Haribo wird 100 Alles beginnt mit einem Sack Zucker

Der Goldbär ist bis heute das bekannteste Haribo-Produkt. Foto: Haribo

Die Weißen? Oder doch lieber die Roten? Das Süßwaren-Unternehmen Haribo wird 100 Jahre alt. Doch im Jubiläumsjahr läuft für den Goldbären nicht alles rund.

Gesundheit für Menschen in Stuttgart: Bettina Hartmann (ina)

Bonn - Die Weißen. Keine Frage: Das sind eindeutig die Besten. Auch wenn das Umfeld anderes behauptet – einige sogar, dass eh alle gleich schmecken –, könnte die ganze Tüte aus weißen Gummibärchen bestehen. Bei Tropifrutti hingegen sind die grünen Palmen als Erstes weggefuttert. Und bei der Phantasia-Mischung die Cola-Fläschchen. Wie gemein, dass immer nur drei oder vier in der Packung sind! So hat bei Haribo-Süßigkeiten wohl jeder seine Vorlieben und Macken. Oder kennen Sie keinen, der beim Konfekt Schicht um Schicht zur Sache geht – und das Lakritz entsorgt? Oder Frucht-Schnecken erst ganz abrollt, bevor er sie vernascht? Selbst wenn er weit über 70 ist?

 

Jeder verbindet mit dem süßen, bunten, klebrigen Gummizeugs eben seine eigenen Erinnerungen. Früher gab’s bei einem aufgeschürften Knie zum Trost Weiße Mäuse, später kaufte man sich Saure Pommes vom Taschengeld und teilte sie mit dem Schwarm im Freibad. Heute dienen Happy Cherries als Nervennahrung vor einer herausfordernden Präsentation. Am liebsten würde man sie sich wie einst an die Ohren klemmen. Käme bei der Zoom-Sitzung aber vermutlich nicht gut an.

Ein Stück Kindheit

Trotzdem: Haribo ist stets auch ein Stückchen Kindheit und Jugend. Eigentlich nicht wegzudenken. Fruchtgummi, so kommt es einem vor, muss es schon immer gegeben haben. Stimmt nicht ganz. Aber immerhin reicht die Geschichte des Unternehmens inzwischen stolze 100 Jahre zurück.

Angefangen hat alles mit einem Sack Zucker, einem Kupferkessel, einem Hocker, einem gemauerten Herd und einer Walze, heißt es zumindest in der Firmenchronik. In einer Hinterhof-Waschküche im Bonner Ortsteil Kessenich fasst sich der Bonbonkocher Hans Riegel trotz Nachkriegsdepression ein Herz und macht sich selbstständig. Am 13. Dezember 1920 lässt er seine Ein-Mann-Firma im Handelsregister eintragen. Unter dem Namen Haribo – ein Akronym, das für HAns RIegel BOnn stand und noch heute steht. Denn das Unternehmen hat inzwischen zwar 7000 Mitarbeiter, produziert in zehn Ländern an 16 Standorten und exportiert weltweit, ist aber weiter in Familienhand.

1922 wird der Goldbär geboren

1922 kommt Hans Riegel senior, dessen erste Mitarbeiterin seine Frau Gertrud war, dann die entscheidende Idee, die ihn von der Konkurrenz abhebt: Er formt aus süßer Masse etwas, das aussieht wie ein Bär – der Tanzbär, später Goldbär, ist geboren.

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Damals noch deutlich größer als seine heutigen Verwandten, sind zwei Stück für einen Pfennig zu haben. Und schon damals finden die Bären schnell eine große Kundschaft. Sie hatten offensichtlich schon immer Suchtpotenzial. 1930 beschäftigt Riegel 160 Mitarbeiter, 1939 schon 400. Kurz vor Kriegsende stirbt der Selfmade-Mann jedoch, wenige Tage vor seinem 52. Geburtstag. 1946, die beiden Söhne Hans junior und Paul sind aus der Gefangenschaft zurück, beginnt dann unter ihrer Führung der Aufstieg zum international tätigen Unternehmen.

Dem kalorienhaltigen Fruchtgummi zu entsagen, fällt heute schwerer denn je. Es ist in vielfältigen Formen und Geschmacksrichtungen und selbst in abgelegenen Regionen erhältlich. Kaum probiert, möchte man mehr: Die Kalorienbömbchen lösen im Hirn Glücksmomente aus. Der bekannteste Werbespruch Deutschlands lautet denn passenderweise „Haribo macht Kinder froh – und Erwachsene ebenso“.

Das Rezept ist streng geheim

Das Erfolgsrezept der Familie Riegel war stets harte Arbeit und eine umsichtige Expansion. Ansonsten lässt man im Hause Haribo nicht allzu viel nach außen dringen. Schon gar nicht das Rezept für die Gummibären. Nur so viel ist klar: Zucker macht sie süß, Glukosesirup durchscheinend und glänzend, Gelatine knautschig-bissfest. Einst wollte angeblich Thomas Gottschalk (70), zweieinhalb Jahrzehnte lang das Firmen-Aushängeschild, Näheres dazu erfahren. „Thommy, du darfst alles essen, aber nicht alles wissen“, soll der Firmenpatriarch Hans Riegel junior (1923–2013) geantwortet haben.

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Gottschalk nahm’s damals wohl gelassen. Heute aber ist er sauer auf den Süßwarenhersteller. Anfang November kündigte die Firmenführung das Aus für das Werk bei Zwickau an. „Wenn man sich auf die Fahnen geschrieben hat: ‚Haribo macht Kinder froh und Erwachsene ebenso‘, muss man das auch als Arbeitgeber ernst nehmen“, kritisierte der ehemalige „Wetten, dass . .?“-Moderator.

Preiskampf im Supermarkt

Nicht der einzige Punkt, der derzeit die Geburtstagsfreude trübt. Seit einigen Wochen tobt ein Kampf mit einigen Supermarktketten. Haribo hat die Preise erhöht. Angeblich, weil durch die Corona-Krise die Rohstoffkosten gestiegen sind. Da wollten nicht alle Händler mitziehen. Der Goldbär ist gewissermaßen zum Problembär geworden – und flog teils ganz aus dem Regal. Ersetzt wurde er durch Produkte der Konkurrenz, die ohnehin schwer aufgeholt hat.

Unterkriegen lassen sich die süßen Bärchen aber bestimmt nie. Denn schon Kaiser Wilhelm II. (1859–1941), der sie sich ins Exil schicken ließ, befand: „Sie sind das einzig Gute, was die Republik hervorgebracht hat.“

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