Hassprediger in Riedlinger Freikirche Die verfassungsfeindliche Übernahme eines Gotteshauses

Unter der Woche ist es ruhig rund um die Riedlinger Freikirche, am Sonntag sind die Wohnstraßen zugeparkt. Foto: red/Wein

Satans Werk und Gottes Fügung: Eine von vertriebenen Donauschwaben gegründete Freikirche hat es in den Verfassungsschutzbericht geschafft. Jetzt brodelt dort ein Machtkampf.

Baden-Württemberg: Eberhard Wein (kew)

Natürlich ist wieder mal Satan am Werk. Drunter geht es nicht bei Jakob Tscharntke. Wie jede Woche trägt er weißes Hemd und eine Krawatte, farblich passend ausgewählt zum beigestellten Blumenstrauß. Aber etwas in dem Video, verbreitet über Tscharntkes Telegram-Kanal, ist anders. Die Vase steht nicht links, sondern rechts von ihm. Und wer genau hinschaut, erkennt auch, dass die Wand dahinter – obgleich wie immer weiß und kahl – nicht zu seinem Riedlinger Gotteshaus gehört. „Wir sitzen in den Wohnzimmern“, sagt Tscharntke, und es klingt, als erzähle er vom Volk Gottes in der Wüste. Aber der Pastor lächelt schon wieder. Denn „das Böse wird das Werk des Herrn nicht hindern, egal wie Furcht einflößend es uns ins Gesicht grinst“.

 

Mit Gottes Hilfe und harten Bandagen

In der evangelischen Freikirche im sonst so katholischen Riedlingen ist ein Machtkampf ausgebrochen, und Tscharntke ist entschlossen, ihn – mit Gottes Hilfe und harten Bandagen – zu gewinnen. Pfingsten hatte er seinen Abschied erklärt. In der Folge fehlten Gesangbücher und der Projektor, mit dem die Lieder an die Wand geworfen wurden. Doch jetzt steht Tscharntke wieder als „Ansprechpartner in seelsorgerlichen Fragen“ auf der Homepage. Im Schaukasten wird hingegen auf die Telefonnummer seines Nachfolgers verwiesen. Die Entwicklungen beobachtet auch das Landesamt für Verfassungsschutz. Im neuesten Bericht ist die Gemeinde an prominenter Stelle erwähnt – zwischen „Reichsbürgern“, Coronaleugnern und islamistischen Hasspredigern.

Die Landeskirche schmiss den Pfarrer raus

Für einen solchen, wenn auch in evangelikaler Ausprägung und mit schwäbisch-biederem Erscheinungsbild (Anzug, Oberlippenbart), halten viele auch Tscharntke. Der 65-Jährige war einst Pfarrer der württembergischen Landeskirche. Dort wurde der Fundamentalist 1996 im Streit entlassen. Man habe ihn nachversichert, seither gebe es keine Verbindung mehr, und er dürfe sich auch nicht mehr Pfarrer nennen, sagt ein Sprecher des Oberkirchenrats. Es folgten Stationen bei verschiedenen freikirchlichen Gemeinden inner- und außerhalb von Baden-Württemberg. Meist gab es Ärger.

Das Beobachtungsobjekt des Verfassungsschutzes steht am Ende einer ruhigen Straße im Riedlinger Wohngebiet Eichenau: eine schlichte weiße Kirche zwischen kleinen Häuser mit großen Gärten, die einst zur Selbstversorgung gedacht waren. Eine Fügung Gottes sei es gewesen, die sie hierhergeführt habe, sagt eine ältere Frau. Rund 150 Donauschwaben aus dem Süden Ungarns waren nach dem Krieg in einem Lager in Bayern gelandet. Durch Zufall fanden sie nach Riedlingen. Die Kirche hätten ihre Eltern und die anderen mit eigener Hände Arbeit aufgebaut. Schon in Ungarn waren die Vorfahren freikirchlich orientiert gewesen. Doch jetzt gehe sie dort nicht mehr hin.

Mit Corona wurde alles noch schlimmer

Längst sind die meisten Nachkommen der Donauschwaben in eine andere Freikirche abgewandert, die sich ein paar Straßen weiter in eingemieteten Räumen trifft. Es ist eine (verfassungs-)feindliche Übernahme, die im Laufe der Jahre stattgefunden hat. Dabei hatte man Tscharntke noch selbst geholt. Von dem Prediger erhoffte man sich eine wortgetreue Auslegung der Bibel. Doch dann begann Tscharntke zu politisieren. In der Flüchtlingsdiskussion betitelte er die damalige Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als Verbrecherin. Die schon damals im Internet verbreiteten Predigten fanden in rechtsextremen Kreisen massenhaft Verbreitung. Der Bund Evangelisch-freikirchlicher Gemeinden distanzierte sich. Doch dann kam Corona, und alles wurde nur noch schlimmer. Als „dritten Weltkrieg gegen die Völker“ bezeichnete Tscharntke die Coronamaßnahmen und stellte dies in einen religiösen Zusammenhang. „Ich hätte solche satanischen Eingriffe in das Leben unseres Volkes vor dem Offenbarwerden des Antichristen nie für möglich gehalten.“

Während die Altmitglieder zunehmend fremdelten und zuletzt mehr als 30 auf einen Schlag ihre Mitgliedschaft beendeten, wuchs die Fangemeinde von außerhalb. Sonntag für Sonntag seien die Straßen zugeparkt. Aus Esslingen, Nürnberg oder dem Zollernalbkreis reisten die Besucher an, manche kämen sogar über Nacht mit dem Wohnmobil, erzählt eine Nachbarin. Zehntausendfach werden die Mitschnitte der mehr als 30 Minuten langen Predigten im Internet geklickt. Dank einer Fernmitgliedschaft werden gegen Spendenquittung auch Gelder eingezogen. Zur Gemeinnützigkeit des am Amtsgericht Ulm eingetragenen Kirchenvereins machen die Finanzbehörden unter Hinweis auf das Steuergeheimnis keine Angaben.

