Hans-Christoph Rademann Der Scheue mit dem eisernen Willen

Hans-Christoph Rademann in der Stuttgarter Liederhalle Foto: Holger Schneider
Hans-Christoph Rademann in der Stuttgarter Liederhalle Foto: Holger Schneider

Seit einem Jahr leitet Hans-Christoph Rademann die Stuttgarter Bachakademie. Am Wochenende beginnt das zweite Musikfest unter seiner Leitung. Ein Porträt.

Leben: Götz Thieme (göt)
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Stuttgart - In der mit Kopfstein gepflasterten Nebenstraße des Stuttgarter Bohnenviertels ist Hans-Christoph Rademann noch nicht gewesen. Ihm gefällt die Ecke mit Antiquitätenhändlern, dem In-Café, der Galerie, dem Büro von Innenarchitekten und dem urbanen Bistro, der Ort der Verabredung – wie überhaupt die Stadt und ihre Topografie. Es sind die „Blickfänge“, wenn er etwa von Süden in die Stadt hinabfährt, die ihn begeistern, und dass Stuttgart beispielsweise beim öffentlichen Nahverkehr so gut funktioniert. 2013 ist Rademann mit seiner Familie aus dem Sächsischen hergezogen. Seit gut einem Jahr ist der 49-Jährige künstlerischer Leiter der Internationalen Bachakademie Stuttgart (IBA). Der Nachfolger von Helmuth Rilling hat „ein Hochgeschwindigkeitsjahr“ hinter sich, das „aufregend und anstrengend“ gewesen sei.

Jetzt steht das Musikfest bevor, sein zweites, er steckt im Partiturstudium zum Eröffnungskonzert, versucht für Joseph Haydns Oratorium „Die Schöpfung“, gebaut aus einzelnen Nummern, ein „Gesamtgefühl“ zu bekommen. „Nicht nur fünfzig Meter im Blick haben, sondern zehn Kilometer.“ Wie sein Vorgänger wird er das Musikfest als Dirigent prägen. Aber auch wenn jetzt die Neue Weinsteige mit seinem Porträtfoto plakatiert ist: man kennt ihn in der Stadt noch zu wenig, und das gefällt Rademann nicht. Er sagt das nicht aus Eitelkeit, sondern weil er überzeugt ist, etwas anzubieten, das lohnt, wahrgenommen zu werden.

Überhaupt der Vorgänger, der geschätzte, dessen Gesprächskonzerte Rademann sehr bewundert – da formuliert der Bachakademiechef taktisch, hält sich, wie überhaupt im Gespräch, wenn es auf Kulturpolitisches und Privates kommt, bedeckt. Die öffentliche Beobachtung ist ihm als Künstler zwar vertraut und nicht unangenehm, aber die Presse, die Medien – da bleibt er wachsam. Er hat früh viel Kritik einstecken müssen als Bachakademiechef.

Trubel im Spätherbst

Nicht gern wird er an den Trubel im Spätherbst des vergangenen Jahres erinnert. Da wurde bekannt, dass eine halbe Professur für Chorleitung und Chordirigieren an der Stuttgarter Musikhochschule so eingerichtet werden sollte, dass trotz korrekter offener Ausschreibung nur einer dafür infrage kommen konnte: Hans-Christoph Rademann. Der Wunschkandidat sollte die Zusammenarbeit von Hochschule und Bachakademie ausbauen. Innerhalb der Hochschule rumorte es. Einige Medien kommentierten das unfreundlich, un­terstellten einen unlauteren Deal, ausgehandelt bei seiner Berufung zur Bachakademie. Rademann zog seine Bewerbung zurück. Aus seinem Umkreis heißt es, die Affäre habe ihn ziemlich verstört, ja, er hätte kurz an einen Rücktritt vom gerade angetretenen Amt gedacht.

Vorbei. Rademann will nicht zurückschauen, denn das erste Jahr hier habe ihn ansonsten enorm beflügelt. Und als Realist weiß er: „Der Idealfall tritt leider nicht ein.“

Andere Probleme müssen angegangen werden. Rademann sieht die Bachaka­demie mitten in einem Umbruch. Die Rilling-Fans bleiben aus – und nicht nur die, auch langjährige Unterstützer, und das betrübt ihn, gerade jetzt, wo es um die Sache geht. Es bröckelt also, und das neue, junge Publikum, das sich für seine Arbeit und neue Angebote der IBA interessiert, füllt noch nicht die Säle.

„Herkunft“ heißt das Motto des Musikfests

Da ist er wieder: der Schatten. Helmuth Rilling. Der Vorgänger ist ungebrochen aktiv, mit einem neu gegründeten „Bach Ensemble Helmuth Rilling“ tritt er in der kommenden Saison in Deutschland und Moskau auf. Eine Woche nachdem Rademann mit dem Bach-Collegium Stuttgart und der Gächinger Kantorei im Dezember in der Liederhalle das Weihnachtsoratorium aufführen wird, hat sich Rilling mit seinem Bachensemble und der Chorakademie Lübeck in Esslingen und Leonberg angekündigt. Mit dem Weihnachtsoratorium. Die Unschärfe, besonders in der internationalen Wahrnehmung, wer da für welche Institution mit welchem Ensemble unterwegs ist, kann Hans-Christoph Rademann nicht gefallen. Aber er kommentiert es nicht.

Bei aller äußeren Zurückhaltung: der enorme Wille dieses Musikers ist offenkundig. Ebenso wie seine Beharrungs- und Bindungskraft. „Herkunft“ heißt das Motto des Musikfests – ein Thema, das nicht gesucht wirkt, sondern Rademann tatsächlich etwas zu bedeuten scheint. Das könnte Brisantes bergen, wenn man an die gegenwärtige Debatte denkt, die politische Korrektheit zum heiligen Gral erhebt und Herkunft darum als einen Begriff verteufelt, der Trennendes benennt – und das darf in einer Gesellschaft nicht sein, die die Gleichheit ihrer Mitglieder postuliert, ungeachtet der Realitäten.

Rademann freilich setzt tiefer an: „Herkunft ist erst einmal Heimat“, sagt er beim abendlichen Termin und bestellt statt mediterraner Dorade lieber Matjesfilet mit Bratkartoffeln. Rademanns Wurzeln liegen im Erzgebirge. In Dresden geboren, wuchs er in Schwarzenberg auf, sein Vater war Kirchenmusiker, und früh half Hans-Christoph an der Orgel beim Registrieren. Genauso früh wusste er, dass er ein Musiker ist – und verfolgte sein Ziel mit Sturheit. Mit zehn wollte er in den Dresdner Kreuzchor, die Eltern waren dagegen, er setzte sich durch, obwohl ihn im Internat in der gut 120 Kilometer entfernten Elbestadt dann heftiges Heimweh erwischte.




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