Auf Herbert Grönemeyers neuem Album „I walk“ singt der in London lebende Ruhrpottkumpel auf Englisch. Vielleicht auch wegen der Gaststars wie Bono?

Kultur: Jan Ulrich Welke (juw)

Stuttgart - Dem deutschen Schriftsteller und Lyriker Michael Lentz darf man uneingeschränkte Integrität in Sachen Sprache zubilligen. Er hat mit einer wunderbaren Dissertation über Lautpoesie promoviert, ihm ist vor fünf Jahren der Lehrstuhl für literarisches Schreiben der Universität Leipzig angedient worden, und ihm wurde vor wenigen Tagen nach zahlreichen vorangegangenen Ehrungen (unter anderem dem Sieg beim Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt) der Walter-Hasenclever-Preis zuerkannt. Wenn also der erklärte Grönemeyer-Fan Lentz über den von ihm geschätzten Sänger sagt, dass man sich nicht stören solle an der „zuweilen beklagten phonetische Unverständlichkeit der Texte, die aus dem eigentümlichen Verschleifen von Wörtern und dem Weglassen von Endungen resultiert“, dann hat das seine Richtigkeit.

Hinfort also mit den Klischees, die den gebürtigen Bochumer und Wahllondoner Grönemeyer umwehen. Keine Späße über den Vokalverschlucker, die bei seinem letzten Album „Schiffsverkehr“ in der Verballhornung „Schffsvrkhr“ gipfelten, kein böses Wort über das so genannte Gutmenschentum an sich (der Vorwurf ist ohnehin schon zweifelhaft genug), keine Belustigung à la Wiglaf Droste („Grönemeyer kann nicht tanzen“ – wozu auch, das ist für einen Musiker nun gänzlich irrelevant).

Ein Mann mit urdeutschem Bardenimage

Angesichts seines heute erscheinenden, auf Englisch eingesungenen neuen Albums „I walk“ soll lieber der Künstler selbst zu Wort kommen. „In Deutschland konzentriert sich die Wahrnehmung meiner Songs stark auf die Songtexte. Wenn ich auf Englisch singe, blühen die Stücke ganz neu auf. Die Musik rückt in den Vordergrund, die Stimmung, die Farbe des Gesangs“, erläuterte Grönemeyer kürzlich in einem Interview seine Motivation, wieder einmal ein Album mit englischen Texten aufzunehmen. Grönemeyer ist, was viele über den Mann mit dem urdeutschen Bardenimage gar nicht wissen, diesbezüglich übrigens bereits Mehrfachtäter: auf der Kompilation „What’s all this“ hat er sich bereits auf Englisch präsentiert, die beiden Alben „Luxus“ und „Chaos“ wurden ebenfalls übertragen.

Um ein originär neues Album handelt es sich bei dem nun vorliegenden Werk freilich nicht. Der Titeltrack „Mensch“ in seiner englischen Version, „I walk“ (im Original „Ich versteh“) und „Keep hurting me“ waren auch schon auf der Bonus-CD von Grönemeyers letztem Album „Schiffsverkehr“ zu hören. Auf diesem Album fand sich auch das Lied „Deine Zeit“, das sich übersetzt gesungen nun „Before the Morning“ nennt. Aus seinem Stück „Glück“ von 2008 wird „All that I need“, aus „Erzähl mir von morgen“ wird „The Tunnel“, und „Airplanes in my Head“ ist . . . erraten: die Neuvertonung seines Gassenhauers „Flugzeuge im Bauch“, übrigens ebenfalls auf der Bonus-CD von „Schiffsverkehr“ zu finden.

