Lehrerin aus Stuttgart Ihr größter Wunsch sind offene Schulen

Alla Deringer ist im Schulhaus normalerweise nur mit Maske unterwegs. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Ihre Fünftklässler kennen sie nur mit Maske: Lehrerin Alla Deringer von der Grund- und Werkrealschule Gablenberg spricht über den schwierigen Unterrichtsalltag in Corona-Zeiten.

Stuttgart - Im September hat Alla Deringer ihre neuen Fünftklässler bekommen – und ihnen gleich mal die neuen Corona-Regeln einimpfen müssen. Denn die gelten auch an der Grund- und Werkrealschule Gablenberg. Und nicht alle gefallen der Pädagogin. „Das bleibt meins“, steht im Klassenzimmer an der Tür: „mein Pausenbrot, mein Lineal, mein Stift.“ Das sei doch „klarer Egoismus“, meint die Pädagogin, auch wenn sie die Notwendigkeit dieser Regeln unter dem Infektionsschutzaspekt natürlich nicht anzweifelt. Und: „Mein Sitzplatz ist meiner, tauschen geht nicht!“ Das erschwere die Gruppen- oder Partnerarbeit schon, wenn man jedes Mal Tische und Stühle vorher und hinterher desinfizieren müsse.

 

Überhaupt habe sich das Unterrichten für sie durch die Corona-Pandemie krass verändert: Nicht nur, weil das Sprechen durch die Maske mühsamer sei als ohne. Sondern auch, weil ihre Fünftklässler sie kaum mal ohne Maske erlebt hätten. Und ganz besonders vermisst sie die Projekte, die sie sonst mit Schülern durchführt – auch in der Freizeit. „Ich kann mit meinen Schülern nichts Außerunterrichtliches mehr machen“, sagt sie. „Ins Altenheim dürfen wir nicht mehr, in den Kindergarten nicht mehr, auf den Aktivspielplatz nicht mehr.“ Das bedeutet: kein gemeinsames Basteln, Singen und Vorlesen mehr, Senioren werden nicht mehr durch den Park geschoben, auch das Stallausmisten ist tabu und der Kontakt mit Schafen, Kaninchen und Hühnern. „Dabei ist das Biologie live“, sagt Alla Deringer, „und Werbung für den Aki.“ Denn woher sollen ihre Schüler den Aktivspielplatz Raitelsberg sonst kennen?

Der Beziehungsaufbau zu Schülern in Corona-Zeiten sei „eine Katastrophe“

Was der Pädagogin besonders zu schaffen macht: Unter solchen Voraussetzungen sei der Beziehungsaufbau mit einer neuen Klasse „eine Katastrophe“. Denn: „Lehren geht über Beziehung.“ Das gilt sicher in besonderer Weise, wenn von den 23 Schülern fünf Flüchtlinge aus den Vorbereitungsklassen und drei Erziehungshilfe-Schüler sind – auch wenn in neun von 35 Wochenstunden ein Sonderpädagoge zur Unterstützung vorbeikommt. „Ich will, dass meine Schüler gern zur Schule kommen“, sagt Alla Deringer, die morgens schon eine Kanne heißen Früchtetees für ihre Schützlinge bereit hält – wohl wissend, dass viele noch gar nicht gefrühstückt haben. Und sie will, dass die Schüler lesen. Deshalb stehen gut gefüllte Bücherregale im Klassenzimmer. Denn Textverständnis sei nicht zuletzt auch der Schlüssel zu Mathe. Zu Hause lese kaum einer der Schüler. „Wir sind froh, wenn die überhaupt Hausaufgaben machen.“ Denn von den Eltern sei kaum Unterstützung zu erwarten. Viele seien überfordert oder hätten keine Zeit, „weil sie drei Jobs haben, um die Familie zu ernähren“. Zwar sei der Schulalltag mit all den Corona-Einschränkungen schrecklich, etwa wenn sie jedes Mal ihre Fünftklässler in die Pause begleiten und sie dann wieder abholen müsse, um so möglichst weitere Kontakte zu vermeiden. Aber, das betont die Klassenlehrerin noch kurz vor den Weihnachtsferien: „Trotzdem sind wir heilfroh, dass die Schulen nicht geschlossen werden.“ Auch die Schüler kämen gern zur Schule: „Die merken: Jeden Tag kommen zu dürfen ist schon cool.“

Denn sie erinnern sich noch gut an den ersten Lockdown im März. Damals hatte Alla Deringer noch ihre Sechstklässler. Da von den 19 Schülern nur zwei Familien einen PC zu Hause gehabt hätten, habe sie ihnen Lernpakete gerichtet und sie an alle 19 persönlich ausgeliefert – zu Fuß. „Jetzt weiß ich, weshalb Gablenberg GablenBERG heißt“, sagt die 60-Jährige. Und: „Ich habe noch nie so viel mit Schülern telefoniert.“ Das sei auch für die erst mal ungewohnt gewesen. „Aber wenn ein Sechstklässler mich am Samstag um 16 Uhr anruft wegen einer Matheaufgabe, dann geh ich ran und erklär’s ihm auch“, so die Pädagogin. Sie räumt auch ein, zwei Schüler habe sie in dieser Zeit aus dem Lernen verloren. Einer habe gesagt: „Frau Deringer, ich hab keinen Bock.“

Beim Präsenzunterricht tauchten die verloren gegangenen Schüler wieder auf

Nach dem Lockdown kam der wöchentliche Wechselunterricht mit halbierten Klassen. „Das war positiv“ – auch die Schüler hätten das so empfunden, auch weil so der Präsenzunterricht intensiver für sie war. „Und die verloren Gegangenen sind wieder aufgetaucht“, erinnert sich Deringer. Auch wenn für alle die Enttäuschung über das ausgefallene Schullandheim im Allgäu groß gewesen war – zumal dafür durch Kuchenverkauf und Tombola bereits 420 Euro in der Kasse waren.

Was sich Alla Deringer fürs neue Jahr wünscht? Erstens, „dass die Schule offen bleibt“. Zweitens: „dass die Digitalisierung auch auf technischer Ebene vorangeht“. Denn noch seien die 166 iPads im Sekretariat. „Wenn die Schüler zu Hause kein WLAN haben, können sie nichts damit anfangen“, sagt die Lehrerin, die sich auch als stellvertretende CDU-Sprecherin im Bezirksbeirat Ost und in der Frauen-Union ihrer Partei politisch einsetzt. Dass das Datenvolumen der Schüler daheim oft nicht reiche, daran kann sie allerdings nichts drehen. „Im Unterricht können wir die iPads benutzen, wenn wir im Januar hier WLAN haben.“ Wenn. Wenn nicht, bleibt Alla Deringer trotzdem zuversichtlich. „Man muss brennen.“

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