„Haus der Kunst“ Die eigene Geschichte im Mittelpunkt

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Seit 1995 erforscht und thematisiert das Haus der Kunst zudem die eigene Geschichte in einer gesonderten Ausstellungsreihe. Zum achtzigsten Jahrestag der Eröffnung macht die Schau „München, im Sommer 1937“ die NS-Künstlerkartei erstmals digital zugänglich und erinnert mit historischen Filmausschnitten und Archivmaterial an die damaligen Ereignisse. Die Ergebnisse des Forschungs- und Ausstellungsprojekts „Geschichten im Konflikt – Das Haus der Kunst und der ideologische Gebrauch von Kunst 1937–1955 “ zum 75. Geburtstag des Gebäudes sind soeben in einer umfangreichen Dokumentation erschienen, die von den Kuratoren jetzt anlässlich des Symposiums „Archiv – Architektur – Gedächtnis“ vorgelegt wurde.

Erhellendes zum Streit über den „Umgang mit Architektur als Zeitzeugnis“ hatte auf diesem Symposium vor allem die Münchner Kunsthistorikerin Iris Lauterbach beizutragen. Sie endlich löste sich von der Fixierung der Debatte auf den Troost-Bau und ordnete diesen in einen stadtbaugeschichtlichen Zusammenhang ein, wobei sich zeigte, dass Chipperfields Vision eines zum Englischen Garten hin „wie ein englisches Landhaus“ geöffneten Hauses der Kunst tatsächlich unangemessen ist. Die Linden­reihe an der Prinzregentenstraße war vor dem Bau des Hauses Teil einer historischen Allee, musste dann Hitlers Kunsttempel weichen und wurde in den siebziger Jahren neu gepflanzt – wobei die Architektur-­Camouflage eher willkommener Neben­effekt war. Hauptsächlich ging es darum, die Tunnelmündung einer zu den Olympischen Spielen entstandenen Straßenunterführung direkt vor dem Haus der Kunst zu tarnen, in ihrer stadtzerprengenden Wirkung der Stuttgarter Kulturmeile vergleichbar.

Das Gartendenkmal ist gefährdet

Mit einem Rückbau des Tunnels ist in absehbarer Zeit nicht zu rechnen. Vielleicht klammert sich die Volksseele vor allem wegen der unwirtlichen Umgebung so vehement an dieses von Chris Dercon als „Schambehaarung“ verspottete Abstandsgrün, und nicht so sehr, weil sie befürchtet, dass ohne Linden „der Nazi“ wieder da wäre. Wichtiger aber ist Lauterbach die klare Trennung zwischen Haus der Kunst und Englischem Garten. Denn dieser weiträumige, im 18. Jahrhundert von Friedrich Ludwig von Sckell angelegte Landschaftsgarten, ein Juwel der europäischen Gartenbaukunst, war explizit als Gegenentwurf zur steinernen Stadt gedacht – eine Naturoase, von wo aus München sich nur als malerische Silhouette aus Türmen und Kuppeln in der Ferne abzeichnen sollte. Bestrebungen, den Volkspark als Vorgarten für die umgebenden Repräsentationsbauten „herabzuwürdigen“, habe es aber schon immer gegeben, besonders und so auch jetzt wieder von Seiten der Politik. Die Kunstwissenschaftlerin konnte dar­legen, dass eine Sichtachse vom Haus der Kunst bis zum Monopteros, einem kleinen Rundtempel auf einer Anhöhe des Englischen Gartens, wie Troost sie auf Hitlers Wunsch geschaffen hatte und wie David Chipperfield sie nun erneut öffnen will, „den Charakter dieses historischen Gartendenkmals beschädigen würde“.

Auf der Grundlage dieser Fakten könnte in München nun weiterdiskutiert werden. Zur Abwechslung mal sachlich.