Zwei OB-Kandidaten stellten sich den Fragen kulturinteressierter Bürger: Hannes Rockenbauch von SÖS und den Linken sowie Harald Hermann von der Piratenpartei fordern eine Kehrtwende in der Kulturpolitik.

Stuttgart - Hannes Rockenbauch, der Kandidat von SÖS und den Linken für das Amt des Stuttgarter Oberbürgermeisters, will eine grundsätzlich andere Art der Kulturpolitik als die bisherige verwirklichen. Bei einem „Kulturgespräch“ auf Einladung der sogenannten sachkundigen Bürger des Kulturausschusses im Kunstgebäude erklärte Rockenbauch am Dienstagabend: „Ich kann mir gut vorstellen, dass wir statt einem Kulturamt einen öffentlichen Kulturbetrieb haben.“ In diesem „öffentlichen Kulturbetrieb“, der Rockenbauchs Vorstellung nach mit den entsprechenden Immobilien ausgestattet sein sollte, sollen die Kulturschaffenden selbst über die Verteilung von städtischen Fördermitteln entscheiden. „Dann gibt’s Action, und es rockt ein bisschen“, erklärte der SÖS-Stadtrat und Diplomingenieur.

Er wolle „Kultur unabhängig machen“, sagte Rockenbauch, Kultur dürfe seiner Ansicht nach „nicht von der Willfährigkeit der Amtschefin und einem Oberbürgermeister abhängen“. Kulturförderung, so Rockenbauch weiter, dürfe „nicht davon abhängen, was der Politik gefällt“. Kommunalpolitiker seien mit dem Thema Kultur ohnehin überfordert: „Den Stadträten fehlt die Kompetenz, kulturpolitische Entscheidungen zu treffen.“

Kulturförderung dürfte in Stuttgart nach Hannes Rockenbauchs Ansicht eigentlich kein finanzielles Problem sein: „Geld ist genug da in Stuttgart. Es ist nur die Frage, wie man es verteilt. Wir stampfen es gerade in die Erde“, sagte Rockenbauch mit Blick auf Stuttgart 21. Seiner Berechnung zufolge kostet das Projekt die Stadt Stuttgart eine Milliarde Euro. Außerdem schlug Rockenbauch vor, über eine Erhöhung der Gewerbesteuer nachzudenken, zudem müsse man eine andere Nutzung von Räumen in Erwägung ziehen: „Unsere Paläste sind die Banken und die Konsumtempel“, kritisierte Rockenbauch. Es schade seiner Ansicht nach nicht, wenn denen „mal ein Parkhaus weniger“ zur Verfügung stünde. Dort könnten laut Rockenbauch Künstler einziehen, „und dann wird dort geschafft und gelebt“.

Der Kaufhof kann ohne Parkhaus auskommen

Darauf entgegnete Harald Hermann, der für die Piratenpartei um das OB-Amt kandidiert: „Ich finde es eine gute Idee, wenn wir sagen, wir nehmen dem Kaufhof das Parkhaus weg und machen da was Lustiges draus.“ Allerdings, so Hermann, werde diese Vorstellung Kaufhof nicht gefallen. „Das soll Kaufhof nicht gefallen“, antwortete Rockenbauch. Die beiden OB-Kandidaten mussten sich zum Abschluss der „Kulturgespräch“-Reihe ihre Redezeit teilen und sich – anders als in den letzten drei Wochen die Kandidaten von CDU, SPD und Grünen, die jeweils alleine auftreten durften – gemeinsam den Fragen des Musikhochschulprofessors Mini Schulz und des Geschäftsführers Paul Woog von der Konzertagentur SKS Russ stellen.

Harald Hermann, der in der Stuttgarter Stadtverwaltung im EDV-Bereich arbeitet, erklärte, dass die Position der Piraten zum Urheberrecht zuweilen missverstanden werde. „Jeder hat das Recht, von seiner Produktion zu leben, da gehört auch der Künstler dazu“, sagte Herrmann. Allerdings gelte es, einen „fairen Ausgleich“ zwischen Ideengebern und Nutzern anzustreben. Dieser Ausgleich würde durch die Haltung der Verwertungsgesellschaften erschwert.

Oper interessiert nicht so arg

Harald Herrmann forderte im Kunstgebäude eine „neue Form von politischer Kultur, die nicht mehr von Parteien, sondern von Bürgern bestimmt ist“. Für Kultur solle seiner Ansicht nach generell mehr öffentliches Geld ausgegeben werden. Zur Finanzierung müsse man sich nur „klarmachen, dass wir in allen Bereichen eine irrwitzige Bürokratie haben“. Auch seinen eigenen Job bei der Stadt Stuttgart hält Hermann nicht für unverzichtbar: „Ich würde mich gerne überflüssig machen.“ Ähnlich freimütig antwortete er auf eine Frage nach seinem Verhältnis zur Oper: „Die Oper interessiert mich nicht so arg.“ Als kulturellen Leuchtturm in Stuttgart habe er die Röhre betrachtet, erklärte Hermann, „entsetzlich, dass es die nicht mehr gibt“. Ansonsten bedaure er es, dass seine Lieblingsbands – etwa Katzenjammer Kabarett – zwar in Hamburg, Berlin und Köln spielen würden, aber nie in Stuttgart.

Hannes Rockenbauch erklärte, dass er seine kulturelle Prägung sowohl im Spielhaus im Schlossgarten erlebt habe, wo Kinder kostenlos Siebdruck, Töpfern und Filmen lernen durften, als auch in der italienischen Stadt Bolsena, wo die Alltagskultur in den Stadtteilen noch intakt sei. In  Stuttgart hingegen „verlieren wir die Räume dafür, dass jemand was selber macht“. Hier stünden Freiräume immer unter „Verwertungsdruck“, die Mieten für Künstler seien zu hoch. „Wir müssen darauf achten, dass Kultur nicht so eine Elitegeschichte wird“, forderte Rockenbauch. Und weiter: „Es müsste für Kulturschaffende so etwas geben wie ein bedingungsloses Grundeinkommen.“