Stuttgart - Wenn Folker Ulrich etwas nicht leiden kann, dann ist es Stillstand. „Ich kann das nicht: einfach nichts tun“, sagt der 82-Jährige. „Ich muss mich bewegen.“ Beim Laufen etwa, noch lieber beim Segeln im Mittelmeer. Doch das ist zunehmend schwieriger geworden. Nicht nur wegen der Pandemie, die Reisen grundsätzlich unmöglich macht. Es ist vielmehr die Arthrose, die dem Senior aus Pforzheim schon seit mehr als 13 Jahren zu schaffen macht.
Die Kniearthrose, Gonarthrose genannt, zählt zu den häufigsten Abnutzungserscheinungen: Der Gelenkknorpel wird nach und nach abgebaut, bis Knochen auf Knochen reibt. Das schmerzt und macht unbeweglich. Lange ertrug der Rentner das Leiden. Als die Beschwerden auch mit Physiotherapie und anderen Methoden, wie etwa Wärme- oder Kältebehandlung, nicht mehr gelindert werden konnten, suchte Ulrich Rat beim Orthopäden: „Der empfahl mir neue Gelenke.“
Rund 15 bis 20 Prozent der Patienten haben nach der OP Probleme
Derzeit werden in Deutschland rund 430 000 Endoprothesen pro Jahr in Patienten eingebaut. Meist sind es künstliche Hüft- und Kniegelenke, die wie bei Folker Ulrich aufgrund einer fortgeschrittenen Arthrose implantiert werden. Ein routinierter Eingriff, wie die Deutsche Gesellschaft für Endoprothetik (AE) bestätigt: „Es kommt bei komplikationsfreiem Verlauf zu Schmerzfreiheit und Wiedererlangung der Gelenkbeweglichkeit“, sagt der Präsident dieser Fachgesellschaft, Karl-Dieter Heller.
Doch obwohl die Knieendoprothese bei fortgeschrittener Arthrose mit rund 190 500 Implantationen im Jahr zu den 20 häufigsten Operationen in Deutschland gehört und als effektiv gilt, klagen etwa 15 bis 20 Prozent der Patienten danach über Schmerzen und darüber, dass sie ihr Knie nicht mehr so belasten oder bewegen können wie vor der Operation. Das Beschwerdebild ist vielschichtig: Meist sind Folgebehandlungen erforderlich, teils Wechseloperationen.
Beinfehlstellungen, Übergewicht oder sehr zierlicher Wuchs sind Risikofaktoren
Folker Ulrich hat eines seiner Kniegelenke schon im Jahr 2019 gegen ein künstliches austauschen lassen. Der Eingriff verlief problemlos. Aber hundertprozentig zufrieden war Folker Ulrich nicht: „Ich konnte mein Bein lange Zeit nicht richtig durchstrecken.“ Im Endoprothetikzentrum Klinikum Stuttgart weiß man um diese Probleme: „Das liegt an den Herausforderungen, die das Gelenk an den Operateur stellt“, sagt der Ärztliche Direktor der Orthopädie und Unfallchirurgie Patrik Reize, der zusammen mit seinem Kollegen Thomas Schreiber das Zentrum leitet.
Beim Knie gleiten mehrere Knochen aufeinander. Gehalten wird die Konstruktion durch zahlreiche Seiten- und Kreuzbänder, die sich wie Seile um das Gelenk ziehen. Der Chirurg muss das Implantat in diese feinmaschige Mechanik so optimal einsetzen, dass das Kunstgelenk ähnlich gut beweglich ist wie das natürliche Vorbild und zugleich durch Bänder, Sehnen und Muskeln Stabilität bekommt. „Das ist aufgrund der Anatomie nicht immer möglich“, sagt Reize.
So zeigte das Röntgenbild bei Folker Ulrich eine leichte Beinfehlstellung. „Für solche Patienten stellen die Standardprothesen immer nur einen Kompromiss dar“, sagt Reize. Ähnlich ergeht es Patienten, die besonders groß oder recht zierlich sind. Auch hier kann es immer wieder zu Problemen mit dem neuen Gelenk kommen.
