Heinz Schlaffer ist tot Vordenker der Germanistik

Heinz Schlaffer (1939-2023) Foto: ullstein bild/ullstein bild

Größtmöglicher Ernst, geschliffenste Schärfe, unangreifbare Unabhängigkeit – Heinz Schlaffer agierte als Germanist in einer eigenen Liga. Jetzt ist er mit 84 Jahren in Stuttgart gestorben.

Seinen Ernst konnte man mit Missmut verwechseln, seine Prägnanz mit Missachtung, seine Beharrlichkeit im Ringen um Qualität mit einem allzu tiefen Glauben an die Institution Universität. Wie aber hätte Heinz Schlaffer diesen Glauben nicht leben sollen? 1939 im sudetendeutschen Elhotten (heute Černošín, Tschechien) geboren, erhielt er 1972 seine erste Professur – an der Philipps-Universität Marburg.

 

Zur Burg eigenen Denkens, eigener Freiheit und eigener Denker-Versammlung wird ihm von 1975 an die Universität Stuttgart. Das kleine Institut provoziert den passionierten Theatergänger Schlaffer zum Sprung über die Fakultätsgrenzen: Vor allem in dem Romanisten Gerhart Schröder findet Schlaffer einen vergleichbar unabhängigen Geist. Projekte wie „La Piazza. Kunst und öffentlicher Raum“ katapultieren die Universität Stuttgart in internationale Diskurse.

Immer fordernd

Immer fordernd – einzig daraus konnte für Schlaffer das Fördern eine Berechtigung haben. Eine Haltung, die ihn kompromisslos erscheinen ließ, auch dann, wenn es um scheinbar Nebensächliches ging. Die Forderung aber galt immer auch sich selbst – bis hin zu jener gerade 160 Seiten zählenden und doch Epochen durchpflügenden „Kurze Geschichte der deutschen Literatur“ von 2002. Wenig ließ Schlaffer gelten, am ehesten noch die kurzen 30 Jahre von 1800 bis 1830. Meist, analysierte er in ganz eigenem Ton, sei die deutsche Dichtung, sei die deutsche Literatur verspätet und dadurch bereits wenig prägnant in Erscheinung getreten.

Heinz Schlaffer Foto: lichtgut/leif piechowski

Einer wie keiner, bis in die Wahl der Anzüge, der Hemden auch mit den umgeschlagenen Ärmelenden, dem stets offenen zweiten Knopf zudem, der Stiefeletten. Ein Denker, der es sich leisten konnte, Unabhängigkeit in jeder Sekunde zu leben. Ein Germanist, der eben darüber streiten wollte, über nichts sonst. Einer, der immer bei sich war und doch außerhalb der Universität nicht denkbar ohne seine Frau, die Germanistin und Essayistin Hannelore Schlaffer. Am Dienstag, 31. Oktober, ist Heinz Schlaffer nach längerer Krankheit in Stuttgart gestorben. Der Anspruch an die Universität, die er 2004 verlassen hat, an die Stadt, mit der er ewig in Hassliebe verbunden war, an das Theater, das er vor allem in Stuttgart begleitete, bleibt: Außer der höchsten Forderung an sich selbst kann es nichts geben.

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