Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg Frauen, die Geschichte machen

Diskutieren über den passenden Stoff: (v.l.) Elke Klump-Röhm, Sonja Klaus Condo, Illja Widmann, Marlise Sifrig, Antje Mathäus und Claudia Nowak-Walz. Foto: ank/Anke Kumbier

Die Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg holt Geschichte ans Licht, die viel zu oft noch im Verborgenen bleibt. Sie recherchiert Frauenschicksale, die mit Herrenberg zu tun haben. Dafür geht es nicht nur in Archive, sondern auch mal in die Schweiz.

Böblingen: Anke Kumbier (ank)

Sie durchforsten Archive, sprechen mit Zeitzeuginnen und bringen Schicksale von Frauen ans Licht: die Mitglieder der Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg. Ende Februar haben sich sechs von ihnen im Klosterhof in Herrenberg versammelt. Dort trifft sich einmal im Monat die Frauengeschichtswerkstatt (FGW). Auf den Tischen liegen bunte Stoffe mit minimalistischen Mustern. Die Frauen stehen an diesem Tag kurz vor der Eröffnung ihrer Ausstellung im Herrenberger Stadtarchiv über „Designerinnen der Stuttgarter Gardinenfabrik“. Von 1945 bis 1999 war die Fabrik in Herrenberg ansässig. Die Frauen haben Designerinnen ausfindig gemacht, die im Entwurfsatelier gearbeitet haben, mit ihnen gesprochen und Stoffe zum Zeigen geliehen bekommen.

 

Ein besonderes Jahr für die Frauengeschichtswerkstatt

Die Ausstellung ist aktuell das größte Projekt der FGW – in einem für sie besonderen Jahr. Denn 2004, also vor genau 20 Jahren, hat sie sich gegründet. Sie ist kein Verein, sondern eine Gruppe von derzeit zehn ehrenamtlich arbeitenden Frauen. Mitmachen darf jede. Die Frage, ob auch Männer erlaubt wären, habe sich nie gestellt, weshalb es darauf auch keine richtige Antwort gibt. „Wir suchen nach Frauen, die vor Ort gelebt haben“, fasst Gründungsmitglied Sonja Klaus Condo das Vorgehen der FGW zusammen. Ihre Schicksale wollen sie näher beleuchten und damit Frauen sichtbarer machen, die in Geschichts- und Heimatbüchern häufig noch unterrepräsentiert sind.

„Jede von uns bringt ihre Kompetenzen ein“, sagt Illja Widmann, ebenfalls Gründungsmitglied und Leiterin der städtischen Museen in Sindelfingen. Wie bunt die Hintergründe und Interessen sind, zeigen Beispiele aus der Runde: Claudia Nowak-Walz ist promovierte Historikerin, Antje Matthäus bringt als freiberufliche Übersetzerin ihr Gespür für Sprache ein. Marlise Sifrig hält die Aktivitäten der FGW in Fotos fest. Kindergartenleiterin Elke Klump-Röhm sagt von sich selbst, dass sie gut vernetzt sei und gerne mit den „Leut’ schwätze“.

Mit ihrem erstem Buch haben sie einen Preis gewonnen

All diese Fähigkeiten sind gefragt. Denn die FGW konzipiert nicht nur Ausstellungen, sondern hat zwei Bücher veröffentlicht, organisiert Erzählcafés, interviewt Zeitzeuginnen und hält Vorträge. Bei Stadtrundgänge lassen sie Frauenschicksale in Herrenberg vom späten Mittelalter bis ins 20. Jahrhundert lebendig werden. Dafür überlegen sie sich kleine Spielszenen, schreiben Dialoge und treten im passenden Kostüm auf. Ihr erstes Buch „Frauen gestalten Herrenberg“ erhielt 2016 den zweiten Preis beim Landespreis für Heimatforschung Baden-Württemberg. Der Anspruch der Frauen: Korrekt zu arbeiten, mit Quellennachweisen und so, dass es nachprüfbar ist.

So kann es aussehen, wenn die Frauengeschichtswerkstatt einen historischen Stadtrundgang anbietet. Foto: //Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg

Doch wie findet man Frauengeschichten in einer nach wie vor von Männern dominierten Geschichtsschreibung? „Die Basis unserer Forschung waren Publikationen vom Herrenberger Stadtarchiv“, sagt Widmann. „Die für uns relevanten Infos entdeckten wir oft in Halbsätzen.“ Aus einer Recherche ergab sich dann die nächste. „Wenn man gräbt, findet man immer mehr und wenn man einmal angefangen hat, will man weiter machen“, sagt Matthäus. Da lassen sie sich auch nicht von weiten Wegen abschrecken. Zur Vorbereitung der aktuellen Ausstellung fuhren Condo, Matthäus und Sifrig beispielsweise in die Schweiz, um Verena Kiefer und Elisabeth Wiedmer, zwei Designerinnen der Stuttgarter Gardinenfabrik, zu besuchen.

Kleine Überraschungen bei der Forschung

Auch kleine persönliche Überraschungen hält die Forschungsarbeit bereit. „Als wir für die Ausstellung recherchiert haben, kam raus: Meine Großtante Margot Trierweiler, von der ich bis dahin nichts wusste, war Designerin bei der Stuttgarter Gardinenfabrik und wohl sehr berühmt“, sagt Elke Klump-Röhm lachend. Die Ausstellung läuft noch bis zum 30. April. Was danach kommt, das überlegen die Frauen gerade. Eines scheint aber sicher: Die Ideen gehen ihnen nicht aus.

Ausstellung „Designerinnen der Stuttgarter Gardinenfabrik“

Zur Ausstellung
Noch bis Ende April ist im Herrenberger Stadtarchiv die Ausstellung „Designerinnen der Stuttgarter Gardinenfabrik“ zu sehen. Veranstalter sind die Frauengeschichtswerkstatt Herrenberg und das Stadtarchiv. Von 1945 bis 1999 war die Stuttgarter Gardinenfabrik in Herrenberg ansässig. Ihren Erfolg verdankt sie maßgeblich den Designerinnen, die sie in ihrem Entwurfsatelier beschäftigt hat, schreibt die Frauengeschichtswerkstatt in der Einladung zur Ausstellung. Außer den Leiterinnen Margret Hildebrand und Antoinette de Boer waren dies unter anderem Heidi Bernstiel-Munsche, Tina Hahn, Verena Kiefer und Gisela Thiele. Die Ausstellung ist dem Leben und Werk dieser kreativen Frauen gewidmet. Zu sehen sind unter anderem einige ihrer Muster und Entwürfe.

Öffnungszeiten
Die Ausstellung kann bis zum 30. April während der Öffnungszeiten des Archivs besichtigt werden: montags von 8.30 bis 17 Uhr und dienstags bis donnerstags von 8.30 Uhr bis 12.30 Uhr. Eine Anmeldung ist nicht erforderlich, der Eintritt ist frei.

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