Aus der TV-Landarztidylle ist längst eine gewisse Ernüchterung erwachsen. Seitens der Ärzteschaft ist zu hören, dass immer weniger Nachwuchskollegen bereit sind, sich mit einer eigenen Praxis als Mediziner niederzulassen. Und: Nicht jeden Neumediziner lockt das Leben auf dem Land. Und dieser Umstand reißt durchaus Lücken in die Versorgung mit Allgemein- und Fachärzten. So beziffert die Kassenärztliche Vereinigung Baden-Württemberg die Zahl unbesetzter Hausarztstellen für den Landkreis Göppingen auf 39 (Stand 2023).
Zehn dieser freien Posten sind im Raum Geislingen zu finden, 29 im Raum Göppingen. Acht Landkreiskommunen haben gar keinen niedergelassenen Hausarzt mehr vor Ort. Abhilfe sollen Stipendien schaffen, bei denen sich die angehenden Mediziner im Gegenzug verpflichten, für eine Zeit lang auf dem Land als Arzt zu praktizieren.
Entscheidung frühestens 2024
Ein solches Modell verfolgen derzeit bereits die Landkreise Calw, Schwäbisch Hall, der Ostalb- wie auch der Zollernalbkreis. Auch für den Landkreis Göppingen können sich die Kreisräte ein solches Modell vorstellen, allerdings soll dieses noch nicht in diesem Jahr umgesetzt werden.
Angestoßen von der CDU-Fraktion im Rahmen der Haushaltsberatungen für 2023, lehnte der Verwaltungsausschuss einen Antrag der Christdemokraten ab, noch in diesem Jahr solche Stipendien auszuloben. Eine Entscheidung hierüber soll erst im Jahr 2024 getroffen werden.
Damit folgte die Mehrheit des Gremiums dem Vorschlag der Kreisverwaltung. Diese möchte zunächst abwarten, wie sich die Vorhaben aus der jüngsten Kommunalen Gesundheitskonferenz des Kreises auswirken. Unter anderem soll seit November eine Servicestelle im Gesundheitsamt Medizinstudenten und Ärzten, die sich im Landkreis niederlassen möchten, Hilfestellung bieten. Ebenso soll eine Werbekampagne künftig für den „Gesundheitsstandort Landkreis Göppingen“ werben. Wohlgemerkt, mit ihrer Stipendien-Idee sind die CDU-Kreisräte nicht gänzlich bei den übrigen Fraktionen abgeblitzt. Aber wie in der Beratungsvorlage der Verwaltung zu lesen ist, sieht man dort nicht nur Vorteile eines solchen Modells. Denn: „Junge Menschen am Anfang des Medizinstudiums im Alter von 17 oder 18 Jahren zu verpflichten, in einem Landkreis als Arzt tätig zu werden, ist problematisch.“ Will heißen: Es ist fraglich, ob man Studenten in dieser Lebensphase durch eine Geldzuwendung wirklich abringen kann, sich dauerhaft an eine Region zu binden.
CDU: „Dramatische Situation“
Für CDU-Kreisfraktionschef Wolfgang Rapp zumindest tickt die Uhr. „Wenn wir jetzt diese Maßnahme nicht ergreifen, wann dann?“, fragte er und erinnerte daran, dass allein die Regelstudienzeit für Mediziner bei sechs Jahren liege. „Man kann nicht genügend Maßnahmen ergreifen, die alle dazu da sind, diese Situation, die dramatisch ist und immer schlimmer wird, zu verbessern“, sagte Rapp und signalisierte, dass seine Fraktion dem Vorschlag der Verwaltung in dieser Form nicht zustimmen könne. Für den SPD-Kreisrat und Mediziner Michael Grebner liegt das Problem ohnehin an anderer Stelle: „Wir haben im Moment unsere Not, Facharztpraxen von Kollegen zu besetzen, die in den Ruhestand gehen“, berichtete der Neurologe dem Verwaltungsausschuss. Eine eigene Praxis sei für immer weniger Nachwuchsmediziner erstrebenswert. Meist könnten die Posten erst dann besetzt werden, wenn die bisherigen Arztsitze in Medizinische Versorgungszentren angegliedert würden, die Ärzte also angestellt sind, mit festen Dienstzeiten.
Hilfe per Chatmodul und Telefon-Hotline
Angebot
Die Göppinger Landkreisverwaltung möchte jetzt auch mit einer Werbekampagne für den Standort werben. Die neue Servicestelle „Ärztliche Versorgung“ soll Medizinstudierende sowie an einer Niederlassung im Landkreis Göppingen interessierte Ärztinnen und Ärzte direkt ansprechen.
Kontakt
Über ein Chatmodul und eine Telefon-Hotline kann Kontakt zur Servicestelle aufgenommen werden. Die Mitarbeiter des Gesundheitsamts beantworten Fragen zu Praktikum, Weiterbildung, Anstellung oder Niederlassung.
Hilfe
Außerdem bietet die Servicestelle Unterstützung bei der Suche nach geeigneten Praxis- oder Wohnräumen, einem Bau- oder Kindergartenplatz oder bei der Suche nach einer Arbeitsstelle für die Partnerin oder den Partner. Die Servicestelle ist keine Anlaufstelle für Bürger. Zu finden ist das Angebot im Internet auf www.lkgp.de/servicestelle-medizin.