Herrenberg Das Ende der autofreundlichen Stadt

Alle sollen sich wohlfühlen und Platz haben: Autofahrer, Fußgänger und Radfahrer – das ist die Kernaussage des neuen Mobilitätskonzepts. 60 Millionen Euro soll es kosten. Bis alles umgesetzt ist, dauert es aber 15 Jahre.

Unübersichtlich, chaotisch, unfallträchtig: der Reinhold-Schick-Platz in Herrenberg. Das soll anders werden, wenn es einen Durchstich unter der Bahnlinie gibt. Foto: factum/Archiv
Unübersichtlich, chaotisch, unfallträchtig: der Reinhold-Schick-Platz in Herrenberg. Das soll anders werden, wenn es einen Durchstich unter der Bahnlinie gibt. Foto: factum/Archiv

Herrenberg - Verstopfte Straßen, ein zentraler Platz, der täglich dem Verkehrsinfarkt nahe ist, und zwei Bundesstraßen, auf denen täglich 20 000 Autos durch die Stadt rauschen – das ist die Gegenwart Herrenbergs. Die Zukunft soll ganz anders aussehen: Weniger Autos sollen unterwegs sein, mehr Fußgänger und Radler. Bereits vor dem Reinhold-Schick-Platz, der dann nur noch sechs statt heute zwölf Zufahrten hat, werden die Autos abgefangen und in Tiefgaragen und Parkhäuser geleitet. Der Graben – heute einer der Hauptparkplätze – ist bald autofrei, und in Wohngebieten ist das Parken nur für Anwohner erlaubt.

48 Projekte sind geplant

Diese und weitere Szenarien stehen im Integrierten Mobilitätsentwicklungsplan (IMEP), den die Stadtverwaltung am Dienstag der Öffentlichkeit und dem Gemeinderat vorstellte. „Es geht nicht nur um Autos oder Fahrräder, sondern um die gesamte Mobilität. Und es steht der Mensch im Mittelpunkt“, erklärte der Erste Bürgermeister Tobias Meigel das Konzept. Einen Katalog von 48 Projekten stellten Meigel und der Oberbürgermeister Thomas Sprißler vor, hinzu kommen 180 Maßnahmen für den Ausbau des Radnetzes. 60 Millionen Euro will man investieren.

Freilich kann der ambitionierte Plan aus technischen und finanziellen Gründen nur nach und nach umgesetzt werden. „Wir reden von einem Zeitraum von zehn bis 15 Jahren“, sagte der OB. Für viele Projekte ist der geplante Durchstich unter der Bahnlinie Voraussetzung. Und dafür muss die Stadt noch mit der Bahn verhandeln. Doch 19 Projekte sollen schon demnächst starten. In sechs Themenbereiche gliedert sich das Mobilitätskonzept: Fußwege Eine durchgehende Fußgängerzone vom Bahnhof bis zum Marktplatz ist geplant, ebenso eine in der Horber Straße- inklusive einer komfortablen Überquerung des Reinhold-Schick-Platzes. Radwege Ein Innenstadtring soll für Radfahrer geschaffen werden, an den dann neue Radwegverbindungen in die Stadtteile angeschlossen werden. Öffentlicher Nahverkehr Recht rasch plant die Verwaltung, einen 30-Minuten-Takt auf allen Stadtbus-Linien einzuführen. Im Endausbau soll es sogar ein 15-Minuten-Takt sein. Neue Linien in das Alzental und nach Herrenberg-Süd sind geplant. Straßenverkehr Der Autoverkehr soll so gelenkt werden, dass er nicht mehr durchs Wohngebiet Alzental fährt. Das Tempo auf Durchgangsstraßen soll begrenzt werden. Parken Das Parken wird künftig in Tiefgaragen und Parkhäusern angesiedelt. Dort gelten günstige Tarife, die erste Stunde ist komplett frei. Parken auf Plätzen und an Straßen soll, wenn nicht verboten, dann teuer sein. Den Bau zweier neuer Parkhäuser plant die Stadt: eines in der Horber Straße, eines in der Hindenburgstraße. Zukunftsfähige Mobilität Innovative Projekte stehen auf dem Programm: so die Einrichtung von „Mitfahrbänken“ in den Stadtteilen und die Schaffung von Mobilitätspunkten in der Stadt, wo man sich über Busfahrpläne informieren und Pedelecs ausleihen kann. Zudem soll es in den Wohngebieten Mikro-Depots für Paketdienste geben, die dort Pakete abliefern. Mit diesen und anderen Aktivitäten will die Stadtverwaltung den Anteil der Autofahrer am Verkehr von jetzt 57 Prozent auf 50 Prozent drücken, den Anteil der Radler von 11 auf 15 Prozent und den der Buspendler von 13 auf 16 Prozent steigern. Abgestimmt habe man das Konzept mit allen relevanten Gruppen, sagt Sprißler: mit dem ADAC und dem Fahrradklub ADFC, mit älteren und jüngeren Bürgern, Händlern und anderen Interessengruppen. Festgestellt habe man: Die Verkehrsprobleme in Herrenberg seien hausgemacht, so Sprißler. 77 Prozent der Autos stammten aus der Kernstadt, nicht von außerhalb.