Heimat-Check Leonberg und Strohgäu Zwei Stunden muss niemand warten

Für einige Kommunen im ehemaligen Kreis Leonberg bietet die S-Bahn-Linie 6 eine direkte Anbindung an Stuttgart. Foto: Simon Granville

Unser Heimat-Check zeigt: In der Region um Leonberg wird eine gute Bahnanbindung geschätzt, beim Busverkehr über die Kreisgrenzen hinweg und dem Ausbau des Radnetzes ist aber noch Luft nach oben.

Leonberg: Sophia Herzog (she)

Ein Radverkehrsanteil von 20 Prozent und eine doppelt so hohe Nachfrage im öffentlichen Nahverkehr im Vergleich zu 2010: Bis 2030 soll in Sachen Verkehrswende im Land Baden-Württemberg noch einiges passieren. Wie zufrieden ist man bereits jetzt in der Region um Leonberg mit dem Radwegenetz und dem öffentlichen Nahverkehr? Rund 1800 Leser haben beim großen Heimat-Check unserer Zeitung geantwortet.

 

Das Ergebnis: Es ist Luft nach oben, es könnte aber auch viel schlimmer sein. Mit 6,25 von 10 Punkten liegt die Kategorie ÖPNV und Radverkehr in der Region Leonberg-Strohgäu im stabilen Mittelfeld. „Der Landkreis Böblingen hat insgesamt eine sehr gute ÖPNV-Netzstruktur“, sagt Niklas Hetfleisch, Sprecher des Stuttgarter Verkehrsverbundes VVS. Sieben Bahnlinien mit 32 Haltestellen und 90 Buslinien mit rund 600 Stopps gibt es, im Nachbarkreis Ludwigsburg sogar noch etwas mehr. „Dort, wo die Schiene etwas weiter entfernt ist, liegen Kommunen oft an dicht bedienten Busverkehrsachsen“, so Hetfleisch. Die typische Landgemeinde, die nur alle zwei Stunden vom Bus bedient wird? Die gebe es hier nicht.

Drei S-Bahn-Höfe und Tempo 30

Umso unterschiedlicher fallen die Bewertungen in den Kommunen aus: Renningen und Rutesheim führen die Tabelle mit jeweils 7,53 und 7,06 Punkten an. Schlusslichter sind Leonberg und Weissach mit 5,64 und 4,54 Punkten. Dass Renningen in Sachen ÖPNV und Radwege den ersten Platz belegt, mag nicht verwundern: Ganze drei S-Bahn-Höfe der Linien S6 und S60 hat die rund 17 000 Einwohner große Stadt.

Das lobt auch Bürgermeister Wolfgang Faißt: „Eine solche S-Bahn-Dichte kann kaum eine Stadt unserer Größenordnung aufweisen“, sagt er. Hinzu komme ein Busverkehr, der stündlich zwischen den beiden Stadtteilen verkehrt, und das Bürger-Rufauto der Renninger Agenda. Fahrradfahrern kommt unterdes eine fast flächendeckende Tempo-30-Beschränkung entgegen. Als „sicher nicht perfekt, aber sehr gut“, bezeichnet Faißt das Radwegenetz in Renningen.

Es hakt beim innerörtlichen Verkehr und dem Radnetz

Ebenfalls an die S-Bahn angebunden ist Leonberg, das Umfrageergebnis ist aber trotzdem nicht sonderlich gut. Woran liegt das? VVS-Sprecher Niklas Hetfleisch erklärt sich das mit den Erwartungen an den innerörtlichen Verkehr. Denn je größer die Stadt, desto weniger Menschen erreichen Bahnhöfe auf kurzem Weg. „Hier tut sich der ÖPNV gerade in Klein- und Mittelstädten schwer.“ Ein Halbstundentakt für Reiseweiten von zwei bis drei Kilometern sei weniger attraktiv, eine höhere Taktung aber wirtschaftlich kaum zu rechtfertigen. „Die aktuellen Zuverlässigkeitsprobleme einzelner Busunternehmen verbessern die Einschätzung durch die Bürger sicherlich nicht.“

Überrascht scheint man im Leonberger Rathaus angesichts der Umfrageergebnisse nicht: Sie würden sich mit den Rückmeldungen aus der Bürgerschaft oder den Ergebnissen des ADFC-Fahrradklimatests decken, sagt Pressesprecher Sebastian Küster. „Auch das Referat für innovative Mobilität sah und sieht im Bereich Radverkehr viel Verbesserungspotenzial.“ Radverkehr sei ein zentrales Element des Stadtentwicklungsprojekts „Stadt für Morgen“. Wer beim Heimat-Check schlecht gepflegte Radwege und fahrradunfreundlichen Verkehr moniert hatte, muss sich allerdings noch gedulden: Die Umsetzung, etwa von eigenen Radspuren in der Brenner- und Eltinger Straße, könnte noch ein wenig dauern.

„Große Potenziale“ in den anstehenden Neuvergaben des Busverkehrs

In Weissach unterdes drückt der Schuh besonders bei der überörtlichen Anbindung in die anderen Landkreise. „Der öffentliche Verkehr zu den Nachbarkreisen ist so gut wie gar nicht vorhanden“, schreibt ein Umfrageteilnehmer. Eine Bahnanbindung hat Weissach nicht mehr, seit der Streckenabschnitt der Strohgäubahn ab Heimerdingen stillgelegt wurde. Viel Aussicht auf eine zeitnahe Aktivierung gibt es im Moment aber nicht.

Welche ÖPNV-Verbindungen zwischen den Landkreisen angeboten werden, beruhe auf den Nahverkehrsplänen der Landkreise, erklärt Hetfleisch. „Für zusätzliche oder verbesserte kreisüberschreitende Verkehre bedarf es demnach eines Konsenses zwischen den beteiligten Landkreisen.“ Auch die Gemeinden selber könnten Zubestellungen tätigen, diese werden vom Landkreis aber nicht mitfinanziert, wenn sie nicht im Nahverkehrsplan stehen. Immerhin: In den kommenden zwei Jahren stehen einige Neuvergaben aus, etwa für die Stadtverkehre Leonberg, Ditzingen und Gerlingen. Hier sieht Hetfleisch die größten Potenziale zur Weiterentwicklung des Verkehrsangebots.

Worum es beim Heimat-Check geht

Stimmungsbild
 Der Heimat-Check unserer Zeitung in Kooperation mit dem Unternehmen Umfrageheld hat ein Stimmungsbild in allen 140 Kommunen der Kreise Esslingen, Böblingen, Ludwigsburg und Rems-Murr erhoben. Vom 10. Juni bis zum 2. Juli konnte online das Votum abgegeben werden. Insgesamt 15 120 Menschen nahmen teil. Den Anspruch, repräsentativ zu sein, erhebt der Heimat-Check ausdrücklich nicht.

Systematik
 In 14 Kategorien wurden je zwei Fragen gestellt, die auf einer Skala von eins (schlecht) bis zehn (sehr gut) beantwortet werden konnten. Dabei ging es um die Themen Lebensqualität, Gastronomie, Immobilienmarkt, Sport und Vereine, Familienfreundlichkeit, Gesundheitsversorgung, Sauberkeit, Sicherheit, Einzelhandel, Verkehr, Nahverkehr und Radwegenetz, Seniorenfreundlichkeit, Kultur und Freizeit sowie Digitalisierung, Energie und Klima.  

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