Hans-Peter Haas, der Siebdrucker von Dalí und Christo Unter Druck
Hans-Peter Haas ist ein in der Kunstszene weltweit anerkannter Siebdrucker. Nun will er sein Werk für die Nachwelt ordnen. Doch das ist nicht einfach, trotz vieler großer Namen.
Hans-Peter Haas ist ein in der Kunstszene weltweit anerkannter Siebdrucker. Nun will er sein Werk für die Nachwelt ordnen. Doch das ist nicht einfach, trotz vieler großer Namen.
Echterdingen - Der Blick des Künstlers richtet sich zumeist auf die Zukunft. Er denkt Dinge, die noch niemand gedacht hat, schafft Dinge, die es zuvor nicht gab, führt zusammen, was zuvor noch nicht zusammenpasste. Was macht der Künstler da mit der Vergangenheit, mit dem bereits Gedachten, bereits Geschaffenen, bereits Zusammengeführten?
Einer, der gerade an dieser schwierigen Kreuzung zwischen Zukunft und Vergangenheit steht, ist Hans-Peter Haas, Siebdrucker. Geboren 1935 in Stuttgart, ging er in den 1950er Jahren in Luitpold Dombergers renommierter Stuttgarter Werkstatt in die Lehre. Gemeinsam mit seinem Meister revolutionierte Haas die Vervielfältigungstechnik, die aus der Werbebranche kam. Domberger und Haas machten den Siebdruck weltweit für die erste Liga der grafisch und malerisch gestaltenden Künstler salonfähig. Ab den 1960er Jahren ist Haas’ Ein-Mann-Atelier in Stuttgart-Münster eine Adresse für Künstler wie Salvador Dalí, Hans Mack, Christo, HAP Grieshaber, Ruprecht Geiger, Hans Arp, Max Ernst, Max Ackermann und Roy Lichtenstein.
Aber: Ist Haas damit auch ein Künstler? Ein Siebdrucker ist ein Dienstleister. Haas fertigt im Auftrag eines Künstlers oder dessen Galerie Kopien eines Originals, eine Serigrafie. Er erdenkt kein Motiv, er ist nicht schöpferisch tätig. Und doch gelten Siebdrucker wie Haas oder „HPH“, wie man ihn auch in der Kunstszene kennt, vielen Künstlern als Künstler. Haas sei das „dritte Auge des Künstlers“, sagt der Münchener Grafiker Günter Fruhtrunk. Ein guter Drucker könne die Seele eines Bildes und die Komposition der Farben und Formen verstehen, um diese im Druck einzufangen. „Für meinen Drucker-Künstler“, signierte der Maler Hans Mack, Mitbegründer der international einflussreichen Zero-Gruppe, seinem Drucker Hans-Peter Haas eine Serigrafie.
Bis vor rund einem Jahr noch stand Haas mit weit über 80 Jahren jeden Tag in seinem Atelier. Dann kamen mehrere Schlaganfälle. Die Zukunft ist seitdem etwas aus dem Blick geraten. Denn immer dringlicher schiebt sich die Vergangenheit in den Fokus: Was tun mit dem bisher Geschaffenen, dem Lebenswerk, der Sammlung Haas?
„Kommen Sie doch bitte rein.“ Hans-Peter Haas steht in der Tür seiner Werkstatt, die er Atelier nennt und die zugleich auch seine Wohnung ist. Sie liegt in einem Mischgebiet in Echterdingen. Ein Lagerhallenflachbau am Rande der Wohnbebauung, zwischen Discounter-Parkplatz und Tanzschule. Seit 1993 lebt und arbeitet Haas hier. Auf den Fildern gefällt es ihm. Freier könne er hier arbeiten, es sei alles nicht so hektisch wie drunten in Stuttgart.
Der große Künstler ist ein kleiner Mann, der an diesem Nachmittag mit einer dunkelgrauen Stoffhose und einem dunklen Hemd mit Blumenmuster bekleidet ist. Haas streckt zunächst die Hand aus, korrigiert sich dann leise lächelnd und bietet Corona-gerecht den Ellenbogen an. Eine überraschend jugendlich-modern anmutende Geste für einen 85-Jährigen. „Folgen Sie mir bitte“, sagt er und verschwindet ohne Einleitung in einem Werkraum, der fast vollständig von einem Kopiertisch ausgefüllt wird.
An den Wänden hängen in mehreren Reihen gerahmte Serigrafien von Roy Lichtenstein und Gerhard Neumaiers Serie „Die vier Quartette des Geistes“. Haas sagt während der Führung nichts, er lässt sein Atelier für sich sprechen. 180 Drucke von 150 Künstlern.