Ein Album, das die pathetische Geste nicht scheut

Wenig Neues gibt es also auf dieser sich gemächlich dahinschleppenden Platte, die allerdings, von Alex Silva produziert, stilsicher an den ersten allerersten Adressen der Branche in Berlin (Hansa-Studios), London (Abbey Road Studios) und New York sehr transparent aufgenommen worden ist. Konzentriert man sich, wie von Grönemeyer gewünscht, auf Musik und Stimmung, ist ein stark klavierballadenlastiges Album zu hören, das oft zur pathetischen Geste ausholt, aber kurz vor dem Überborden stets die Notbremse zu ziehen scheint. Wer derlei Musik ausformulierter sucht, wird bei einem anderen deutschen Künstler weitaus besser fündig: bei Konstantin Groppers Bandprojekt Get well soon und dessen vorzüglichem aktuellem Album „The Scarlet Beast O’ seven Heads“. Aus dem Duktus des Grönemeyer’schen Albums bricht nur ein einziges Stück richtig aus, das gitarren- und bassbasierte „Behind the Glass“, die überzeugendste der insgesamt dreizehn Nummern. Man könnte dieses Album folglich sehr kohärent und in sich ruhend nennen; man könnte ihm aber auch eingängige Kanten- und Überraschungsfreiheit attestieren.

Grönemeyer bleibt der nette Pfundskerl

Ein paar Gäste hat sich Herbert Grönemeyer allerdings auch eingeladen. Das Lied „Will I ever learn“ singt er mit Antony Hegarty, dem paradiesvogelhaften Vorsteher der New Yorker Kammerpopband Antony and the Johnsons. Vokalpartner Nummer zwei ist James Dean Bradfield, der Sänger und Gitarrist der Alternativerockband Manic Street Preachers aus Wales, mit dem Grönemeyer „To the Sea“ intoniert. Kurzzeitig könnte beim Hören also der Glaube aufkommen, dass sich Grönemeyer neue Zielgruppen erschließen will und/oder endlich auf den Geschmack gekommen ist. Aber da kommt auch schon der abschließende CD-Bonustrack. Abermals ist es das Stück „Mensch“, diesmal eingesungen mit dem unvermeidlichen Stadionrocker Bono von U2 – überdeutlich offenbart sich auf diese Weise die schwer zu fassende Ambivalenz des Herbert Grönemeyer, der nach intellektueller Anerkennung trachtet, nach Vielschichtigkeit und Ambition, aber doch vom netten Pfundskerl nicht lassen kann. Und der so von der künstlerischen Entäußerung, dem wagemutigen Grenzgang, der herzzerreißenden emotionalen Tiefe auch auf diesem Album entfernt bleibt.

Gleichwohl zeigt das Duett mit Antony Hegarty, es ist ebenfalls eine milde Pianoballade, im direkten Vergleich der Vokalfertigkeiten die Grenzen und Differenzen auf. Hier das leicht näselnde, leicht grobe, leicht schmirgelnde, leicht gepresste Organ des ehrlichen Ruhrpottkumpels von nebenan, dort die vollmundige, barmende, dramatische Stimme des flamboyanten Bohemiens aus der Stadt, die niemals schläft. Oh je, das geht ungerecht aus.

Beifall und Wunderkerzen garantiert

Gerechtigkeit muss Herbert Grönemeyer dennoch widerfahren. Natürlich findet sich auf diesem Album keine einzige inakzeptable Nummer, selbstverständlich wird der nun bald Sechzigjährige seinen Ruf als angehender Elder Statesman der deutschen Popmusik weiter untermauern, gewiss wird er diese Songs auf seiner nächsten Arenentournee beifallsumrauscht und wunderkerzenumschwenkt in den Akustikteil einbetten können, ehe dann wieder auf die Galoppdrüse gedrückt wird.

Und ebenfalls klar ist, dass die universelle Popsongsprache Englisch besser klingt als das konsonantenreiche, harte deutsche Idiom. Weswegen weder der Verzicht auf pastose Keyboards oder süßliche Elektrostreicher noch ein Blick auf musikalische Innovationskraft (nachzuhören durchaus bei einigen Musikern auf Grönemeyers eigenem Label Groenland Records) oder der Verweis auf die durchaus mögliche lyrische Tiefe auch im Deutschen (etwa in den Texten der Einstürzenden Neubauten) anempfohlen werden müssen, sondern schlicht folgendes Fazit gezogen werden darf: man möchte Herbert Grönemeyer raten, nur noch auf Englisch zu singen.