé“ , heute noch gibt es die „Sternstunde der Philosophie“. Viele Sendungen tragen, in Erinnerung an die einladende Salondame, den Namen der Moderatorin, „Nicole“, „Arabella“, „Sonja“ – man spricht, wie einst die intimen Freunde des Salons, von der Dame mit Vor- oder Kosename.

Der Rebell wird zum gestressten Flaneur

Der Intellektuelle trifft in diesen Sendungen aber auf ein anderes Publikum als auf jenes in den Salons. Optisch haben sich die opponierenden Typen des 19. Jahrhunderts, der Intellektuelle und der Bürger, einander angeglichen. Dieser optischen Mimikry folgt notwendig eine des Kopfes: Gedankenaustausch ist zum demokratischen Statussymbol, ja zur Pflicht geworden. Menschenkenntnis und Vernunft, diese Kapazitäten des Intellektuellen, haben sich bewährt und fordern die allgemeine Anstrengung heraus. So muss der Rebell schließlich das innere Grollen aufgeben in einer Gesellschaft, die nicht nur reich ist, sondern, dank der neuen Medien, an Information und Belehrung überreich.

Die vage Aufmerksamkeit gegenüber gesellschaftlichen und politischen Problemen, die man Intellektualität nennt, macht sich jedermann zur Pflicht und obliegt ihr, indem er Talkshows verfolgt und danach mit stolzer Nachlässigkeit auf der Straße sein kritisches Bewusstsein zur Schau trägt. Der Rebell von einst jedoch ist zum gestressten Flaneur geworden, der von einer Fernsehsendung zur nächsten eilt, von einem Podium zum andern. Hier wie dort findet er ein Publikum, das lauscht und seinen Auftritt studiert.

So wachsen viele Intellektuelle heran. Keine größere Ehre kann heute einem Menschen widerfahren, als dass man ihn einen Eigenbrötler, einen kritischen Individualisten, einen Intellektuellen eben nennt. Der unangepasste Sonderling verblasst in einer Gesellschaft, in der alle den unangepassten Sonderling spielen.

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