Nächster Raum: In einer Art Werkhalle stehen eine mehrere Jahrzehnte alte Druckmaschine, ein Regal voller Farbdosen und Töpfe mit eingetrockneten Farbpasten. Und: noch mehr Wand, noch mehr Drucke. Mehrere Reihen Hans Mack: Kompositionen aus knalligen Blautönen, in Gelb eintauchendes Pink. Darunter, kleine, mit Bleistift kalligrafierte Widmungen des Zero-Künstlers: „Für Meister Haas“ oder „Für Herrn Haas, meinen Meisterdrucker“.
Anfang der 1960er Jahre begann der Aufstieg von HPH. Eines Tages habe der Galerist von Max Ernst angerufen. Bis dahin hatte Haas für die regionale Künstlerszene gedruckt. Und dann der Anruf, der ihn in andere Umlaufbahnen katapultierte. Angst, den hohen Erwartungen des damals schon weltberühmten Malers nicht gerecht zu werden, hat Haas nicht gehabt: „Nein, gefreut habe ich mich.“ Das sagt er so ruhig und beiläufig, wie er das ganze Gespräch über bleiben wird.
Den Geist eines Bildes erspüren, Schablonen anfertigen, Farben sehen, mischen, drucken: Das war bis vor Kurzem der Alltag des Mannes, der in einem Bett im Büroraum seines Ateliers schläft. Wenn Haas sich im Bett aufrichtet, fällt sein Blick zuerst auf sein aktuelles Projekt an der Wand gegenüber: eine Halbstudie für eine Serigrafie eines der Architekturbilder des deutschlandweit gefragten Stuttgarter Künstlers Ben Willikens. Normalerweise benötigt Haas acht Werktage für einen Druck nach seinen Qualitätsmaßstäben. Aber dieser Willikens-Auftrag wartet bereits seit mehr als einem Jahr dort. Der Druckstudie fehlen nur noch ein paar Farben. Dem Druckkünstler jedoch fehlt die Kraft. Die Leidenschaft, die brenne noch in ihm, sagt Hans-Peter Haas. Aber an manchen Tagen könne er nicht mal eine Wasserflasche öffnen. Und auch die Kopfarbeit ermüde ihn immer mehr. „Ich versuche alles, um wieder gesund zu werden“, sagt er und klingt dabei wütend und traurig.
Beschwerlich steht er auf und geht zum Trockenwagen in der Werkhalle. Er klappt den Trockenwagen auf. In diversen Laden immer wieder Probeserigrafien des Willikens-Themas. Für einen Laien jedes Mal exakt das gleiche, perfekte Abbild. „Nein“, sagt Haas und klingt dabei fast unwirsch. Mit seinem Finger fährt er über einen Farbstreifen. „Hier hatte ich die Schablone noch nicht genau genug geschnitten.“ Und wenn es nicht perfekt ist, also perfekt im Haas’schen Sinne, dann verlässt kein Druck sein Atelier. Ben Willikens wartet derweil. Weil er Haas nicht nur geschäftlich, sondern auch in Freundschaft verbunden ist und keinen anderen haben will.
Noch im Frühjahr 2020 wird Haas’ Drucke-Sammlung, zu diesem Zeitpunkt ist der Siebdrucker bereits angeschlagen, auf der Kunstmesse Art Karlsruhe mit einer Sonderschau groß gefeiert. Zum einen ist er der erste noch lebende Sammler, der dort ausstellt. Zum anderen ist mit seiner Sammlung zum ersten Mal die Werkschau eines Dienstleisters zu sehen. Christian Gögger, Kurator des Esslinger Kunstvereins, ist mit Haas befreundet und organisierte in dessen Auftrag den Transport und die Einrichtung der Sonderausstellung. In jener Frühlingswoche in Karlsruhe beobachtet Gögger mit Freuden die Genesung. „Die eine Woche auf der Art Karlsruhe war für HPH wie eine Reha. Er ist mit jedem Tag gesünder geworden.“ Morgens sei Haas gestützt auf das Messegelände gekommen, abends konnte er dann beschwingt und ohne Hilfe zurück.
„Stiftung in Gründung“ – das war die Formel, die es ermöglichte, den zu diesem Zeitpunkt immer noch kommerziell tätigen Kunstdrucker als Sammler mit seinem Gesamtwerk in den Mittelpunkt zu stellen. Ewald Karl Schrade, Kurator der Kunstmesse, sagt: „Ich habe hohe Achtung vor Haas und seinem Lebenswerk.“ Denn der Siebdrucker habe glaubhaft gelebt, dass es ihm um die Kunst ging. „Haas hat bewusst die Entscheidung getroffen, die Ein-Mann-Werkstatt zu bleiben.“ Nie, bemerkt Schrade, habe er aus seinem Atelier eine „Fabrik“ gemacht. Den kommerziell möglichen Erfolg, den er hätte haben können, habe Haas nicht ausgeschöpft, stattdessen immer wieder auch junge Künstler unterstützt.