Moderne Medizin versucht mit Roboter-OP-Techniken und 3-D-Druckern gegenzusteuern
Manche Kliniken verwenden daher schon weiterentwickelte OP-Robotersysteme, um den Einbau des Kunstgelenks so schonend und passgenau wie möglich zu gestalten. Zwar stehen langfristige klinische Studien zu dieser Methode noch aus, „aber es gibt klare Anzeichen, dass dies zu einer höheren Präzision des Einbaus führt“, sagt AE-Präsident Karl-Dieter Heller.
Im Klinikum Stuttgart will man einen anderen Weg gehen: Die Ärzte arbeiten dort mit Herstellern zusammen, die Prothesen für jeden Patienten mit Hilfe des 3-D-Druckers passgenau anfertigen. Die sogenannten Individualgelenke bilden das Knie so nach, wie es vor dem Verschleiß war. „So können sie bestmöglich biomechanisch funktionieren, und das Risiko, dass es zu Lockerungen kommt, wird stark gesenkt“, sagt Reize. Dazu werden die Computertomografiebilder des kranken Knies an den Hersteller geschickt, der daraufhin mit Hilfe eines Roboters die Anatomie des Gelenks in einem 3-D-Modell rekonstruiert. Daraufhin wird eine dazu passende Prothese angefertigt – entweder aus Metall oder bestimmten Kunststoffen. Außerdem werden passgenaue Operationsinstrumente gedruckt, die den Eingriff erleichtern sollen. Folker Ulrich ist der erste Patient im Klinikum Stuttgart, der von dieser Neuerung profitieren soll: „Wir wollen bei seiner zweiten Knie-OP die Probleme vermeiden, die er nach der erstem Austausch hatte“, so Reize.
Hohe Zufriedenheitsrate bei Patienten
Noch gibt es von diesem neuartigen Verfahren nur Erfahrungsberichte: Das Klinikum Dortmund und die Sportklinik Stuttgart etwa setzen ebenfalls seit Kurzem Kniegelenke aus dem 3-D-Drucker bei Patienten mit schwierigen anatomischen Anforderungen ein. Die Ärzte berichten im Deutschen Ärzteblatt von hohen Zufriedenheitsraten seitens der Patienten. Auch Folker Ulrich hält den Eingriff für gelungen: Wenige Stunden nach der Operation konnte er wieder aufstehen. Die Schwellung im Knie ist schnell zurückgegangen. Das Gelenk lässt sich wieder rechtwinklig beugen. Zwar wird er noch eine Reha absolvieren, aber Ulrich sagt schon jetzt: „Ich fühle mich wieder sehr sicher auf den Beinen.“
Die Standardprothese wird dennoch nicht abgelöst werden
Dass individuell angefertigte Kunstgelenke irgendwann die Standardprothesen ablösen werden, daran glaubt Patrik Reize nicht: „Sie können eine gute Lösung für eine bestimmte Patientengruppe darstellen“, sagt Reize. Aber es herrsche noch ein großer Bedarf an Forschung und Klärung medizinischer, aber auch ökonomischer Vorteile der Herstellung von Individual-Knie-Endoprothesen mit Hilfe des 3-D-Druckers. Noch sind solche Gelenke mit rund 3500 Euro mehr als doppelt so teuer wie eine Standardprothese. Die Krankenkassen zahlen nur einen Teil des anfallenden Betrags. Ob und in welcher Höhe zusätzliche Kosten anfallen, kann derzeit je nach Klinik und Kasse variieren.
Folker Ulrich jedenfalls ist froh, dass er ausgewählt wurde, um nach dem neuartigen Verfahren behandelt zu werden. Er freut sich an jedem seiner sprichwörtlich gemeinten Fortschritte. Nächstes Jahr soll es wieder auf hohe See gehen. „Dann kann mich nur noch das Coronavirus bremsen.“