Hauptversammlung EnBW zieht Schlussstrich unter Russlandaffäre
Die EnBW ist auch in diesem Jahr um die Schelte ihrer Aktionäre herumgekommen. Bei der digitalen Hauptversammlung durften sie nur Fragen stellen.
Die EnBW ist auch in diesem Jahr um die Schelte ihrer Aktionäre herumgekommen. Bei der digitalen Hauptversammlung durften sie nur Fragen stellen.
Stuttgart - Der Karlsruher Energiekonzern EnBW AG dringt mit seinem Umbau zum breit aufgestellten Infrastrukturunternehmen offenbar zu seinen Aktionären durch. Bei der Hauptversammlung des Konzerns jedenfalls spielte das Thema Atomkraft – früher in der Regel zentral bei jedem Aktionärstreffen des Unternehmens – nur ganz am Rande eine Rolle. Stattdessen interessierten die Aktionäre Themen wie der Umgang des Konzerns mit Kohlelieferanten aus Russland oder Kolumbien, regenerative Pilotprojekte des Konzerns oder die Dienstwagenflotte des EnBW-Vorstands.
Meinungen oder gar Kritik der Anteilseigner zu dem vom Vorstandsvorsitzenden Frank Mastiaux und seinem Vorstand verantworteten Kurs blieben gänzlich aus: Wieder musste die Veranstaltung wegen der Coronapandemie digital stattfinden. Stattdessen verlas ein Pressesprecher 125 eingereichte Fragen, die er aus Datenschutzgründen anonymisiert vortrug.
Auf diese Weise erfuhren die Aktionäre beispielsweise, dass die EnBW, die sich vorgenommen hat, bis 2035 klimaneutral zu sein, noch keine konkreten Pläne hat, zu welchem Zeitpunkt sie Strom ausschließlich aus erneuerbaren Energien erzeugen werde. Überwiegen sollen Wind, Sonne und weitere Regenerative vom Jahr 2025 an. Zur Frage, ob durch den notwendigen Netzausbau eine Kostenlawine auf die Verbraucher zukomme, antwortete Mastiaux, dass es aus Sicht seines Unternehmens nicht Aufgabe des Steuerzahlers sei, diese Kosten zu schultern. Gleichwohl erwarte er einen Anstieg der durchschnittlichen Netzentgelte in den kommenden Jahren.
Zum Geschäft in der Türkei berichtete der Technikvorstand Hans-Josef Zimmer, die EnBW prüfe mit ihrem Partner Borusan die weiteren Möglichkeiten. Bisher betreiben die beiden Unternehmen gemeinsam rund 720 Megawatt Erzeugungskapazität, in erster Linie Windenergie. Die Anlagen profitieren zehn Jahre lang von hohen Einspeisevergütungen. Ab Juli aber, so berichtete Zimmer, ändere sich das Förderregime. Zudem hätten sich die politischen Rahmenbedingungen in dem Land spürbar verschlechtert. Aus Geschäften mit kolumbianischen Kohlelieferanten, die in den vergangenen Jahren immer wieder von Aktionären kritisiert wurden, ist die EnBW mittlerweile ausgestiegen, so Zimmer. Allerdings gibt es auch Kritik am Kohlebezug aus Russland.
Einem Vorschlag von Vorstand und Aufsichtsrat, einen Schlussstrich unter den Rechtsstreit mit dem scheidenden Zimmer zu ziehen, stimmten die Aktionäre erwartungsgemäß zu – nur 0,39 Prozent des EnBW-Kapitals sind als Streukapital an der Börse. Die restlichen Anteile liegen beim Land Baden-Württemberg und diversen, vor allem oberschwäbischen Gemeinden. Mit 99,99 Prozent nahmen die Aktionäre den Vorschlag an, einen Vergleich mit Zimmer einzugehen und auf Schadenersatzforderungen von fast 90 Millionen Euro im Zusammenhang mit den umstrittenen Geschäften mit dem russischen Lobbyisten Andrey Bykov zu verzichten. Die Erfolgsaussichten des Konzerns seien als geringer zu bewerten als die Zimmers, sagte die für Recht und Personal zuständige Vorstandsfrau Colette Rückert-Hennen zur Begründung.
Zimmer geht Ende Mai in den Ruhestand. Dann wird sein Ressort in die Bereiche systemkritische Infrastruktur, künftig verantwortet von Dirk Güsewell, und Erzeugungsinfrastruktur, dann unter Leitung von Georg Stamatelopoulos, aufgeteilt. Alle strategischen Geschäftsbereiche der EnBW tragen von diesem Geschäftsjahr an das Wort Infrastruktur im Namen. Neben den beiden genannten gibt es noch die „Intelligente Infrastruktur für Kundinnen und Kunden“, in die Geschäfte mit E-Mobilität, Telekommunikation, Breitband und stationäre Speicher in Verbindung mit Fotovoltaik fallen.
Die digitale Form der Hauptversammlung bedeutet für die EnBW übrigens eine erhebliche Kostenersparnis: Auf Nachfrage eines Aktionärs hieß es, die Veranstaltung koste etwa 350 000 Euro – und damit etwa die Hälfte einer Hauptversammlung in Präsenz, die normalerweise in der Karlsruher Schwarzwaldhalle stattfindet.