Hatz auf Ex-Sexualstraftäter „Wir wollen unser Leben leben“

I Foto: dapd
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Zwei frühere Sexualstraftäter aus Baden-Württemberg versuchen in Ostdeutschland einen Neustart. Doch sie haben die Rechnung ohne die „Bild“-Zeitung und die NPD gemacht - denn die machen gegen die Männer mobil.

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Insel - Insel, ein Ortsteil von Stendal, wird zur Festung. Hundestaffeln patrouillieren durch das 400-Seelen-Dorf im Norden Sachsen-Anhalts. Einige Gassen sind nur noch für Anwohner zugänglich. Und ein massives Polizeiaufgebot umstellt Tag und Nacht das Haus, in dem seit Juli 2011 zwei frühere Sexualstraftäter aus Baden-Württemberg leben. Denn vor Kurzem hatten nach Einbruch der Dunkelheit sieben Rechtsradikale gewaltsam versucht, in das Gebäude einzudringen. Stunden zuvor taten bereits 50 Leute – Einheimische sowie zugereiste Krawalltouristen aus der NPD-Szene – lautstark ihren Unmut kund. Man fühlte sich an die Lynchjustizszenen in einem der jüngeren TV-„Tatorte“ erinnert.

Den aktuellen Anlass dafür bildet die Rückkehr des 54 Jahre alten Hans-Peter W. in das Altmarkdorf. Der Mann hatte sich vor 25 Jahren im Alkoholrausch wiederholt an Taxifahrerinnen vergangen und dafür nach der fünfjährigen Haft noch mehr als doppelt so lange in Sicherheitsverwahrung verbracht. Nun versuchte er kürzlich in Chemnitz einen Neustart. Er war praktisch geflohen – entnervt von den monatelangen Belagerungen des Hauses durch eine Initiative aufgebrachter Bürger aus Insel.

Auch in Chemnitz findet er keine neue Heimat

In der sächsischen Großstadt flammte die Hatz gegen den Mann jedoch umgehend neu auf. Denn obwohl nur wenige Eingeweihte seinen neuen Wohnort kannten, darunter der Bewährungshelfer und die Polizei, titelte bald die regionale „Bild“-Ausgabe: „Wir wohnen mit einem Sexgangster unter einem Dach“ und „Wer beschützt uns vor diesem Mann?“. Wieder war es eine NPD-Funktionärin, die sofort eine Demonstration organisierte. So war der versuchte Neuanfang nach einer Woche bereits beendet – und W. erneut in Insel gelandet.

Somit ist Sachsen-Anhalt wieder am Zug. Und offenbar sucht die Landesregierung, die sich sogar in einer Kabinettssitzung mit dem Fall beschäftigte, nun die Flucht nach vorn: die beiden Männer sollen künftig in Insel wohnen bleiben dürfen. Bereits am vergangenen Montag hatte Ministerpräsident Reiner Haseloff Innenminister Holger Stahlknecht (beide CDU) und Justizministerin Angela Kolb (SPD) aufgefordert, „alle erforderlichen Schritte zu ergreifen, die nachhaltig zu einem friedlichen, toleranten und gesicherten Miteinander“ in dem Dorf beitragen. Zugleich distanzierte sich Haseloff klarer denn je von den jüngsten Vorgängen in Insel. Jeder Versuch, die Männer aus der Gesellschaft auszuschließen, sei „nicht hinnehmbar“.

Die Polizei stellt keine Strafanzeige gegen die Täter

Das dürfte auch an die Adresse der eigenen Landespolizei gerichtet gewesen sein. Denn die hatte nach der versuchten Stürmung des Hauses weder Strafanzeige gegen die Täter gestellt noch verhindert, dass bereits tags darauf erneut Protestierer in Gruppen vor dem Domizil der Männer vorbeizogen. Am vergangenen Freitag allerdings kam die Gegenreaktion. Mit einer Kundgebung wehrten sich die demokratischen Kräfte gegen erneute Trittbrettfahrer-Aktivitäten der NPD in dem Dorf.

Sachsen-Anhalts Justizstaatssekretär Eberhard Schmidt-Elsaeßer kritisierte  zugleich die „provozierende“ Rolle der „Bild“-Zeitung. Sie hatte W. als „hochgefährlich“ beschrieben. So könne „Resozialisierung nicht funktionieren“, ärgert er sich. Außerdem appellierte die Landesregierung an die Sprecher der Bürgerinitiative, sich künftig zurückzuhalten. Erste Reaktionen lassen jedoch das Gegenteil erwarten. Dass die Behörden im Umfeld des Hauses der beiden Haftentlassenen nun vorerst jegliche Demo verbieten, wertet der Ortschaftsrat Nico Stiller jedenfalls verärgert als „Provokation“. Auch Insels Bürgermeister Alexander von Bismarck (CDU) unterstützte bisher die Proteste.

Die beiden Männer lebten zuvor in Freiburg, wo sie im Herbst 2010 nach einem Urteil des Europäischen Gerichtshofes aus der Sicherheitsverwahrung entlassen werden mussten. Im Breisgau wurden sie weiter polizeilich überwacht, bis man sie als ungefährlich einstufte. Dass das Duo, das sich im Knast kennengelernt hatte, nach Sachsen-Anhalt ziehen konnte, verdankte es einem Freiburger Tierarzt. Der gläubige Mann vermittelte ihnen aus Nächstenliebe sein früheres Rittergut in Insel, das er hier geerbt hatte. Günter G., der andere Bewohner des Hauses, ist bereits 64 Jahre alt und krank. Er will Insel nicht mehr verlassen. So hofft er nur, dass die Bewohner „doch versuchen, mit uns auszukommen“. Schließlich täten sie keinem etwas zuleide: „Wir wollen nur unser Leben leben.“




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