Havarie der Costa Concordia "Eine zyklopische Aufgabe"

Marinetaucher auf dem Weg zur Costa Concordia Foto: AP 8 Bilder
Marinetaucher auf dem Weg zur Costa Concordia Foto: AP

Unter schwierigsten Bedingungen suchen Taucher im Wrack der Costa Concordia nach Vermissten. Die Bergung des Luxusschiffes wird ein Ereignis.

Korrespondenten: Paul Kreiner (pk)
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Rom - Am Dienstag haben sie sich buchstäblich ins Schiff gesprengt. Taucher der italienischen Marine brachten sechs kleine Minen am Rumpf der Costa Concordia zur Explosion, um den Suchtrupps sichere Zugänge und vor allem - im Notfall - einen schnellen Ausstieg aus dem Labyrinth der Schiffskorridore und -decks zu ermöglichen.

Vier Tage nach dem Unglück wurden am Dienstag fünf Leichen im hinteren Teil des Schiffes geborgen. Die Zahl der Vermissten - unter ihnen zwölf oder 14 Deutsche - lag aber immer noch bei mindestens 20. Und noch ist erst die aus dem Wasser herausragende, linke Seite des Schiffs durchsucht. Der überflutete, bisher erst von außen inspizierte Teil soll jetzt folgen.

Die Suchtrupps arbeiten schon seit Tagen unter härtesten Bedingungen: Die Neigung des Schiffes - etwa 80 Grad - führt dazu, dass es keine ebenen Flächen gibt. Um an Deck zu kommen und sich über die rutschigen Flächen bewegen zu können, müssen sich die Feuerwehrmänner wie Bergsteiger an- und abseilen. Innen, das zeigen Unterwasserfotos, versperren Haufen von Möbeln und anderen Gegenständen den Weg. Türen werden zu Falltüren. Bullaugen sind im Notfall nicht zu durchschlagen, weil sie aus drei Zentimeter dickem Glas bestehen.

 

Abpumpen des Kraftstoffs kann Wochen dauern

Für die Durchsuchung der halb überfluteten und der abgesunkenen Räume werden auch Höhlentaucher eingesetzt. Für sie, so heißt es vor Ort, bestehe ein hohes Risiko, im Rumpf eingeschlossen zu werden oder bei einem plötzlichen Sinken des Schiffs den Ausweg nicht mehr zu schaffen. Noch erleichterten am Dienstag das exzellente Wetter und die flache See die Arbeiten. Doch von Mittwoch an rechnen die Meteorologen mit deutlicher Verschlechterung und hohem Wellengang - was nach Ansicht der Experten dazu führen könnte, dass die Costa Concordia ihren prekären Halt auf unterseeischen Felszacken verliert und in 80 Meter Tiefe abrutscht (siehe Grafik).

Aus Angst vor einer Umweltkatastrophe sollen nun so schnell wie möglich die 2400 Tonnen Schweröl und Schiffsdiesel aus den 17 Tanks am Heck abgepumpt werden. Max Iguera von der niederländischen Spezialfirma Smit sagte, die dazu nötigen Tankschiffe stünden bereit. Allerdings müsse das giftige, bei Wintertemperaturen teerartig zähe Schweröl zum Pumpen erst mühsam angewärmt werden.

"Diese ganze Operation kann Wochen dauern", sagte Iguera. "Und dann spielen auch noch an die 20 unbekannte Größen herein." Iguera nannte unter anderem Wetter und Seegang - aber auch die derzeit nicht absehbaren Bewegungen eines beim Pumpen immer leichteren Schiffes.

 

Costa Concordia soll nicht zerlegt werden

Die noch weit schwerere, die laut Iguera "zyklopische, in ihrer Größe noch nie zuvor bewältigte" Aufgabe besteht danach in der Bergung des 290 Meter langen, 114.000 Tonnen schweren Schiffs. Vergleichbar wird diese Aktion höchstens mit der Bergung des etwa genauso langen, allerdings viel leichteren und flacheren Tankers Exxon Valdez, der 1989 vor Alaska eine Ölpest verursachte. Iguera sagt, man wolle die Costa Concordia möglichst im Ganzen abschleppen.

Dazu müssten aber zuerst die je 70 Meter langen Risse am Rumpf zugeschweißt und die noch gänzlich unbekannte Menge Wasser abgepumpt werden. Erst danach könnten die Experten der Firma Smit, die unter anderem schon das havarierte russische Atom-U-Boot Kursk geborgen haben, an die Aufrichtung des Schiffes gehen. Dies könnte - soweit die theoretischen, bisher nur an kleineren Schiffen erprobten Überlegungen - auf der linken Seite des Schiffs mit Hilfe von Kränen auf Betonpfeilern geschehen.

Auf der rechten könnten riesige Luftkissen den Auftrieb gewährleisten. "Wir wissen allerdings nicht, wie stabil das Schiff ist. Und falls es sich mit dem Bug voraus in den Grund bohrt, dann kriegen wir es so nicht mehr weg." Dann, so Iguera, bleibe nur die Möglichkeit, die Concordia zu zerlegen, den Rumpf mit Stahlseilen zu zerschneiden und den Stahl als solchen wiederzuverwerten.

 

Bergungskosten werden auf 93 Millionen Euro geschätzt

An die letzte Möglichkeit mag im Insel-Nationalpark Toskanischer Archipel derzeit keiner denken: Italien könnte sich prinzipiell auch dafür entscheiden, eine zur Gänze untergegangene Costa Concordia als Mahnmal genauso liegen zu lassen wie den noch 50 Meter längeren Supertanker Haven, der 1991 im Golf von Genua explodiert und versunken ist.

Die Kosten der Bergung werden im ersten Schritt auf 93 Millionen Euro beziffert. Es gebe aber, sagen Fachleuten, nach oben keinerlei abschätzbare Grenze.

Mehr Hintergründe zum Unglück unter stzlinx.de/costa




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