Helmut Dietls neue Komödie „Zettl“ Das hat Berlin nicht verdient

Von Rupert Koppold 

Helmut Dietl hat für seine neue Komödie „Zettl“ die Spitze der deutschen Schauspieler verpflichtet. Doch das Resultat reicht nicht an „Kir Royal“ heran.

Berlin - Achtung: „Zettl“ kommt! Seit Wochen blähen sich die Reportagen, die Vorberichte, die Interviews, die Talkshows, die Trailer und die Teaser auf zu einer riesigen Medienwolke. Wir haben erfahren, dass der Regisseur Helmut Dietl keine Fortsetzungen mag und seine Münchner TV-Serie „Kir Royal““ aus den Achtzigern nun trotzdem als Kinofilm in das Berlin von heute weiterführt.

Wir haben vernommen, dass der damalige Hauptdarsteller Franz Xaver Kroetz nicht mehr den Klatschreporter Baby Schimmerlos geben wollte. Wir wissen jetzt sogar, in welchen zwei Lokalitäten („Einstein“ und „Borchardt) Dietl und sein Co-Autor Benjamin von Stuckrad-Barre der Berliner Politszene nachgespürt haben. Ja, wir wissen überhaupt schon so viel zu „Zettl“, dass er eigentlich gar nicht mehr kommen müsste, weil er irgendwie schon da war.

Aber „Zettl“ kommt nun halt doch, und zwar versehen mit einer Was-bisher-geschah-Gebrauchsanweisung, bei der die „Kir-Royal“-Protagonisten als Zeichentrickfiguren über Stadt- und Landkarten rutschen und ein Erzähler in ironisch gemeintem Tonfall erklärt, dass Mona inzwischen als Volksmusikantin aufgetreten und der Fotograf Herbie von einer Yacht gestürzt sei.

"Unschlagbar charakterlos"

Gleich danach schiebt die nun leibhaftige Mona (Senta Berger) den im echten Rollstuhl sitzenden Herbie (Dieter Hildebrandt) in diesen Film, und zwar zur Beerdigung ihres Ex-Geliebten Baby Schimmerlos. Den hat es nämlich mit seinem Motorrad an einer Säule des Brandenburger Tors „derbröselt“, so drückt es jedenfalls der aus München stammende Chauffeur Max Zettl (Michael „Bully““ Herbig“) aus, den Helmut Dietl zum Baby-Nachfolger erkoren hat.

Der kantig-ruppige und verlässlich schlecht gelaunte Klatschreporter Schimmerlos hatte noch ein paar Kriterien dafür, was einen Skandal ausmacht und wer in seine Kolumne „reinkommt“. Der Dauerlächler und Bayerisch-Stammler Max Zettl dagegen, Liebhaber eines Politflittchens (Karoline Herfurth) und über Nacht zum Chefredakteur eines Society-Magazins aufgestiegen, ist nach eigener Aussage „unschlagbar charakterlos“.

Vor allem aber ist er eine konturenlose Figur, eine Art übereifriges Nichts, das rückstandslos durch die Berliner Gesellschaft und leider auch durch diesen Film flutscht. Nein, das muss man nicht Herbig vorwerfen, das geht schon auf das Konto des Autors und Regisseurs Dietl, der sieben Jahre nach seiner romantischen Komödie „Vom Suchen und Finden der Liebe“ erneut an Berlin scheitert.

Dialekte ersetzen Beschreibung der Charaktere

Dabei hätte es beinahe gut angefangen: Wenn zu Sinatras „New York, New York““ein Helikopter in Berlin landet, bringt das die Ansprüche dieser Stadt, die immer mehr sein will, als sie wirklich ist, auf den Punkt respektive auf den Song. Aber danach geht es zügig bergab. All diese Figuren, die Dietl nun durch Büros, Restaurants, Hotels, TV-Studios oder Krankenhäuser hetzt, wirken nicht wie dem Leben abgelauschte Übertreibungen, sondern wie hilflos-dreiste Erfindungen: Der dick bebrillte Schweizer Milliardär und Zettl-Sponsor Urs (Ulrich Tukur), der es mit der burschikos-schnoddrigen und als Mann verdächtigten Oberbürgermeisterin Veronique von Gutzow (Dagmar Manzel) tut; die rothaarige Talk- und Trinkmeisterin Jacky Timmendorf (Sunnyi Melles), die nach der Sendung angeschickert durch die Gänge stöckelt und unter ihren Gästen einen Bettgenossen aussucht; der Olli genannte und durch Demenz demontierte Bundeskanzler (Götz George), der in der Klinik eines sinistren Society-Arztes (Gert Voss) wegdämmert; oder der notgeile und kirchenliedersingende Ministerpräsident von Mecklenburg-Vorpommern, den Harald Schmidt dahinschwäbelt.

