Krimikolumne

Henrik Siebold: Inspektor Takeda 3 Auf der Jagd nach dem lächelnden Mörder

Von Georg Patzer 

Henrik Siebold schickt seinen japanischen Ermittler Kenjiro Takeda wieder los. Der dritte Fall ist vertrackt und gut geschrieben, von ein paar Stolpersätzen abgesehen, meint unser Killer&Co-Rezensent Georg Patzer.

Inspektor Takeda ermittelt weiter in Hamburg Foto: dpa
Inspektor Takeda ermittelt weiter in Hamburg Foto: dpa

Hamburg - Was für ein grausiger Titel: „Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder“. Einer der blödesten, die ich kenne. Dachte ich zuerst, aber im Verlauf des Krimis merkte ich, dass er doch passt. Denn er lächelt wirklich. Andererseits ist er auch wiederum nicht der Mörder … doch ein bisschen vertrackter als es den ersten Anschein hat.

So vertrackt wie Kenjiro Takedas Existenz in Deutschland. Er ist Japaner und jetzt als Austauschpolizist in Hamburg, als Kollege Claudia Harms zugeteilt. Wundert sich immer wieder über die Deutschen, versteht sie nicht, nicht die Verdächtigen, nicht seine Kollegen. Lernt dazu, manchmal. Und ist dann wieder völlig verständnislos. Und das geht den Deutschen genauso. Auch sie können ihn nicht durchschauen, haben Vorurteile, negative und positive.

Als das Chaos der ersten Untersuchungen und Besprechungen losgeht, Polizisten durch die Gänge hasten, Telefone ständig klingeln, Journalisten, Politiker, Bürger anrufen (der Verdächtige ist der Sohn eines Hamburger Senators), sitzt er mit gekreuzten Beinen auf seinem Stuhl. „Er hatte die Augen geschlossen, atmete langsam“, war „der Inbegriff der totalen Ruhe“. Glaubten die Kollegen, „dass sich der Inspektor in eine tiefe Meditation über den Fall versenkt hatte? Dass er, der aus dem Land des Zen-Buddhismus stammte, in tiefer Kontemplation war und die spirituellen Tiefen des schrecklichen Verbrechens auslotete?“ Das hatten sie früher angenommen. Aber jetzt wissen sie, dass Takeda, wenn er so dasitzt, meist ganz einfach total verkatert ist: „Das erklärte auch die kleinen Opfergaben, die sie in aller Stille vor dem Inspektor auf dem Schreibtisch aufgebaut hatten: Aspirin-Röhrchen, Thomapyrin-Tabletten, Alka-Seltzer-Packungen…“

Zusammenprall der Kulturen

Der Zusammenprall der Kulturen ist eines der Themen in der Krimireihe von Henrik Siebold, der dieses Pseudonym – er hat noch andere – nach dem berühmten Japanforscher Philipp Franz von Siebold ausgewählt hat. Die Irritationen, die vor allem im Kontakt zwischen Claudia Harms und Ken Takeda auch im dritten Buch entstehen: Wenn sie ihren Vorgesetzten beleidigt oder ihn einfach übergeht – undenkbar in Japan, wo man wenigstens so tut, als wenn man sich unterordnet.

Die Entschuldigung Takedas mit der tiefen Verbeugung, in der er dann länger verharrt, und Claudia nicht weiß, ob sie ironisch gemeint ist – auch der Leser weiß das nicht, denn in Japan ist so ein Verhalten durchaus ernst gemeint. Die genreübliche, zart knospende Liebesbeziehung zwischen den beiden, bei der beide nie so genau wissen, woran sie mit dem anderen sind: Weil sie die tieferen Schichten nicht erkennen können, so unterschiedlich sind auch die Arten, sich kennenzulernen und zu lieben in Japan und Deutschland.

Frau wird vor die U-Bahn gestoßen

Auch der Fall selbst ist von Anfang an kompliziert: Da wird eine Frau vor die einfahrende U-Bahn gestoßen, ohne einen Grund, und der Schüler Simon Kallweit steht daneben, betrachtet seine erhobenen Hände und lächelt. Er ist der Sohn des Hamburger Innensenators – also wird der Fall schnell politisch. Er gesteht und meint, er sei ein Ghoul, eine Figur aus einem japanischen Manga. Und es gab ähnliche Fälle in Japan. Kurz danach kommt ein Staranwalt mit dem Justizsenator, und Simon widerruft sein Geständnis wieder. Die Zeugenaussagen der anderen Schüler, die dabei waren, und die Videoaufnahmen aus der U-Bahnstation sind unbrauchbar.

Die mühselige Polizeiarbeit beginnt und wird sogar noch schwieriger, als in einem Kino ein Mann ohne ersichtlichen Grund ermordet wird, mit einer Garrotte. Natürlich ist Simon, der kein Alibi für die Zeit hat, immer noch der Hauptverdächtige, für beide Morde. Dann ergibt sich eine weitere Spur, weil Simons Lehrer ein radikaler Ökoaktivist ist und Simons Vater in einen vertuschten Skandal verwickelt war – vielleicht wollte er der Familie eine auswischen. Erst die Tiefen des Darknets führen Harms und Takeda zur Lösung. Und die ist so abstrus, dass ich sie schon wieder glaube.

Verquere Sätze stören den Lesefluss

Die Krimis von Siebold sind recht spannend geschrieben, die Charaktere und ihr Geflecht glaubhaft ausgebreitet und weitentwickelt, und sie sind auch amüsant. Natürlich steht vor allem die Beziehung von Claudia zu Ken im Fokus, Claudias Männergeschichten, die langsam abnehmen, Kens Einsamkeit in Deutschland. Leider sind sie sprachlich nicht so ausgefeilt, Siebold versteigt sich manchmal zu verqueren Sätzen und vor allem unnötigen Erklärungen, die den Leser schnell aus dem Lesefluss werfen. Wie der, dass die Fläche des Parkfriedhofs fast genau der des kaiserlichen Palastes in Tokyo entsprach, „nur dass man anders als dort jeden Winkel der Anlage betreten durfte. Im Kaiserpalast hingegen waren weite Areale, drinnen wie draußen, der Öffentlichkeit versperrt, und die meisten seiner Landsleute konnten sich auch in ihren kühnsten Träumen nicht vorstellen, die heiligen Räume jemals zu betreten.“

Will man das wissen, wie groß der Kaiserpalast ist? Und ist es nicht eh klar, dass man da nicht reinkommt? Mal abgesehen von den „Winkeln der Anlage“. Oder als Claudia vor einer Haustür steht: „Sie überflog die Klingelschilder, drückte dann auf den richtigen Knopf.“ Wäre ich sarkastisch veranlagt, würde ich mich freuen, dass die Polizistin mit Ausbildung und langer Berufserfahrung das gut hingekriegt hat.

Ein Highlight dagegen sind die Passagen, in denen Takeda in den Club oder nachts ins Freie geht und auf seinem Saxophon Jazz spielt, allein oder bei einer Session. Ein Ausgleich für die emotionalen Belastungen, denen er ausgesetzt ist, ein Ventil für seine Gefühle und ein Ausdruck, den er sprachlich so nicht hinbekommt. Diese Passagen sind oft so lebendig und auch gefühlsmäßig fein geschrieben, dass man sich über die stilistischen Schnitzer eigentlich um so mehr wundert. Das Lektorat hat da jedenfalls nicht richtig aufgepasst.

Henrik Siebold: Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder. Kriminalroman. Aufbau Taschenbuch, 350 Seiten, 9,99 Euro