Heikle Evakuierungsmission Flucht aus dem Sudan

Nach Angaben des EU-Außenbeauftragten Borrell sind mehr als 1000 EU-Bürger ausgeflogen worden. Foto: AFP/JONATHAN SARAGO

Die Krise im Sudan spitzt sich immer weiter zu: Nach zehn Tagen heftiger Kämpfe scheint die vor vier Jahren begonnene Demokratisierung des Landes gescheitert. Die Lage in den Krankenhäusern ist verheerend.

Dallia ist auf dem Weg nach Port Sudan. Es ist nach Mitternacht, „aber wir sind noch lange nicht am Ziel“, meldet die Ex-Journalistin auf Twitter: „Dabei haben wir Khartum schon zur Mittagszeit verlassen.“ Die Strecke zwischen der sudanesischen Haupt- und Hafenstadt ist 840 Kilometer lang und wird durch die zahllosen zu passierenden Straßensperren nicht kürzer. Noon ist auf dem Weg nach Kairo. „Meine Familie und ich haben gerade die ägyptische Grenze überquert“, meldet auch sie auf Twitter: „Welche Erleichterung!“ Es folgen zahlreiche Ratschläge, welche Buslinie für die Fluchtstrecke von Khartum nach Kairo die beste ist, wie viele sudanesische Pfund hinzulegen sind (fast viermal so viel wie noch vor einer Woche), wo es Wasser zu kaufen gibt und wer sudanesische in ägyptische Pfund wechselt. „Teilt diesen Thread mit so vielen Leuten wie möglich“, bittet Noon. „Diese Infos können für so viele Leute wichtig sein.“

 

Die sozialen Netzwerke laufen heiß

Gewiss. Denn es scheint, als ob sich halb Khartum auf den Weg gemacht hat: Die meisten in Richtung Port Sudan, viele peilen das Nachbarland Ägypten an, einige haben sich sogar Juba im Südsudan ausgesucht. Bisher waren die Flüchtlinge in die andere Richtung, von Juba nach Khartum, geströmt. Die sozialen Netzwerke, vor allem Twitter, laufen heiß – mit Fragen nach Mitfahrgelegenheiten, nach Visumauflagen und Unterkunftsmöglichkeiten in den Zielorten. Die TV-Moderatorin Dalia Eltahir wirft ihren Namen in den Ring, um die Herzen – und Wohnungen – der Nachbarn zu öffnen: „Das können möblierte Appartements oder auch die eigenen Wohnungen sein. Bitte stellt davon so viel wie möglich zur Verfügung.“ Europäer fühlen sich an die Zeit nach dem russischen Überfall auf die Ukraine erinnert.

Sudanesen ohne Hoffnung

War bei vielen Khartumern bislang noch die Hoffnung wach, dass es sich bei den vor neun Tagen ausgebrochenen Kämpfen zwischen den Soldaten des Streitkräftechefs Abdel Fattah al-Burhan und den Truppen des Milizenführers Mohamed Hamdan Dagalo nur um eine vorübergehende Krise handeln könnte, ist diese Hoffnung an diesem Wochenende gestorben: Als die Bevölkerung Khartums mit ansehen musste, wie eine ausländische Regierung nach der anderen ihre Staatsbürger aus der brennenden Hauptstadt evakuierte. „Es war die härteste Entscheidung meines Lebens“, sagt die 37-jährige Dalia Mohamed dem Fernsehsender Al-Jazeera: „Und wenn mir jemand sagen würde, dass mein Stadtviertel sicher ist, wäre ich in einer Sekunde wieder zu Hause.“

Eine Twitter-Nutzerin namens „Munchkin“ ist überzeugt, dass die Gefechte nach der Evakuierung der Ausländer noch wesentlich schlimmer werden. Am Wochenende war ein weiterer von den UN geforderter Waffenstillstand gescheitert. „Sehr starker Beschuss in Omdurman“ (der jenseits des Nils gelegenen Zwillingsstadt Khartums), meldet Leena Shibeika am Montagmorgen auf Twitter. „Es sieht so aus, als ob sogar Raketenwerfer eingesetzt werden.“ Khartums Straßen seien verödet, heißt es in weiteren Einträgen: Außer den mit Maschinengewehren bestückten Pick-ups der Kämpfer sei kaum ein Fahrzeug zu sehen. „Dafür haben wir Leichen auf den Straßen gesehen“, berichtet ein evakuierter Jordanier dem TV-Sender Al-Arabiya.

Am schlimmsten sehe es in den Krankenhäusern aus, sagt der Generalsekretär des Ärztekomitees, Attiya Abdullah: „Dort verwesen Leichname auf den Stationen.“ 13 Hospitäler seien beschossen und 19 von Kämpfern zwangsgeräumt worden, fährt Abdullah fort: In den noch offenen Krankenhäusern gebe es meist weder Strom noch Wasser. Ohne funktionierende Kühlschränke würden lebenswichtige Medikamente wie Insulin zerstört, meldet das Kinderhilfswerk Unicef.

Wann kollabiert das Internet?

Noch funktioniert die meiste Zeit das Internet, die sozialen Netzwerke sind oft die letzten Verbindungen der Eingeschlossenen. „Weiß jemand, wo es Babymilchpulver gibt?“, will Mandour junior über Twitter wissen: „Meine Schwester sitzt im Stadtteil Alazhari mit vier kleinen Kindern und einem vier Monate alten Baby fest.“ Munchkins Vater verließ vor fünf Stunden das Haus, um seinen Pass zu holen: „Seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört.“ Und Yasmin Sholgami, deren Großvater im selben Häuserblock wie die britische Botschaft lebt und neben der sudanesischen auch die britische Staatsbürgerschaft hat, schimpft: „Er ist 89 und seine Frau 75 Jahre alt, und beide haben seit einer Woche weder Wasser noch Essen.“

Der Kollaps des Internets scheint nur eine Frage der Zeit zu sein: In den vergangenen Tagen kam es bereits zu ersten Netzattacken, die vor allem dem Strommangel zuzuschreiben sind. Die Armee wirft der Miliz vor, der Bevölkerung auch noch den letzten Draht zur Außenwelt abschneiden zu wollen: Das Telefonnetz ins Ausland ist bereits gestört. Die allerletzte Hoffnung der Eingeschlossenen sind die Mitglieder der sogenannten Widerstandskomitees: ausgezeichnet organisierte Stadtteilgruppen, die bereits die Revolution gegen den vor vier Jahren aus dem Amt gejagten Militärdiktator Omar al-Baschir angeführt hatten. Findige Developer haben eine App entwickelt, über die Eingeschlossene um etwas zu essen, Medikamente oder jede andere Art von Beistand bitten können.

„Wir werden die Letzten sein, die hier verschwinden“, sagt Tamer Ibrahim von der Presseabteilung der Resistance Committees der „New York Times“: „Uns liegt die Bevölkerung am Herzen – was man von den Generälen nicht behaupten kann.“

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