Havarie eines Containerschiffs Teurer Stau im Suez-Kanal
Der riesige, auf Grund gelaufene Frachter blockiert zehn Prozent des maritimen Welthandels. Die Folgen wirken sich auch auf Europa aus.
Der riesige, auf Grund gelaufene Frachter blockiert zehn Prozent des maritimen Welthandels. Die Folgen wirken sich auch auf Europa aus.
Suez - Die Havarie eines riesigen Container-Frachters im Suez-Kanal erschüttert die Weltwirtschaft. Es könnte Tage oder gar Wochen dauern, bis das Schiff wieder flott ist und der Verkehr durch eine der weltweit wichtigsten Wasserstraßen wieder fließen kann. Am Nord- und Südende des Kanals, durch den rund zehn Prozent des maritimen Welthandels transportiert werden, stauen sich mehr als 150 Frachter und Tanker.
Die drei Jahre alte „Ever Given“, die unter der Flagge von Panama fährt, ist mit 400 Metern Länge und 59 Meter Breite einer der größten Frachter der Welt und kann 20 000 Container transportieren. Das voll beladene Schiff war auf dem Weg von China nach Rotterdam, als es kurz nach der Einfahrt in die südliche Öffnung des Kanals auf Grund lief. Nach Angaben des Schiffsbetreibers, der taiwanesischen Reederei Ever Green, wurde das 220 000-Tonnen-Schiff von starken Winden eines Sandsturms abgedrängt.
Der 190 Kilometer lange Suez-Kanal ist stellenweise weniger als 200 Meter breit. Die riesige „Ever Given“ blockiert deshalb den gesamten Verkehr. Ihr Bug steckt am westlichen Kanalufer fest, während ihr Heck das östliche Ufer berührt.
Mehrere Schlepper versuchten am Donnerstag, die „Ever Given“ wieder ins Fahrwasser zu bekommen. Am Ufer des Kanals wurden zudem Bagger eingesetzt, um den Kanal an der Unfallstelle zu vertiefen. Wenn es nicht gelingt, das Schiff auf diese Weise freizubekommen, müssten Container abgeladen werden, um den Frachter leichter zu machen. Das könnte Wochen dauern. Ein niederländischer Experte vor Ort verglich den Frachter mit einem gestrandeten Wal.
Jedes Jahr passieren rund 19 000 Schiffe den Suez-Kanal, der den Frachtern auf dem Weg zwischen Europa und Asien eine Runde um den afrikanischen Kontinent erspart. Der 1869 eingeweihte Kanal wird derzeit erweitert und soll im Jahr 2023 hundert Schiffen am Tag die Durchfahrt ermöglichen, doppelt so vielen wie bisher. Die Durchfahrtgebühren, die mehrere Hunderttausend Euro pro Schiff betragen können, bringen dem ägyptischen Staat jährliche Einnahmen von etwa 4,5 Milliarden Euro ein.
Selbst im Normalbetrieb müssen Schiffe lange auf die Durchfahrt warten. Diese Verzögerungen und die hohen Gebühren hatten in jüngster Zeit immer mehr Schiffseigner dazu veranlasst, die Route um Afrika herum zu wählen – dieser Trend könnte sich nach der Havarie der „Ever Given“ verstärken. Derweil steigen die Ölpreise, weil viele Öltanker auf dem Weg nach Europa nicht weiterkommen. Der Nachrichtenagentur Reuters zufolge steckten Tanker mit rund 13 Millionen Barrel Öl (je 159 Liter) an Bord wegen des Schiffsunfalls fest. Das sind mehr als zehn Prozent des täglichen Bedarfs weltweit.
Und es drohen weitere Folgen: Weil genau terminierte Lieferungen eine große Rolle in der Weltwirtschaft spielen, könnte der Stau im Suez-Kanal einen Domino-Effekt auslösen. Schließlich stecken viele große Schiffe fest, während andere um Afrika herumfahren müssen und deshalb knapp eine Woche länger unterwegs sein werden als geplant. Der Unfall sei ein weiterer Rückschlag für die weltweiten Lieferketten, die wegen der Coronapandemie ohnehin schon unter starkem Druck stünden, heißt es.