Der Pfarrer muss seine Waffen abgeben

Klar ist aber, dass die Beobachtung durch den Verfassungsschutz seit Mai 2022 nicht ohne Eindruck auf die Gemeinde blieb. Im vergangenen Sommer war die Entwicklung intern bekannt geworden. Tscharntke übergab die Leitung daraufhin an einen gemäßigteren Pfarrer. Auch bei seinen eigenen Predigten hielt er sich merklich zurück. Sieben Jahre habe er öffentlich Missstände angeprangert, jetzt sei es Zeit, ruhiger zu werden, erklärte er der Gemeinde.

Krawatte und Blumenschmuck passen bei Jakob Tscharntke immer perfekt. Foto: red/Youtube

„Niemand fühlt sich besonders wohl, wenn man vom Verfassungsschutz überwacht wird“, sagt ein Insider. Offenbar gab es etliche Jäger in der digitalen Zuhörerschaft, die um ihren Waffenschein bangten. Das betraf auch Tscharntke selbst. Im September 2022 teilte ihm das Landratsamt Biberach mit, dass es aufgrund der Hinweise des Verfassungsschutzes beabsichtige, dessen waffenrechtliche Erlaubnis zu widerrufen und die Verlängerung seines Jagdscheins abzulehnen. Daraufhin hätten Tscharntke und seine Frau freiwillig im Oktober 2022 Schusswaffen und Waffenbesitzkarte zurückgegeben und den Antrag auf Verlängerung des Jagdscheins zurückgezogen, sagt ein Sprecher des Landratsamts. Die Waffen seien verkauft worden.

Die AfD ermutigt den Prediger

Doch die Zurückhaltung hielt nicht lang an. Im Januar 2023 soll sich Tscharntke mit mehreren AfD-Landtagsabgeordneten getroffen haben. Fortan polemisierte er gegen den „Heizterror“, gegen die angebliche Frühsexualisierung von Kindern in den Kindergärten und gegen die „Kriegstreiber“ in der Bundesregierung. „Die AfDler hatten ihn offenbar dazu ermutigt“, sagt der Insider, der seinen Namen nicht nennen möchte. Denn sonst bekomme er Tscharntkes Zorn zu spüren – so wie sein Nachfolger als Pfarrer.

Der soll Tscharntke im Frühjahr die Bedenken aus Gemeindekreisen gegen die neuerliche Radikalisierung vorgetragen haben. Seither ist das Tischtuch zerschnitten. Heimlichkeit und Heuchelei wirft Tscharntke ihm seither vor. Natürlich könne man darüber reden, ob man durch Schweigen zu politischen Missständen „mehr Menschen seelsorgerlich stärkt, ermutigt und Orientierung gibt“, heißt es in einer der Predigten. Doch dies müsse offen und ehrlich geschehen. „In der Gemeinde ist Unwahrhaftigkeit zehnmal schlimmer als in der Welt.“

Die Fans beten für Tscharntke

Die Riedlinger Kirche will Tscharntke offenbar zurückerobern. Und viele seiner Anhänger beten für ihn. „Es ist jammerschade, dass der Feind auch in der für mich so vorbildlichen Freikirche Riedlingen so ein böses Werk unter den Geschwistern treiben kann“, schreibt eine Frau aus Petersberg ins digitale Gästebuch. Tscharntke äußert sich auf Anfrage nicht. „Die mediale Berichterstattung der vergangenen drei Jahre zu verschiedenen aktuellen Themen hat mein Vertrauen in die Unabhängigkeit und Sachlichkeit der sogenannten Mainstreammedien vorsichtig ausgedrückt nicht unbedingt erhöht.“

Was der Verfassungsschutz sagt

Mitglieder
Aktuell geht der baden-württembergische Verfassungsschutz von einer niedrigen dreistelligen Zahl an Mitgliedern der Riedlinger Freikirche aus. Die hohe Online-Reichweite der abrufbaren Predigten – ein entsprechender Youtube-Kanal verzeichnet um die 25 000 Abonnenten – berge aber die Gefahr, dass eine Personenzahl weit über die eigentliche Zahl an Gemeindemitgliedern in den Kontakt mit extremistischen Inhalten komme.

Rhetorik
Laut Verfassungsschutzbericht wird in den Predigten immer wieder auf NS-Rhetorik zurückgegriffen wie „totaler Impfkrieg“. Die Rede ist von einer „totalen Kontrolle und Fremdbestimmung der Völker“, wofür eine „globale Elite“, die „internationale Hochfinanz“ verantwortlich gemacht wird. Dies sei in antisemitischer Code.

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