Ausstellung mit Fälschungen in Heidelberg Betrug will gelernt sein

Meisterhaft: dieses anonyme Bild wurde als echter van Gogh angeboten. Foto: Institut für Europäische Kunstgeschichte

Erfolgreiche Kunstfälscher sind faszinierend – auch wenn sie kriminell sind. In Heidelberg erfährt man nun, warum sie meist doch irgendwann auffliegen.

Kultur: Adrienne Braun (adr)

Manchmal genügt ein einziger Strich, um einen erfolgreichen Künstler hinter Gitter zu bringen. Denn künstlerisches oder zumindest handwerkliches Talent kann man Wolfgang Beltracchi nicht absprechen. Der 73-Jährige ist einer der versiertesten Kunstfälscher aller Zeiten und führte sogar ausgewiesene Experten hinters Licht – um dann ausgerechnet an einem winzigen Strich zu scheitern. Als Beltracchi ein gefälschtes Bild des Franzosen Ferdinand Léger signierte, vergaß er auf dem „e“ den Accent aigu. Mit seinen Französischkenntnissen scheint es nicht weit her gewesen zu sind. Als er auf die Rückseite „Natur Morte“ schrieb, vergaß er beim französischen Wort für Stillleben das „e“.

 

Kriminalisten kann das nur Recht sein. Denn sie sind darauf angewiesen, dass Fälscher Fehler machen – und sich zum Beispiel in der Richtung irren. Laien mag es nicht sofort auffallen, aber wenn Lovis Corinth den Pinsel schwang, begann er oben rechts in der Bildecke und führte den Strich nach links unten. Pech für den Pfuscher, der sein Bild als Werk von Lovis Corinth ausgab, sich aber verriet, weil er mit dem Malen links oben ansetzte – und außerdem eine Frau porträtiert hatte, deren Frisur verdächtig an die 1940er Jahre erinnert. Da war Corinth längst tot.

Dilettanten setzen die Signatur in die falsche Eckes des Bildes

Wer je mit dem Gedanken gespielt hat, als Kunstfälscher tätig zu werden, wird diese Idee spätestens nach dem Besuch des Kurpfälzischen Museums in Heidelberg über Bord werfen. Denn in der neuen Ausstellung „Kunst und Fälschung“ kann man „aus dem Falschen das Richtige lernen“, wie es im Untertitel der Schau heißt. Gezeigt werden Werke großer Meister wie Lucas Cranach d. Ä. und Hans Baldung Grien, von Emil Nolde und Vincent van Gogh, die allerdings allesamt von aufgeflogenen Fälschern stammen. Der eine pinselte ein offenbar schlechtes Foto ab. Der andere platzierte die Signatur links, obwohl der Künstler seine Unterschrift auf Gemälden immer rechts unten hinterließ.

Man sollte meinen, dass Kunstexperten und Wissenschaftlern solche Fehler sofort ins Auge springen würden. Aber ob man in die Geschichte oder in die jüngere Gegenwart blickt: Zu allen Zeiten saßen Sammler, Auktionshäuser und Museen Fälschern auf. Auch wenn heute kaum noch ein hochpreisiges Werk die Besitzer wechselt ohne vorherige Gutachten von Spezialisten, zeigt nicht nur der Fall Beltracchi, dass auch die sich immer wieder gewaltig irren können.

Studierende sollen lernen, Fälschungen zu erkennen

Damit es künftige Generationen besser machen, legt Henry Keazor seinen Studierenden regelmäßig Werke von höchster Qualität vor, die die jungen Leute aus nächster Nähe begutachten dürfen. Denn es sind keine Originale, sondern durchaus hochwertige Fälschungen. Keazor ist Professor am Institut für Europäische Kunstgeschichte der Universität Heidelberg und hat vor zwei Jahren begonnen, Fälschungen zu sammeln – aus privaten Beständen und vom Berliner Landeskriminalamt, wo man froh war, in der Asservatenkammer wieder etwas Platz zu bekommen. Denn in Berlin ist einer der erfolgreichsten Kommissare in Sachen Kunst tätig: René Allonge. Er war es, der auch Wolfgang Beltracchi überführte.

Inzwischen ist die Sammlung weiter angewachsen, weshalb Henry Keazor nun für das Kurpfälzischen Museum Heidelberg die Ausstellung zusammengetragen hat, die zeigt, wie viel man beim Fälschen falsch machen kann. Hier hat einer mit der Farbe gespart und sie elegant und flach auf die Leinwand aufgebracht – dabei verteilte sie der Künstler doch gern großzügig mit Kratern und hohen Farbhügeln.

Besonders dusslig stellte sich ein Fälscher an, der eine Landschaft von Otto Modersohn kopierte, sie aber spiegelverkehrt malte, damit der Betrug nicht auffällt. Offenbar wusste er nicht, dass Modersohn seine Landschaften stets in der Natur malte – und nicht im Atelier erfand.

