Heimat-Check: Einzelhandel im Kreis Böblingen Mehr Leerstand trotz starker Kaufkraft

Der Einzelhandel in den Innenstädten dünnt sich peu à peu aus Foto: Eibner/Dinkelacker

Bäcker und Metzger schließen und die Innenstädte veröden: Landauf, landab klagen die Menschen im Heimat-Check über das Ladensterben im Einzelhandel. Die Entwicklung macht vor dem kaufkräftigen Landkreis Böblingen nicht halt. Doch es gibt Lichtblicke.

Böblingen: Jan-Philipp Schlecht (jps)

Diese Kaufkraft kann sich sehen lassen: Unter allen Landkreisen in Baden-Württemberg ist der Böblinger der mit dem höchsten Durchschnittslohn. Er betrug 2019 laut einer Auswertung 4809 Euro im Monat. Dies beschreibt den Mittelwert aller monatlichen Pro-Kopf-Einkommen im Kreis: Die Hälfte der Vollzeitangestellten liegt darüber, die andere Hälfte darunter. Bundesweit landet der Kreis Böblingen nach Wolfsburg, Ingolstadt und Erlangen auf dem vierten Platz. Wer aber glaubt, dass dieser statistisch gesehen dicke Geldbeutel den hiesigen Einzelhandel erblühen lässt, irrt.

 

In den Großen Kreisstädten mehren sich die Leerstände, in den kleineren Gemeinden klaffen ebenfalls Lücken in der Nahversorgung. Diesen Eindruck unterstreicht das Ergebnis unseres Heimat-Checks. In der Kategorie „Einzelhandel“ erhielt der Landkreis eine Gesamtnote von 6,21 auf einer Skala von 1 (negativ) bis 10 (positiv). Damit landet die Kategorie im Mittelfeld aller Lebensbereiche, es besteht Luft nach oben. Die Fragen an die Teilnehmenden lauteten, wie gut das Angebot an Lebensmittelgeschäften in der jeweiligen Gemeinde sei und wie gut das allgemeine Einzelhandelsangebot?

Jettingen schiebt sich auf Platz eins

Dabei sei betont, dass an der Umfrage zwar kreisweit 3854 Menschen teilgenommen haben. Allerdings ist sie nicht repräsentativ, sondern gibt lediglich ein Stimmungsbild aus den 26 Städten und Gemeinden wieder. Ganz nach vorne geschoben hat sich im Ortsvergleich Jettingen mit einem Ergebnis von 7,77, wenngleich dies mit Vorsicht zu genießen ist: Dort haben lediglich 27 Personen abgestimmt. Das Schlusslicht bildet die Gemeinde Magstadt mit einem Ergebnis 4,56, hier gaben 69 Menschen ihre Stimme ab.

Über meisten Umfrageteilnehmer darf sich die Kreishauptstadt Böblingen freuen: 738 Menschen votierten. Die Stadt mit ihren 51 460 Einwohnern (Stand 2022) landete in puncto Einzelhandel auf Platz zwölf mit einer Note von 6,38. Vor allem in den freien Antworten zeigt sich, wo der Schuh drückt: „Eine schöne Fußgängerzone mit Verweilplätzen und attraktivem Einzelhandel und Außengastronomie wäre wünschenswert“, heißt es da. Oder: „Keine Innenstadt zum Flanieren, bummeln, shoppen.“

Böblingen ächzt unter Baustellen

Dies mag auch die Folge der derzeitigen Baustellen in der Bahnhofstraße sein, die das Einkaufserlebnis trüben. Doch es gibt Licht am Ende des Tunnels: Der Buchhändler Osiander zieht 2024 in einen Neubau an der Ecke Wilhelmstraße, weitere große Bauprojekte in der Umgebung sollen bald fertiggestellt werden. Ins „Pulse“ der BBG ziehen Decathlon, Tegut, Aldi und dm ein. Während sich die Einzelhandelssituation in Böblingen also punktuell verbessert, plagen vor allem die größeren Innenstädte ähnliche Sorgen.

Sindelfingen als größte Stadt im Kreis landet lediglich auf Platz 20, Note: 5,71. Einer der Umfrageteilnehmer bringt das Dilemma auf den Punkt: „Durch die Konzentration auf Breuningerland und Stern Center fehlt es in der Stadt Sindelfingen an einer Vielfalt von Einzelhandelsbetrieben, insbesondere im Vergleich zu Städten mit weniger Einwohnern als Sindelfingen.“ In der Tat zieht das Breuningerland im Sindelfinger Osten einiges an Kaufkraft ab – die Gefahr: immer mehr Leerstände im Zentrum.

Dem will die Wirtschaftsförderung Sindelfingen entgegenwirken: „Wir betreiben ein sehr aktives Leerstandsmanagement“, sagt Geschäftsführer Felix Rapp. „Gewerbetreibende werden bei der Suche nach geeigneten Flächen unterstützt und können von unseren Förderprogrammen profitieren.“ Eine Herausforderung bleibt der digitale Wandel: „Der stationäre Handel wird gegenüber dem Onlinehandel einen immer schwereren Stand haben“, so Rapp, „er muss sich mit neuen Konzepten vom Onlinehandel absetzen, auf mehr Beratung bauen und sich an den Kundenbedürfnissen orientieren.“

Besser als Böblingen und Sindelfingen schneiden Gemeinden wie Holzgerlingen (7,45), Renningen (6,94) oder Gärtringen ab (6,91). Sie verfügen über intaktere Strukturen, vor allem was die Nahversorgung mit Lebensmitteln anbelangt. In Gärtringen säumen gleich drei Bäcker und ein Metzger die Hauptstraße. Wenngleich dennoch hie und da Lücken klaffen. So beklagt eine Teilnehmerin aus Dagersheim: „Wir haben nur noch einen Bäcker, der vor Ort frisch backt. Keine Eisdiele, keine Boutique, keine Drogerie und so weiter. Das ist sehr schade.“ In Holzgerlingen fehlt manchen trotz der guten Durchschnittsnote offenbar ein Schuhgeschäft – gleich zwei gaben dies als freie Antwort an.

Worum es beim Heimat-Check geht

Stimmungsbild
 Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in den 23 Bezirken Stuttgarts erhoben. Im Zeitraum zwischen dem 28. April und dem 21. Mai konnten Teilnehmer online ihr Votum abgeben. Den Anspruch, eine repräsentative Umfrage zu sein, erhebt der Heimat-Check dabei ausdrücklich nicht.

Systematik
 In 14 Kategorien haben wir während der Abstimmungsphase je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von 1 (schlecht) bis 10 (gut) beantwortet werden konnten. Dabei ist es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima gegangen.  

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