Stadtkind Stuttgart

Heilignüchtern am Hölderlinplatz Zimt-und-Zucker-Macher expandiert in den Westen

Von Martin Elbert 

Neu am Hölderlinplatz: Das Heilignüchtern von Zimt-und-Zucker-Macher Jean Ravel. Das bewährte Konzept aus dem Heusteigviertel wird auch Westen angewandt, mit einem Unterschied: Das Heilignüchtern ist nicht nur nur ein Café und Restaurant sondern auch eine Bar. 

Zan „Ravel“ Velenderic in seinem neuen Laden Heilignüchtern am Hölderlinplatz. Foto: Martin Elbert 7 Bilder
Zan „Ravel“ Velenderic in seinem neuen Laden Heilignüchtern am Hölderlinplatz. Foto: Martin Elbert

Stuttgart - Friedrich Hölderlin (1770 bis 1843) likes this garantiert: Ein Wort aus einem seiner berühmtesten Gedichte „Hälfte des Lebens“ steht rund 200 Jahre später Pate für einen Bar-Café-Restaurant-Hybrid – an jenem Platz im Stuttgarter Westen, der nach Hölderlin benannt wurde. Im Gedicht heißt es:

Und trunken von Küssen / Tunkt ihr das Haupt / Ins heilignüchterne Wasser.

Der Begriff „heilignüchtern“ hat es Heilignüchtern-Betreiber Zan Velenderic (besser bekannt als Jean Ravel) derartig angetan, dass er so seinen zweiten Laden taufte. Velenderic betreibt bereits seit zehn Jahren das Zimt und Zucker im Heusteigviertel. Überhaupt passe das gesamte Gedicht „Hälfte des Lebens“ zu ihm, erklärt der lebensfrohe Gastronom strahlend. Er sei jetzt 45, also in der Mitte seines Lebens, er sprühe vor Energie und die hat er offensichtlich ins Heilignüchtern gesteckt.

„Ich wollte schon immer etwas in Stuttgart-West aufmachen“, erzählt der Zimt-und-Zucker-Macher auf Expansionskurs, „und als ich das erste Mal an der Haltestelle Hölderlinplatz vor dem Laden stand, da war er plötzlich da, dieser unerwartete Glanz in meinen Augen.“ Ein befreundeter Weinhändler hat ihm den Tipp gegeben. In der Location war zuvor ein Friseur, der ein paar Straßen weitergezogen ist.

Velenderic steckt voller kindlicher Begeisterung

Velenderic lächelt die ganze Zeit und auch wenn er in der Mitte seines Lebens stehen mag, stecken noch diese kindliche Begeisterung, Freude und Neugier in ihm. Vor allem, wenn der gelernte Art Director über seine Gestaltung des Heilignüchterns erzählt, ein farbenprächtiges wie detailverliebtes Interieur-Statement. Rot dominiert, die Wände zieren Bilder von Comic- und Fantasy-Figuren.

Über der imposanten, blausamtenen Sitzbank wurde ein 9 Meter langes Mural gemalt, das Velenderic, inspiriert von dem Zeichner-Kollektiv „Band of Doodlers“, ebenfalls selbst entworfen hat. Die einzelnen Elemente und Wörter bringen genau wie das Gedicht „Hälfte des Lebens“ die Vergangenheit mit der Zukunft in Einklang – was war, was wird kommen? Das Gesamtwerk wirkt jedenfalls so „happy“ wie der Betreiber selbst und man kann sich zwischen den unzähligen Schwarzweiß-Skizzen (Stuttgart-Liebe, Leckereien und Zeitgeist) regelrecht verlieren.

Die Nachbarn konnten die Eröffnung kaum erwarten

Nur: das hat alles etwas gedauert. Velenderic wollte schon im März eröffnen, hat sich dann aber absichtlich etwas Zeit gelassen, „da ich alles alleine machen wollte, neues Konzept, neue Malerei, neue Produkte und neues Team.“

Seine neuen Nachbarn hingegen konnten die Eröffnung kaum erwarten, berichtet er, und ist immer noch total hin und weg, wie begeistert das Heilignüchtern im Westen empfangen wurde. „Ich habe das noch nie erlebt, so eine große Anteilnahme an einem Café und dass die Leute sagen: 'Willkommen in unserer Nachbarschaft!'“ Die Gäste hätten vom ersten Tag an das Heilignüchtern angenommen als sei es schon immer dagewesen.

Abends ist das Heilignüchtern eine Bar

Im Gegensatz zum Zimt und Zucker verwandelt sich das Heilignüchtern abends in eine Bar und bietet alkoholische Getränke an, wie Weine, Gin oder Aperol. Ansonsten setzt man wie im Heusteigviertel auf ein großes Frühstücksangebot, wenige ausgewählte Mittagstisch-Gerichte sowie Kaffee und Kuchen. Dieser fliegende Wechsel vom Tagesgeschäft in die Abendschicht bietet sich im Westen geradezu an, weiß Velenderic. Ach, und auf der Karte stehen häufig die beliebten Wörter „vegan“ und „glutenfrei“.

Die ersten bekannten Gastro-Kollegen haben Velenderic auch schon einen Besuch abgestattet (Small Talk: „Was machsch du hier?“ „Ha, fett frühstücken.“) und die probierten Speisen mundeten allesamt vorzüglich. Hölderlin hätte es sicherlich geschmeckt, wahrscheinlich zum Beispiel die „Heiße Schnitte Romeo oder Julia“ (ein Sandwichtoast mit oder ohne Schinken - glutenfrei ist auch möglich, klar), eine Hommage an seinen wesentlich älteren Kombl Shakespeare. Ob Hölderlin jedoch abends im Heilignüchtern heilignüchtern geblieben wäre – wir wissen es nicht.

Heilignüchtern, Johannesstraße 97, Öffnungszeiten: Montag Ruhetag, Di & Mi 09-18 Uhr, Do-Sa 09-22 Uhr, So 9-17:30 Uhr
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