Heimat Stuttgart Das Beste am Sport ist die Freundschaft

Der Sport hat in Marianne Warths Leben eine bedeutende Rolle gespielt. Foto: Heinz Heiss
Der Sport hat in Marianne Warths Leben eine bedeutende Rolle gespielt. Foto: Heinz Heiss

S-West - Mit dem Rollator hat sich Marianne Warth mittlerweile angefreundet. Er gibt Halt und erleichtert die Wege durch die geräumige Altbauwohnung im Stuttgarter Westen. Der Rücken schmerzt, die Füße seit einem Sturz auch. Doch ganz auf den Sport verzichten, kann und will Marianne Warth auch mit 90 Jahren nicht. „Ich mach morgens immer Gymnastik“, erzählt sie, „es ist viel mehr Krankengymnastik.“ Aber sie bewegt sich, und alles andere wäre für die rüstige Rentnerin auch undenkbar.

Der Sport hat Marianne Warths Leben bestimmt, sie hat viel für den Sport getan, und der Sport hat ihr viel zurückgegeben. „Vor allem ehrliche Freundschaften“, erzählt sie. Freundschaften, die ein Leben lang halten. Auch Ruhm und Ehre hat der Sport ihr beschert. Die Ehrennadel Baden-Württembergs für ihre Verdienste für das Fechten und für die Leichtathletik erhielt sie gleich mehrmals. 1998 wurde ihr die Ehrenplakette der Stadt Stuttgart für ihr ehrenamtliches Engagement verliehen. Und schließlich ernannte sie die Stadt 2001 zur Sportpionierin.

Das alles lag noch in ferner Zukunft, als Marianne Warth 1940 mit 18 Jahren dem Polizeisportverein (PSV) Stuttgart beitrat. Fechten war die größte Abteilung, und so begann das junge Mädchen zu fechten. „Vier Jahre habe ich trainiert, dann ist die Turnhalle an der Planie abgebrannt“, sagt sie. 1944 wurde Stuttgart bombardiert. An Sport war in diesen Tagen nicht mehr zu denken. „Es war keine schöne Zeit, ständig rannten wir in den Bunker“, erzählt die ­90-Jährige. Dann war der Krieg vorbei, doch es sollte bis 1950 dauern, bis Marianne Warth das Florett wieder zur Hand nahm. „In der Nachkriegszeit galt Fechten als Kampfsport und war verboten.“

Die älteste aktive Leichtathletin im PSV

Doch dann durfte sie ihren Sport wieder aufnehmen. „Am Fechten hängt mein Herz“, erzählt sie. Ihr altes Florett hängt heute im Flur und erinnert sie an ihre aktive Zeit. Daneben hängt eine Auswahl der Urkunden und Auszeichnungen, die sie über die Jahre bekommen hat. Richtig losgelegt habe sie immer, erzählt Warth, wenn sie bei Turnieren im Team angetreten sei. „Dann war ich immer voll da.“ Nebenbei engagierte sie sich auch mehr als 30 Jahre als Kassiererin in der PSV-Fechtabteilung für ihren Sport.

Doch irgendwann machte sich Marianne Warths Rücken bemerkbar. Sie war damals Mitte 50. Sie erinnert sich an ein Turnier, „das war so anstrengend, dass ich mich danach kaum mehr bewegen konnte.“ Ihr Arzt riet damals, das Florett endgültig an den Nagel zu hängen. „Er sagte, wenn ich weitermache, brauche ich gar nicht mehr zu ihm kommen“, sagt sie.

Für Marianne Warth war es nicht leicht, ihren Lieblingssport aufzugeben. Noch schlimmer wäre es gewesen, gar keinen Sport mehr zu treiben. „Deshalb bin ich zur Leichtathletik gewechselt“, sagt sie. Die zweitgrößte Abteilung beim PSV. Im Kugelstoßen brachte sie es mit der vier Kilo schweren Kugel auf mehr als sechs Meter. Mit 65 Jahren war sie die älteste aktive Leichtathletin im PSV. Sie hat 25-mal die Mehrkampfnadel des Württembergischen Leichtathletikverbandes erhalten und 30-mal das Sportabzeichen abgelegt.

Außerhalb ihrer Wohnung macht sie keinen Sport mehr

Von 1989 an war sie Referentin des Deutschen Sportabzeichens im Sportkreis Stuttgart, in dem sie ebenfalls mehr als 30 Jahre lang engagiert war. Zahlreiche Sportabzeichenprüfungen nahm sie ab. Für das Amt hatte sie sich zur Wahl gestellt, nachdem ihr langjähriger Sportsfreund Franz Kukral dieses nicht mehr ausführen konnte. Mit Kukral verbindet sie bis heute eine tiefe und lange Freundschaft.

Gemeinsam erlebten die beiden in Stuttgart die Leichtathletik-Europameisterschaften 1986 und die Leichtathletik-Weltmeisterschaften 1993 als Kampfrichter, wozu sie sich hatten ausbilden lassen. „Das war eine tolle Atmosphäre im alten Neckarstadion“, erinnert sich Warth. Dass das Stadion heute keine Laufbahn mehr hat, bedauert sie sehr. „Wir standen damals an der Bahn und haben die Zeit gestoppt und die Weiten gemessen.“ Damals war sie schon im Ruhestand. „Das ist ein sehr zeitaufwendiges Ehrenamt“, sagt sie, „wir waren von morgens bis abends im Stadion.“ Als Aufwandsentschädigung gab es zehn ­D-Mark am Tag. „Fürs Geld macht man das aber auch nicht, sondern für den Sport und die Gemeinschaft“, so Warth.

Zu ihrem 90. Geburtstag, der im Juli war, haben sich zahlreiche Weggefährten gemeldet. Außerdem auch der Oberbürgermeister Wolfgang Schuster und Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Marianne Warth, die seit den 30er Jahren im Westen wohnt, wo sie 1922 in der Charlottenklinik auch das Licht der Welt erblickte, hat sich im Laufe ihres Lebens einen Ruf gemacht, weil sie sich für den Sport eingesetzt hat. Seit fünf Jahren hat sie sich zurückgezogen. Außerhalb ihrer Wohnung macht sie keinen Sport mehr. „Mit 85 Jahren habe ich auch mein Auto abgegeben“, sagt sie, „das war ein guter Zeitpunkt, um einen Schnitt zu machen.“