Heulen war gestern Böblingen investiert in sprechende Sirenen

Lehren aus der Flut im Ahrtal: Insgesamt 29 Sirenen sollen auf Böblinger Dächern installiert werden. Foto: picture alliance/dpa/Jens Büttner

Die Ahrtalflut im Juli 2021 gab den Impuls für ein kreisweites Sirenenkonzept. Böblingen leistet sich ein Alarmierungsnetz mit Sprachdurchsage.

Bei bei der Ahrtalflut im Juli 2021 starben 134 Menschen. Mit einer besseren Alarmierung wären wohl viele Todesopfer vermeidbar gewesen. Die Politik zog daraus ihre Lehren in Sachen Bevölkerungsschutz. Der Landkreis Böblingen erarbeitet deshalb mit den Städten und Gemeinden ein gemeinsames Sirenenkonzept. Die Planungen sind mittlerweile recht weit fortgeschritten: Die Stadt Böblingen will jetzt in ein gemeindeweites Sirenennetz investieren – und nimmt für eine Spezialfunktion erhebliche Mehrausgaben in Kauf.

 

Konkret geht es um eine Sprachausgabe, mit der die Sirenen ausgestattet werden sollen. Die Vorteile stellte Oliver Zwölfer von der Freiwilligen Feuerwehr Böblingen am Dienstag im Verwaltungsausschuss im Rathaus vor. Zwölfer ist stellvertretender Feuerwehrkommandant und Sachgebietsleiter für Bevölkerungsschutz bei der Böblinger Wehr. Das Gremium folgte einstimmig seiner Empfehlung, einen Nettobetrag von rund 1 Million Euro in insgesamt 29 Sirenen mit Sprachalarmierung zu investieren. Bei herkömmlichen Sirenen ohne diese Funktion hätten 19 Geräte ausgereicht. Der Grund: Ein Heulton ist auch über weite Entfernungen und ohne verzerrenden Halleffekt gut vernehmbar, benötigt also kein so feinmaschiges Alarmnetzwerk.

Dafür haben Sirenen mit Sprachdurchsage viele Vorteile, wie der hauptamtliche Feuerwehrmann in der Sitzung verdeutlichte. „Den wenigsten Menschen ist heutzutage noch bekannt, was es nach einem bestimmten Sirenenton zu tun gilt“, sagte Zwölfer. Mit Ende des Kalten Krieges war das Sirenennetz vermeintlich überflüssig geworden. Luftschutzübungen an Schulen gehörten der Vergangenheit an. Seit Russland vor zwei Jahren die Ukraine überfiel, erscheint so ein Szenario leider wieder vorstellbar.

Bei einem Alarm gehe es zuallererst um Geschwindigkeit, sagte Zwölfer. Eine Sprachdurchsage spare den Zwischenschritt, sich nach einem Alarm via Radio oder andere Kanäle konkrete Handlungsanweisungen einzuholen. Diese kommen dann stattdessen per Audiokonserve über die Sirenen – und das zudem in verschiedenen Sprachen.

Sprachalarmierung ermöglicht ganz gezielte Ansprachen

Ein weiterer Vorteil der Sprachalarmierung ist, dass die Sirenen ganz gezielt bestimmte Standorte erreichen können (beispielsweise bei einer Trinkwasserverunreinigung) oder bei Großveranstaltungen wie einem Stadtfest eingesetzt werden könnten, wenn etwa ein Unwetter eine Evakuierung notwendig machen sollte. Laut Zwölfer funktioniert das Alarmnetz auch dann, wenn Strom oder andere Medien ausfallen – und das über einen Zeitraum von bis zu 30 Tagen.

Derzeit steht das Sirenenkonzept in sämtlichen Kreisgremien auf der Tagesordnung. Nach Standortbegehungen, Ausschreibungen und Vergabe könnten die ersten Sirenen vom kommenden Jahr an aufgebaut werden. Ganz fertig wird das Projekt aber wohl erst im Jahr 2028. Bei den Kosten geht der Landkreis in Vorleistung. Die Kosten für die Stadt Böblingen und die anderen Städte und Gemeinden dürften wohl erst im Haushaltsjahr 2026 anfallen.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung dieses Beitrags war irrtümlich von Investitionskosten von mehr als sieben Millionen Euro die Rede. Dabei handelt es sich aber um die Gesamtkostenberechnung für den Landkreis. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen.

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