Der Fälscher wollte nur im Stile von Cranach malen

Als 2008 ein „Knabenbildnis“ von Lucas Cranach auf dem Kunstmarkt auftauchte, schien das Bild unverdächtig, weil es im Louvre eine ähnliche Zeichnung des Künstlers gibt. Auch das Gewand des Burschen fand man auf einem anderen Bild des Malers, wo es allerdings ein Gelehrter trug. Das machte die Experten dann doch stutzig. 2017 wurde schließlich der Fälscher Christian Goller überführt. Der räumte zwar ein, das Bild gemalt zu haben, hielt es aber für keine Fälschung, schließlich habe er nur ein Werk im Stil Cranachs malen wollen.

In der Praxis wird sorgfältig unterschieden, was als Fälschung gilt und was nicht. Ob ein Bild kopiert oder ein völlig neues Motiv im Stil eines anderen erfunden wird – kriminell wird es, wenn man ein gefälschtes Werk absichtlich in den Handel bringt. Sollten sich Kunstexperten irren, ist das dagegen keine Straftat, auch wenn das Ergebnis die Eigentümer teuer zu stehen kommen kann.

Bis heute ist es keine Seltenheit, dass historische Werke neu zugeschrieben werden – wie der berühmte „Mann mit dem Goldhelm“. Der wurde zwar in der Werkstatt Rembrandts gemalt, aber nicht von ihm. Es sagt viel aus über das Kunstsystem, dass ein solches Werk dann umgehend erheblich an Wert verliert, obwohl es ja unverändert ist und die zuvor gepriesene Qualität weiterhin gelten muss. Aber der Kunstmarkt und Kunstbetrieb leben eben ganz wesentlich von hochgejubelten Künstlerpersönlichkeiten und Mythen, die sich um sie ranken. Das lässt sich schön ablesen am Fall von Banksy. Sobald (wie vor ein paar Tagen wieder) ein neues Motiv im öffentlichen Raum auftaucht und sich bestätigt, dass es sich dabei um ein Original des mysteriösen Street-Art-Künstlers handelt, ist das sogar der „Tagesschau“ eine Meldung wert. Die Qualität des Motivs selbst spielt dabei keine Rolle.

Ein Werk verliert an Wert, wenn der Maler plötzlich ein anderer ist

Fälscher wissen sich mitunter bestens in diesem System zu bewegen – weshalb die Öffentlichkeit von ihnen oft ähnlich fasziniert ist wie von Bankräubern, denen ein großer Coup gelandet ist. Schade, dass die Heidelberger Ausstellung nur den Blick auf die Technik wirft – und nicht auf die mitunter abenteuerlichen Mythen, die Fälscher wie Wolfgang Beltracchi erfanden. Er klebte auf seine Bilder einen selbst gestalteten Aufkleber, der angeblich von der Galerie „Der Sturm“ stammte, und verbreitete die Legende, dass es sich um das Label des jüdischen Sammlers Alfred Flechtheim handle.

Dass es Beltracchi mit solch ausgebufften Tricks erstaunlich leicht gelang, seine Bilder in große und namhafte Sammlung zu bringen, verrät, dass Kunst bis heute als etwas verstanden wird, dass die Besitzer adelt – weil sie Prestige und/oder Wertsteigerung verspricht. Beltracchi setzte auf eben diese Gier und war überzeugt, dass er nicht nur ein paar Hundert, sondern durchaus auch 2000 Bilder hätte malen können: „Der Markt hätte es aufgenommen.“ Man ließ sich nur allzu gern täuschen – ob Händler, Sammler oder sogar Kunsthistoriker.

Einen, dem der Fall Beltracchi unschöne Schlagzeilen brachte, war Werner Spies. Er hatte unter anderem ein Gutachten erstellt für das Gemälde „Erdbeben“, das 2009 im New Yorker Auktionshaus Sotheby’s für 1,14 Millionen Dollar verkauft wurde. Als sich dann herausstellte, dass es sich keineswegs um ein Original von Max Ernst handelt, wurde der Verkauf zwar rückgängig gemacht, trotzdem mussten sich Werner Spies als Gutachter und der Genfer Galerist Jacques de La Béraudière als Verkäufer vor einem Zivilgericht in Nanterre verantworten. Sie wurden schließlich zu einem Schadenersatz von genau 652 883 Euro verurteilt.

Damit so etwas zumindest dem kunsthistorischen Nachwuchs aus Heidelberg nicht mehr passiert, stellen inzwischen auch die Landratsämter von Baden-Württemberg und Bayern Meisterwerke zur Verfügung. Dass solche Fälschungen aus den Asservatenkammern nun auch öffentlich gezeigt werden, ist keineswegs selbstverständlich. Museen verschweigen das Thema meist geflissentlich. Außerdem will man den Kriminellen nicht auch noch ein Forum bieten. Deshalb war die „Große Polizeiausstellung“ 1926 in Berlin auch nicht für die Bevölkerung zugänglich. In der Sektion Fälschungen wurden nur Fachleute von Polizei, Presse, Kunst und Wissenschaft zugelassen.

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