Heilungschancen bei Brustkrebs „Der effektiven Früherkennung kommt eine sehr wichtige Aufgabe zu“

Jede achte Frau erkrankt irgendwann an Brustkrebs. Mammografie oder Ultraschall sind wichtig für die Früherkennung. Foto: dpa/Hannibal Hanschke

Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass eine Frau im Laufe ihres Lebens an Brustkrebs erkrankt. Doch die Heilungschancen sind dank moderner Medizin in den letzten Jahren gestiegen, sagt Thorsten Kühn. Er ist Vorsitzender des internationalen Forschungsnetzwerks Eubreast mit Sitz in Esslingen.

Seit den 1980er Jahren sind die Fälle von Brustkrebs um das Doppelte gestiegen. Mediziner in Deutschland stellen momentan bei Frauen rund 70 000-mal im Jahr die Diagnose Mammakarzinom. Zusätzlich werden jährlich etwa 6000 Vorstufen gefunden. Der „Pink Oktober“ gilt weltweit als Brustkrebsmonat und rückt das Thema in den Fokus – ein Grund, um mit Thorsten Kühn, dem Vorsitzenden der internationalen ärztlichen Brustkrebs-Forschungsgruppe Eubreast mit Sitz in Esslingen, zu sprechen.

 

Herr Kühn, die Diagnose Brustkrebs ist ein Schock. Was macht Mut?

Seit gut 20 Jahren verbessert sich die Überlebenswahrscheinlichkeit bei Brustkrebs kontinuierlich. Fast 90 Prozent aller Frauen mit neu diagnostizierter Erkrankung können heute dauerhaft geheilt werden. Dieser große Erfolg wurde durch jahrzehntelange, systematische klinische Forschung ermöglicht. Dabei spielen die verbesserte Früherkennung, innovative Operationsverfahren, die Entwicklung neuartiger Medikamente und die Einführung effektiverer und schonenderer strahlentherapeutischer Techniken eine Rolle. Die verbesserte Früherkennung ist auch ein Grund für die scheinbar rapide steigenden Fallzahlen. Denn Erkrankungen werden heute schon viel früher entdeckt und können daher auch besser behandelt werden.

Viele Frauen haben Angst vor einer Chemotherapie und deren Nebenwirkungen. Ist sie unvermeidbar?

Die moderne Brustkrebsforschung beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie die Verträglichkeit der Behandlung für betroffene Frauen verbessert und die langfristige Lebensqualität erhalten werden kann. Auf die klassische Chemotherapie kann immer häufiger verzichtet werden, da es immer besser gelingt, die Patientinnen zu identifizieren, die nicht oder wenig davon profitieren. Dennoch: Die Chemotherapie ist eine wichtige Therapiemöglichkeit bei aggressiven Tumorformen oder bei fortgeschrittener Erkrankung.

Gibt es alternative Ansätze?

Es gibt keine Alternative zur wissenschaftlich begründeten Medizin. Leider sehen wir immer wieder Frauen, die einen „alternativen“ Weg mit den verschiedensten Heilpraktiken versuchen und dann in weit fortgeschrittenen Stadien wiederkommen, dann sehr aggressive Therapien benötigen und oft nicht mehr heilbar sind. Es gibt allerdings zahlreiche begleitende Behandlungsmöglichkeiten, sogenannte komplementäre Verfahren, die nicht direkt auf Abtötung von Krebszellen, sondern auf eine Stärkung von Körper und Geist sowie eine bessere Verträglichkeit von notwendigen medizinischen Behandlungen wie etwa einer Chemotherapie hinwirken. Wissenschaftliche Studien konnten einen Einfluss von Entspannungsverfahren, Sport, Ernährung und Yoga auf die Rückfallraten zeigen. Auch Nebenwirkungen einer Chemotherapie können durch zahlreiche Methoden reduziert oder vermieden werden. Dazu gehören moderne Medikamente gegen Übelkeit und Erbrechen, Substanzen zur Vermeidung von Infektionen oder Kühltechniken, die Haarausfall oder Gefühlsstörungen verhindern können.

Kann man Brustkrebs aktiv vorbeugen?

