Helmuth Rilling wird 80 Großvater im Unruhestand

Kein wehmütiger Blick zurück: Helmuth Rilling schaut nach vorn. Foto: Holger Schneider
Kein wehmütiger Blick zurück: Helmuth Rilling schaut nach vorn. Foto: Holger Schneider

Helmuth Rilling, der Dirigent und Gründer der Stuttgarter Bachakademie, feiert am Mittwoch seinen achtzigsten Geburtstag. Ans Aufhören denkt er nicht – er gastiert rund um den Globus.

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Stuttgart - Wer meint, Helmuth Rilling würde sich nach seinem Rücktritt als künstlerischer Leiter der Bachakademie aufs Altenteil begeben, der sollte sich seinen Terminplan anschauen: Debrecen, Straßburg, Eugene, Portland, Hongkong, Stuttgart, Rostock, Seoul, Cheonan, Krakau, Taipei, Weimar, Kopenhagen – einmal um den Globus und wieder zurück wird Rilling bis Ende des Jahres 2013 reisen. Allein bei dem von ihm gegründeten Oregon Bach Festival in USA, dessen künstlerischer Leiter er nach wie vor ist, wird er diesen Sommer zehn Konzerte dirigieren.

Von Sich-zur-Ruhe-setzen kann also keine Rede sein, aber kürzer treten, das wolle er in den nächsten Jahren schon, sagt Rilling – vor allem, um mehr Zeit für die Familie haben. Seit einem Jahr hat er endlich ein erstes Enkelkind, Joseph, „die große Freude der ganzen Familie“. Im Gespräch mit Helmuth Rilling kann man den Eindruck gewinnen, dass er nach all den Turbulenzen des letzten Jahres wieder einigermaßen mit sich im Reinen ist. Über die Querelen mit dem Vorstand der Bachakademie Anfang 2012 möchte er nicht reden, stattdessen betont er, „mit ganzem Herzen die Bachakademie auch in Zukunft unterstützen“ zu wollen. Auch mit seinem Nachfolger Hans-Christoph Rademann sei er in gutem Kontakt, erst vor einigen Tagen habe er ein „sehr ausführliches und freundschaftliches Gespräch“ mit ihm geführt.

Kleine Nadelstiche im Programm

In seinem Abschiedskonzert als künstlerischer Leiter der Bachakademie vor wenigen Wochen erlebte man einen gelassenen, aber auch leicht distanziert wirkenden Rilling, der mit der Wahl seines Programms noch ein paar kleine Nadelstiche in Richtung des Bachakademievorstands setzte. Er höre gerne auf, sagt Rilling, es müsse jetzt mit Jüngeren weitergehen, gibt aber gleichwohl zu, es falle ihm nicht leicht, die Gächinger Kantorei in andere Hände zu geben. Schließlich fing mit deren Gründung damals alles an: 1954 traf sich Rilling erstmals mit einigen Kommilitonen in Gächingen auf der Schwäbischen Alb, um gemeinsam Musik zu machen. Alte Musik von Heinrich Schütz, aber auch Werke seines Lehrers Johann Nepomuk David – wie ihm zeitgenössische Musik immer eine Herzenssache war.

Denn auch wenn man den Namen Helmuth Rilling vor allem mit Bach verbindet, seine Verdienste, was neue Musik anbelangt, sind mindestens ebenso groß. Um die hundert Kompositionsaufträge wurden von der Bachakademie vergeben und von ihm uraufgeführt, darunter so bedeutende wie Wolfgang Rihms „Deus passus“ oder Krzysztof Pendereckis „Credo“.

Nur wenige Dirigenten genießen einen ähnlich guten Ruf

Zwar bleibt Rilling als Dirigent weiterhin aktiv, dennoch kann man zum achtzigsten Geburtstag morgen schon mal ein bisschen Bilanz ziehen. Und die könnte eindrucksvoller kaum ausfallen: wenige deutsche Dirigenten besitzen heute in der Welt einen ähnlich guten Ruf. Das hängt nicht zuletzt mit der Umtriebigkeit zusammen, mit der sich Rilling weltweit als eine Art musikalischer Entwicklungshelfer engagierte. Unermüdlich unterrichtete und dirigierte er, gründete Akademien und Meisterklassen, wobei ihm immer der Versöhnungsgedanke am Herzen lag: So reiste er, gerne mit Bach im Gepäck, in die DDR, nach Israel und in die Länder des damaligen Ostblocks, um dort musikalisch schon mal den Weg zu bereiten für eine Annäherung, die politisch noch auf sich warten ließ. Einer der bewegendsten Momente ereignete sich 1976 in Jerusalem, als Rilling am Pult des Israel Philharmonic Orchestra „Ein deutsches Requiem“ von Brahms dirigierte und die Gächinger Kantorei danach auf hebräisch die israelische Nationalhymne sang. Viele der Musiker weinten damals.

Mit seinen legendären Gesprächskonzerten erfand Rilling quasi eine eigene Gattung, kaum zu überschauen ist seine Diskografie, darunter Mammutprojekte wie die Einspielung sämtlicher Bachkantaten. Und selbst wenn er sich gegen die historische Aufführungspraxis stets gesträubt hat, so ist doch sein Platz unter den maßgeblichen Bach-Interpreten unserer Zeit unbestritten. An seinem Geburtstag, den er im Familienkreis feiert, wird Rilling aber nicht zum Taktstock greifen. Musik, so vermutet er, werde es aber gleichwohl geben. Seine Frau Martina habe wohl etwas geplant.




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