Hesse-Bahn Von Sinn und Möglichkeiten der Hesse-Bahn

Von Florian Mader 

Befürworter des Projekts und Fürsprecher der S-Bahn-Verlängerung nach Calw treffen sich.

Michael Stierle (r.) erklärt die Hesse-Bahn. Rede und Antwort steht später auch Uwe Lahl (mit Krawatte). Foto: factum/Jürgen Bach
Michael Stierle (r.) erklärt die Hesse-Bahn. Rede und Antwort steht später auch Uwe Lahl (mit Krawatte). Foto: factum/Jürgen Bach

Renningen - Er habe jetzt auch mal eine Frage, sagt Andreas Benzinger. Ob man denn in der Hesse-Bahn auch ­Fahrräder mitnehmen kann? Und wenn er dann mit der Hesse-Bahn nach Stammheim fährt – ob sich ein Bus nach Holzbronn anschließt, wo er arbeitet?

Seit vielen Jahren schon kämpft die „Bürgeraktion Unsere Schwarzwaldbahn“ (Baus), deren Mitglieder in Renningen, Leonberg und Holzgerlingen wohnen, fest an der Seite Calws für die Reaktivierung der Bahnlinie. Eine Info-Veranstaltung haben die Bürgerinitiatoren nun am Donnerstagabend organisiert – in Renningen, dem geplanten Zielpunkt des Projekts.

Noch musste er mit dem Auto her­fahren, berichtet Michael Stierle, der im Calwer Landratsamt der Chefplaner der Hesse-Bahn ist. Er habe die Lichterkette all der Autos der Pendler gesehen, denen er gern ein Nahverkehrsangebot machen würde. Stierle kann sich auch die Bemerkung nicht verkneifen, dass er die Renninger gerne schon viel früher über das Bahnprojekt habe informieren wollen, die Stadt aber nie eine Halle zur Verfügung gestellt hat. Jetzt ist ebenfalls die Veranstaltung auf dem pri­vaten Bauernhof Lauerhalde. Die Baus sei kein Renninger Verein, erklärt eine Sprecherin der Renninger Stadtverwaltung auf Nachfrage, warum man keinen städtischen Raum hergab.

Dagegen oder dafür?

Etwa 60 Menschen sind gekommen, schön verteilt. Beim jeweiligen Applaus zeigt sich: Links sitzen Baus-Unterstützer, darunter auch Jochen Breutner-Menschick, der grüne Fraktionschef im Renninger Gemeinderat und Angie Weber-Streibl, die grüne Regional- und Kreisrätin. Im rechten Teil des Saals die gegnerische Bürgerinitiative, die nicht „gegen“ die Hesse-Bahn ist, wie sie betonen, sondern „für“ die S-Bahn-Verlängerung nach Calw. In ihren Reihen auch der SPD-Kreisrat Hans-Josef Straub und Josef Weber, der SPD-Fraktionschef im Weil der Städter Gemeinderat.

„Ja“, sagt Michael Stierle und schaut zu Andreas Benzinger, dem Renninger, der in Calw-Holzbronn arbeitet. Er könne sein Rad mitnehmen und der Bus-Takt wird an die Hesse-Bahn angepasst. Es geht um Infos. Es geht aber auch – klar – um die altbekannte Diskussionen über Sinn und Möglichkeiten der Hesse-Bahn, die von Calw kommend einmal – Stand jetzt – in Weil der Stadt auf S-Bahn-Gleise einfährt, um weiter nach Renningen zu pendeln. „Das ist Unsinn hoch drei“, wettert einer der Bürger.

Gekommen ist auch Uwe Lahl, der oberste Beamte und Stellvertreter von Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne). Er absolviere seinen ersten Triathlon, sagt er und schmunzelt. In zwei Tagen hat er drei Termine zu diesem Thema. Am Mittwoch empfing der die Pro-S-Bahn-Initiative, besuchte eine nichtöffentliche Sitzung des Renninger Gemeinderates und jetzt ist er bei den Bürgern.

Der Amtschef führt ebenfalls kurz ins Thema ein und sagt dann drei Sätze, die im Folgenden noch eine größere Rolle spielen. „Wir sind für die Express-S-Bahn“ – das war bekannt. „Ich glaube aber nicht, dass die Express-S-Bahn, die wir gut finden, so schnell kommt.“ Und: „Sollte die Express-S-Bahn schneller kommen, als ich glaube, dann fährt die Hesse-Bahn nur bis Weil der Stadt.“ Auch der Calwer Landrat Helmut Riegger (CDU) sei dieser Meinung, und das habe er am Vortag so auch schon den Renninger Gemeinde­räten gesagt, berichtet Lahl.

Ist Calw für das Ende der Bahn in Weil der Stadt?

Wenn das so stimmt, wäre das durchaus eine Schlagzeile. Seit Jahren dreht sich der Streit um diese Frage: Warum ­endet die Hesse-Bahn nicht in Weil der      Stadt, von wo aus doch genügend ­S-Bahnen weiterfahren? Kommt das ganze S-Bahn-Netz aus dem Takt, wenn sich S- und Hesse-Bahn Gleise teilen müssen?

Calw wollte bislang an der Weiterfahrt nach Renningen festhalten. 500 Fahr­gäste, so die Berechnungen, wollen in Richtung Böblingen/Sindelfingen, und für sie     bedeutet das sonst ein zusätzlicher ­Umstieg. In der Fragerunde später meldet sich der Weil der Städter Hans-Josef Straub, der an dem Abend seinem Ruf als „letzter brodelnder Vulkan im Heckengäu“ (Zitat Landrat Roland Bernhard) ­gerecht wird. „Habe ich Sie richtig verstanden?“, will er ungläubig wissen – ob Calw wirklich bereit sei, auf die Weiterfahrt nach Renningen zu verzichten?

Die Episode zeigt, wie verworren und kompliziert die Diskussionslage um das Projekt mittlerweile ist, in das sich Regional-, Kreis- und Gemeinderäte, Bürger und Beobachter einarbeiten müssen. Denn Michael Stierle vom Zweckverband Hesse-Bahn steht neben Lahl und bleibt gelassen. „Was wir bislang wissen, ist, dass die Express-S-Bahn nur morgens und abends fährt“, sagt Stierle dann.

Sprich: Dazwischen, oder wenn die Express-S-Bahn nicht rechtzeitig fertig wird, fahre man natürlich bis nach Renningen. Ergo: Die Ankündigung des Amtschefs im Verkehrsministerium bedeutet natürlich schon gar nicht, dass Calw auf den umstrittenen Umbau des Renninger Bahnhofs verzichtet. Damit die Hesse-Bahn in Renningen enden und wenden kann, braucht es dort einen zusätzlichen Bahnsteig und neue Signaltechnik – alles in allem für 2,5 Millionen Euro. „Das nenne ich Steuerverschwendung“, folgert Straub, als er erneut das Wort erhebt.

So geht es hin- und her. Uwe Lahl ­bereitet die Diskussion mit den Bürgern sichtlich Freude, er gibt sich kämpferisch. Und am Ende hat auch er eine Frage: Ob es denn im Mittelalter einen immer noch tief sitzenden Streit zwischen den Raumhaften Böblingen und Calw gegeben habe, will er wissen.