Überhaupt quatschen diese groben Karikaturen, mit denen höchstens ein bisschen Kabarett, aber keine Satire zu machen ist, die deutschen Dialekte zu Tode. Dieser exzessive Gebrauch von Bayerisch, Fränkisch oder Schwyzerdeutsch, dieses Berlinern, Sächseln oder Schwäbeln dient eben nicht der Beschreibung von Charakter oder Mentalität durch Sprache, es soll diese Beschreibung vielmehr ersetzen.

Und wenn in Zettls Zeitungs-Büroetage am Potsdamer Platz nicht nur Freaks, Punks und Nerds herumwurschteln, sondern auch noch ein japanischer Maler Klecksel Farbe an die Wand pladdert und dabei Urschreie ausstößt, lassen die sechziger Jahre der deutschen Filmklamotte mehr als nur grüßen.

Außerhalb Münchens hat Dietl nichts zu suchen

Helmut Dietl ist ein großer Stadtchronist, aber seine Stadt heißt eben nicht Berlin, sondern München. Dort kennt er sich aus, dort versteht und liebt er seine Protagonisten mit all ihren Marotten, und zwar in Serie: den Traumtänzer Tscharlie aus den „Münchner Geschichten“, den Chaoten Maximilian im „Ganz normalen Wahnsinn“, den ewigen Stenz „Monaco Franze“ und eben auch den Baby Schimmerlos in „Kir Royal“.

Außerhalb von München aber hat Dietl nichts zu suchen und findet deshalb auch nichts. Seine Bilder werden also nie zu Berlin, seine Geschichten fallen ohne Hallraum ins Leere. So inszeniert er in seinem sehr uncharmanten „Zettl“ einen plumpen Plot, in dem es etwa um eine als Fehlgeburt deklarierte Geschlechtsumwandlung geht, in die ahnungslose Geschmacklosigkeit hinein.

Manchmal schafft sich der Film wenigstens gut ausgeleuchteten Oberflächenglanz, aber zum Glamour, so wie damals in „Kir Royal“, bringt er es nie. Manchmal rutscht auch Zettl eine nette Wendung, ein netter Satz heraus, aber so ein Vorkommnis geht gleich wieder unter im Getöse verbaler Fehlzündungen. Seine besten Szenen hat dieser Film dann, wenn er sich direkt auf „Kir Royal“ bezieht, wenn er also ein paar nostalgische Momente lang München spielt und der alte Dieter Hildebrandt als treuherzig blickender Herbie der schönen Senta Berger respektive der Mona erklärt, dass er damals in sie verliebt war, beziehungsweise es eigentlich immer noch sei.

In Berlin dagegen hat dieser Film nichts oder besser: alles verloren. Und wenn sich Zettl der Bürgermeisterin zum offiziellen Beweis ihrer Weiblichkeit als verlorener Sohn andient oder die Konkurrenz sich nach erwähnter Operation – und ebenfalls zur Beweissicherung – ein Paar Stierhoden beschafft, dann passt sich auch die eckig-schrille Bebilderung dieser Abstrusitäten-Show an. Nein, so einen Film hat nicht mal die Hauptstadt verdient. Atemberaubend! Jawohl, es ist atemberaubend, wie tief Helmut Dietl hier unter ein Niveau geht, das er mal selber gesetzt hat.

Zettl. Deutschland, 2012. 109 Minuten.Regie: Helmut Dietl. Mit: Michael“ Herbig, ­Karoline Herfurth, Götz George, Senta Berger, Dieter Hildebrandt, Ulrich Tukur. Ohne Altersbegrenzung. Cinemaxx Mitte, Metropol, Ufa