Heilbronn setzt auf offenes Konzept Frauen in Todesangst – warum das Esslinger Frauenhaus geheim ist

Drohungen, Überwachung oder Schläge: Gewalt an Frauen hat viele Gesichter. Foto: dpa

Brauchen Frauenhäuser eine geheime Adresse? Seit sich eine Einrichtung in Heilbronn als sogenanntes Open House aus der Deckung wagt, ist Bewegung in die Diskussion gekommen. Der Esslinger Verein „Frauen helfen Frauen“ warnt davor, die Konzepte gegeneinander auszuspielen.

Reporter: Petra Pauli (pep)

Jede dritte Frau erlebt mindestens einmal im Leben Gewalt in der Partnerschaft. Das Bundeskriminalamt erfasste 143 000 Fälle allein im Jahr 2021. Frauen benötigen also dringend den Schutz in Frauenhäusern. Aber brauchen sie auch Anonymität? Seit in Heilbronn Ende Juni dieses Jahres ein sogenanntes Open House in Betrieb ging, ist Bewegung in die Diskussion gekommen.

 

Anders als sonst bei Frauenhäusern müssen bei diesem offenen Konzept weder Frauen noch Kinder verheimlichen, wo sie wohnen. Sogar Besuch ist erlaubt. Sicherheit sollen Zugangskontrollen, Videoüberwachung und Notrufe gewährleisten. Begründet wird das auch damit, dass in Zeiten von Handy-Tracking und sozialen Netzwerken Anonymität kaum mehr aufrechtzuerhalten sei.

Grundsätzlich begrüßt der Esslinger Verein „Frauen helfen Frauen“ diesen Ansatz, warnt aber davor, beide Modelle gegeneinander auszuspielen. „Wir benötigen beide Konzepte, sie können und sollten nebeneinander existieren“, sagt Nathalie Schwarz, Mitarbeiter in der Beratungsstelle des Vereins, der auch Träger des Frauenhauses in Esslingen ist. Vielfalt sei gut, um auf die verschiedenen Bedarfe der Hilfesuchenden eingehen zu können. Überholt sei das anonyme Frauenhaus aber nicht. „Die Gewalt und auch die Hochrisikofälle sind leider zu sehr Realität“, sagt Nathalie Schwarz. Nach Esslingen kommen Frauen, die körperlich misshandelt wurden und um ihr Leben fürchten müssen.

Neue digitale Identität

Der Standort ist deshalb streng geheim. Dasselbe gilt für die beiden anderen Schutzhäuser im Kreis Esslingen, die von „Frauen helfen Frauen“ auf den Fildern und in Kirchheim getragen werden. Dass die Schutzsuchenden dort aufgespürt werden, sei extrem selten, sagt Tabea Forker, Mitarbeiterin im Esslinger Frauenhaus. In Abstimmung mit den Frauen erwirken sie nicht nur bei Ämtern und Einrichtungen eine Auskunftssperre. „Wir schulen zudem die Frauen frühzeitig im Umgang mit Handy und den Sozialen Medien“, berichtet die Sozialarbeiterin. Auch Kinder und Jugendliche würden sensibilisiert. „Sie haben so viel mitgemacht, dass auch die Jüngeren schnell verstehen, warum das notwendig ist“, sagt sie.

In Nürtingen plant der Caritasverband Neckar-Fils-Alb ein weiteres Haus, das vor allem Frauen mit Behinderung und deren Kinder Schutz bieten und als offenes Haus geführt werden soll. „Da die Problemlagen der Betroffenen unterschiedlich sind, sollten dem auch die Angebote Rechnung tragen“, begründet das die Caritas-Regionalleiterin Lisa Kappes-Sassano, im Landkreis verfolge man das Ziel, diese Vielfalt künftig abzudecken. „Ein offenes und nicht absolut anonymisiertes Konzept bedeutet weder, dass bekannt ist, wer in einem Schutzhaus lebt, noch ist der Zugang für jedermann und ungesichert möglich“, betont sie. Im Vorfeld müsste die konkrete Gefährdungslage für Frauen und Kinder geklärt werden, um die jeweils richtige Betreuungsform zu finden.

„Angst, dass der Papa mich klaut“

Die beiden Esslinger Mitarbeiterinnen finden unterdessen, dass die anonymen Frauenhäuser in der Berichterstattung teilweise in ein falsches Licht gestellt würden. So sei etwa von „Versteckspiel“ die Rede gewesen und davon, dass die Kinder durch die Geheimhaltung traumatisiert würden. „Alles, was davor war, ist traumatisierend, nicht die Situation im Frauenhaus“, stellt Natalie Schwarz klar. Tabea Forker hat die Erfahrung gemacht, dass Hilfesuchende die Anonymität als große Entlastung empfinden würden. So habe eine Siebenjährige im Beratungsgespräch von ihrer Angst erzählt, dass „der Papa sie klauen“ könnte. „Die Betroffenen haben hier Schutz und Ruhe, um die Ereignisse zu verarbeiten, und können ihren Alltag gestalten“, berichtet sie. Dagegen sieht Lisa Kappes-Sassano es als Vorteil von offenen Häusern an, dass die sich in den Stadtteil öffnen könnten. „Das bietet für Kinder mehr Normalität. Aber auch für Menschen mit Behinderung ist dies ein Gewinn“, sagt sie.

In geheimen Häusern sei dennoch niemand auf sich gestellt. „Es entstehen schnell Freundschaften“, berichtet Tabea Forker, die würden oft über den Aufenthalt hinaus bestehen. Die Mitarbeiterinnen bieten psychologische, aber auch praktische Hilfe bei Behördengängen. Das Esslinger Haus ist ein warmer und freundlicher Ort, wie die Innenaufnahmen zeigen, die nach der Renovierung im vergangenen Jahr gemacht wurden. Die 17 Plätze sind immer belegt. „Es ist leider unser Alltag, dass wir abweisen müssen“, bedauert Forker.

Jeden Tag müssen Frauen abgewiesen werden

Fünf Jahre nach dem Beitritt zur Istanbul-Konvention, mit dem sich Deutschland verpflichtet hat, Frauen besser zu schützen, fehlen laut Sozialministerium im Land 600 Plätze, die Landesarbeitsgemeinschaft der Autonomen Frauenhäuser spricht sogar von 2000 Plätzen. Angesichts dieser Zahlen sei eine Hierarchie der Konzepte unangebracht. „Das einzig wahre Zukunftsmodell ist die Abschaffung von geschlechtsspezifischer Gewalt“, sagt Nathalie Schwarz.

Schutz vor häuslicher Gewalt

Hilfen im Kreis Esslingen
Es gibt drei Schutzhäuser für von häuslicher Gewalt bedrohte Frauen und ihre Kinder, die vom Verein „Frauen helfen Frauen“ in Esslingen, auf den Fildern und in Kirchheim getragen werden. Zuletzt gab es 43 Plätze. Eine weitere Einrichtung der Caritas Fils-Neckar-Alb soll sich an Frauen mit Behinderung wenden. Nach Auskunft des Trägers befindet sich das Projekt erst im Stadium der Planung. Die Umsetzung hänge von der Fortführung des Bundesinvestitionsprogramms „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ ab. Es könnte als offenes Haus geführt werden.

Open House
Das vom Bund geförderte Modell in Heilbronn steht für eine neue Art Frauenhaus in Deutschland. Die Adresse der Einrichtung ist öffentlich.

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