Eine gesunde Lebensführung mit guter und ausgewogener Ernährung, wenig Alkoholkonsum und regelmäßiger Bewegung können grundsätzlich die Erkrankungswahrscheinlichkeit reduzieren, die Erkrankung aber keinesfalls vermeiden. Das Brustkrebsrisiko bleibt unabhängig von der Lebensführung hoch. Etwa jede achte Frau in Deutschland erkrankt im Laufe ihres Lebens, sodass der effektiven Früherkennung eine sehr wichtige Aufgabe zukommt, um eine Krebserkrankung oder ihre Vorstufen in einem Stadium zu entdecken, in dem sie noch nicht tastbar sind. Deshalb sind neben der klinischen Tastuntersuchung bildgebende Verfahren wie die Mammografie oder der Ultraschall wichtig.

Die Schauspielerin Angelina Jolie hat vor einigen Jahren Aufsehen damit erregt, dass sie sich die Brüste hat abnehmen lassen. Müssen Brustkrebspatientinnen damit rechnen, ihre Weiblichkeit zu verlieren?

Man muss dazu wissen, dass Angelina Jolie eine Genveränderung hatte, die nur bei fünf Prozent der von Brustkrebs betroffenen Frauen auftritt. Bei diesen Frauen ergibt die Entfernung der Brüste mit sofortigem Wiederaufbau Sinn, da sie eine hohe Wahrscheinlichkeit haben, erneut Brustkrebs in der betroffenen Brust oder der Gegenseite zu entwickeln. Dies trifft aber nicht für Patientinnen ohne Genmutation zu. Bei diesen Frauen zeigt die Kombination aus brusterhaltender Operation und einer modernen, schonenden Strahlentherapie sogar bessere Überlebenschancen im Vergleich zur Brustamputation. Heute wissen wir aus intensiver Brustkrebsforschung, dass wir sehr viel gesundes Gewebe erhalten können, wenn wir zielgerichtet nur das erkrankte Gewebe identifizieren und entfernen. Auch durch eine medikamentöse Vorbehandlung können ausgedehnte Operationen und viele Brustamputationen vermieden werden. Auf dem Gebiet der operativen Behandlung haben sich in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Verbesserungen ergeben.

Auch Männer können an Brustkrebs erkranken. Ist die Medizin speziell darauf eingestellt, oder gibt es für sie die gleiche Diagnostik und dieselben Therapien wie für Frauen?

Es gibt die Erkrankung auch bei Männern, allerdings tritt sie bei ihnen eher selten auf. Eine systematische, bildgebende Früherkennung wird bei Männern deshalb nicht durchgeführt. Das Wichtigste ist, dass ein tastbarer Knoten unverzüglich abgeklärt wird. Die Diagnostik und Behandlung erfolgt dann in Brustzentren durch Frauenärzte und Frauenärztinnen, da sich die Therapie des Mammakarzinoms beim Mann an das Vorgehen bei Frauen anlehnt

Zur Person

Brustkrebsexperte
Thorsten Kühn war 16 Jahre lang Chefarzt am Klinikum Esslingen und Leiter des interdisziplinären Brustzentrums. Seit 2023 leitet er die gynäkologische Onkologie an der Filderklinik in Filderstadt und ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des Brustzentrums der Universität Ulm. Er ist Mitglied der Leitlinienkommission der Deutschen Krebsgesellschaft und der Arbeitsgemeinschaft für gynäkologische Onkologie. Er ist zudem Gründungsmitglied der europäischen brustchirurgischen Forschungsgesellschaft Eubreast Network und Vorsitzender der deutschen Zentrale mit Sitz in Esslingen. Gemeinsam mit Kollegen aus Italien, Frankreich, Spanien, Niederlande, Schweden und Österreich hat er die Gesellschaft gegründet.

Eubreast
Der Schwerpunkt der Forschung des Eubreast-Netzwerks liegt auf dem Gebiet der schonenden Operationen bei Brustkrebs. Durch die breite internationale Kooperation können neue Techniken in der Brustchirurgie in kurzer Zeit erarbeitet und nach strengen wissenschaftlichen Kriterien auf ihre Sicherheit und ihren Einfluss auf die Lebensqualität untersucht werden. Die Studien werden international beachtet. Als gemeinnütziger Verein finanziert sich Eubreast vor allem über Spenden.

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