Ehre, Lobeshymnen, selbst das Bundesverdienstkreuz am Bande wurde Haas 2008 für seine Lebensleistung verliehen. Doch was bringt all das jetzt? Denn seit dem Frühjahr ist die Stiftung in Gründung kaum vorangekommen. Kunst kostet, selbst wenn sie ein Museum in Form einer Schenkung erreicht. Deren Keller und Archivräume sind bereits übervoll mit nicht ausgestellten Exponaten. „Jedes Werk, das über unsere Schwelle kommt, müssen wir nach Museumsstandards behandeln“, ist es aus einem großen Kunstmuseum in Baden-Württemberg als Erklärung für die Zurückhaltung zu hören. Dieser Standard ist kostenintensiv: Personal, Zeit und Raum müssen bezahlt werden. Deswegen der Standpunkt vieler Museen: einige ausgesuchte Werke gerne, aber bitte keine komplette Sammlung.
Doch die „Rosinenpickerei“ ist gerade das, was Hans-Peter Haas unter allen Umständen vermeiden will. Seine Sammlung soll vollständig erhalten bleiben. Deswegen sein Wunsch, eine Stiftung zu gründen, denn deren Bestand ist unveräußerlich. Allerdings ist eine rechtsfähige Stiftungsgründung selbst für begüterte Sammler nicht aus der Portokasse zu bezahlen, dazu bedarf es eines Mindestkapitals von 200 000 Euro. Der Wert der Sammlung Haas? Schwer zu schätzen, wahrscheinlich weit mehr als 200 000 Euro. In jedem Fall viel zu hoch für den Echterdinger Lagerhallenflachbau ohne Fenstergitter, in dem sie bislang untergebracht ist.
An dieser Stelle betritt Claudia Buss-Ruisinger die Kreuzung zwischen Vergangenheit und Zukunft des Hans-Peter Haas. Die Stuttgarter Rechtsanwältin und Kunstfreundin versucht seit einiger Zeit, ein bisschen mehr Gegenwart für ihn ins Spiel zu bringen. Der Druckkünstler und die umtriebige Rechtsanwältin sind sich immer wieder in Stuttgart auf Ausstellungen begegnet. Buss-Ruisinger hat Drucke bei Haas gekauft, die sie, wie nicht wenige in der Kunstszene, zum Teil als technisch besser gemacht als die Originale beurteilt. Und nicht nur das, auch menschlich kann man es miteinander. „Er hat mich inspiriert und meinen Kunstgeschmack erweitert.“
Haas nahm sie an die Hand, lehrte sie „Kunst von Kunst zu unterscheiden“. „Er sagte mir: ‚Das ist gut und das da ist nur Deko‘ – und erklärte dann aber auch für mich nachvollziehbar, warum.“ Eines Tages habe er ihr sogar das Du angeboten. „Ich bin der HPH“, habe er gesagt. Das hat Buss-Ruisinger wie einen Ritterschlag empfunden.
Im Gegenzug setzt sie sich für Haas ein. Vor knapp fünf Jahren organisierte sie eine Ausstellung seiner Drucke in einem Fabrikloft in der Rotebühlstraße. Und jetzt kümmert sie sich darum, seine Sammlung in eine Stiftung zu überführen. Sie fragt an, führt Gespräche, kümmert sich um gute Stimmung. Bislang ist der große gemeinnützige Käufer oder Stifter jedoch noch nicht in Sicht. Andere Lösungen? Nicht immer diskutabel. Haas wählt nicht nur seine Farben mit Bedacht. Wenn es für ihn menschlich nicht stimme, lehne er auch eine Zusammenarbeit ab.
Könnte der Weg seines Lehrmeisters Luitpold Domberger beispielhaft für die Sammlung Haas sein? Im Frühjahr 2021 will die Stadt Filderstadt eine Dauerausstellung mit dessen Sammlung unter dem Arbeitstitel „Serigrafiemuseum“ eröffnen. Luitpold Dombergers Sohn Michael hatte 2009 das Lebenswerk seines vier Jahre zuvor verstorbenen Vaters an das Land Baden-Württemberg verkauft, das nun als Dauerleihgabe in die Kommune zurückkehrt. Ausstellungsort ist das ehemalige Werkatelier Dombergers im Stadtteil Plattenhardt.
Kunsthistorisch, so ist vielerorts zu hören, wäre es mehr als logisch, die weltweit einzigartige lokale Konzentration der Sammlung zweier Koryphäen in einer Ausstellung zusammenzuführen. Doch eine Gemeinschaftsschau sei, so hört man weiter, aktuell undenkbar. Zu groß seien die künstlerischen Differenzen zwischen Haas und Domberger.