Man könnte es für ein Auseinanderdriften halten. Während die Warnungen der Literaturnobelpreisträgerin Herta Müller vor einer Wiederkehr diktatorischer Verhältnisse immer konkreter werden, fügt ihr literarisches Schreiben Dinge zusammen, die sich einfachen Sinnzuweisungen zu entziehen scheinen. Hier die Forderung der engagierten Intellektuellen, die Ukraine in ihrem Abwehrkampf gegen das Putin-Regime mit allen auch militärischen Mitteln zu unterstützen, dort „Eine Fliege kommt durch einen halben Wald“ – was soll das bedeuten?
Es ist der Titel eines neuen Buches, das Reden, Essays und Prosastücke der Literaturnobelpreisträgerin pünktlich zu ihrem 70. Geburtstag am 17. August versammelt. Hier ist zu erfahren, wie beides zusammengehört, die Konkretion politischer Verhängnisse und das Freiheitsversprechen einer Sprachschönheit, die sich dem Zugriff jener manipulativen begrifflichen Versatzstücke entzieht, über die sich der totalitäre Ungeist in die Köpfe schleicht.
Glück der Demokratie
Um beim Konkreten zu bleiben: Was heißt es, in einer Diktatur zu leben? Überall Unsicherheit, ungewollte Abbrüche, „mittendrin Denunziation, Heuchelei, Verdacht, der wie Gestrüpp wächst“; tagein tagaus scheppert Propaganda, „die meisten Menschen tragen die Lügen herum wie angewachsene Kleider“. Was Herta Müller 2021 in ihrer Dankesrede zur Verleihung des Ordens Pour le Mérite unter dem Titel „Die Zahnbürste und das Glück“ beschreibt, klingt wie ein Bericht aus dem zeitgenössische Russland. Aber es sind die Verhältnisse, die sie im Rumänien Ceausescus bis zu ihrer Ausreise 1987 überlebt hat.
Nach der Weigerung, sich als Spitzel anwerben zu lassen, trachtet ihr die Geheimpolizei Securitate nach dem Leben. Immer wieder geistern die gleichen traumatischen Szenen durch den aktuellen Band: Die verrückten Stühle und Möbel, die Aschenbecher im Kühlschrank, wenn sie ihre Wohnung betritt; Zeichen eines banalen Surrealismus, die signalisieren, dass der Geheimdienst aus und ein geht. Zu den zahllosen Verhören erscheint sie nie ohne Zahnbürste für den Fall, als Staatsfeindin verhaftet zu werden. Als Talisman trägt sie sie immer bei sich. Irgendwann, längst in der Freiheit angelangt, ist die treue Zahnbürste verschwunden: „Wahrscheinlich weiß sie besser als ich, dass das Leben in einer Demokratie sowieso ein Glück ist.“ Beunruhigend viele Menschen sind gerade offenbar bereit, das zu vergessen.
Wenige Jahre, nachdem in der jungen Bundesrepublik das Grundgesetz verabschiedet worden ist, kommt Herta Müller 1953 in einem kleinen Dorf im Banat auf die Welt. Ihre Eltern gehören zur rumäniendeutschen Minderheit. Als Kind hütet sie Kühe, träumt davon, Schneiderin oder Friseurin zu werden. Sie debütiert mit den rabenschwarzen Dorfgeschichten des Bandes „Niederungen“. Weil sie darin auch über die SS-Vergangenheit ihres Vaters und anderer Bewohner schreibt, wird sie als Nestbeschmutzerin beschimpft.
„Unsichtbares Gepäck“, ein literarischer Kommentar zum Grundgesetz, eröffnet das neue Buch. Darin verfolgt sie, wie die in Artikel 1 garantierte Unantastbarkeit der Würde des Menschen im „kommunikativen Beschweigen“ der Vergangenheit zu einem leeren Begriff geworden ist. Wie lange hat es gedauert, bis Exilanten, Frauen, Homosexuelle, Sinti und Roma der ihnen gebührenden Würde teilhaftig wurden? Herta Müller erlebt dieses Schweigen auf Rumänisch. „Das meiste, was ich über Freiheit und Würde gelernt habe, habe ich aus den Mechanismen der Unterdrückung gelernt.“ Diese „Spiegelschrift der Freiheit“ gelte es zu entziffern.
Eigensinnige Satzgirlanden
In ihr ist das Werk der Autorin verfasst, die in Rumänien als Dissidentin verfolgt und spiegelbildlich dazu nach ihrer Flucht vom BND als mutmaßliche Agentin verhört wurde. Der Text „Herzwort und Kopfwort“ erzählt davon, über Deutschland und seine Exilanten. Welche entsetzlichen Prägekräfte von Gewalt, Hunger und Tod den Worten ihre unauslöschliche Nennkraft verleihen, demonstriert ihr Hauptwerk, der Roman „Atemschaukel“, der auf den Lagererfahrungen des Dichters Oskar Pastior basiert. 2009 wird Herta Müller der Literaturnobelpreis verliehen.
Auf der Suche nach einer bewohnbaren Sprache ist sie zuletzt bei Schere und Klebstoff gelandet. „Mir ist in meinem Leben genug zerbrochen, nun will ich zusammenfügen“, sagte sie einmal über die Collage-Technik ihrer Postkarten-Bände „Im Heimweh ist ein blauer Saal“ oder „Der Beamte sagte“. Aus Schnipseln finden sich in ihnen so befremdliche wie zwingende Satzgirlanden zusammen, die dem Eigensinn der aus einengenden Kontexten befreiten schlauen Wörter folgen.
„Man vertraut sich der Sprache an, um von zu Hause weg, irgendwohin ins Fremde zu kommen, wo es sowieso nur besser sein kann als daheim“, heißt es in „Sehnsucht nach Zukunft“. Darin geht es um den Wunsch zu fliehen; in diesen Wunsch zog sich das Leben in den osteuropäischen Diktaturen zusammen. „Gerade die ,Spaziergänger‘, die sich in Dresden nicht genieren, nach Putin zu rufen, müssten das wissen.“
Wohl kaum ein Werk ist bis in die innersten Schutzbezirke der Sinnverweigerung hinein so geprägt von den Erfahrungen vergangener Gewaltregime. Wie es scheint, ist es am 70. Geburtstag der Autorin aktueller denn je.
Herta Müller: Eine Fliege kommt durch einen halben Wald. Hanser Verlag. 128 Seiten, 24 Euro.