Hilfe bei Essstörungen in Neuhausen Gefangen in Körperbildern

Gespräche im Alltag sind der Sozialpädagogin Angelika Haas in den Ariadne-Wohngruppen besonders wichtig. Foto: Elka Edelkott

Zwölf Mädchen und junge Frauen leben in den Ariadne-Wohngruppen in Neuhausen. Die KInder- und Jugendhilfe setzt auf Therapie und schrittweise Vorbereitung auf den Alltag.

Neuhausen - Essstörungen sind ein Teufelskreis. Jedes Jahr erkranken in Deutschland 11 000 Mädchen und junge Frauen an Ess-Brechsucht, oder sie verweigern das Essen, um abzunehmen. „Die Corona-Pandemie wirkt da wie ein Brennglas“, sagt Angelika Haas. Die Sozialpädagogin leitet die beiden Ariadne-Wohngruppen der Kinder- und Jugendhilfe Neuhausen. In Zeiten von Lockdown und Online-Unterricht seien die Betroffenen mit ihren Ängsten und Sorgen alleine gelassen. Im Sog dieser Probleme bricht dann die Krankheit aus.

 

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Durch die soziale Isolation falle der Freundeskreis weg, der manche Probleme im Vorfeld auffangen könne, sagt Haas. Das vertraute Gespräch mit der Freundin gibt es oft nicht mehr. In vielen Familien herrscht Schweigen. Oft verbergen sich nach den Worten der Expertin hinter einer Essstörung „nicht vollzogene Entwicklungsaufgaben“. Ängste, soziale Phobien, Leistungsdruck oder fehlende Anerkennung könnten die Mädchen und Frauen nicht verarbeiten. Deshalb brauchten sie therapeutische Hilfe. Ist die Magersucht fortgeschritten, ist medizinische Hilfe gefordert.

Sprünge in der Seele aufarbeiten

Wenn die Behandlung in einer Klinik abgeschlossen ist, haben Betroffene die Möglichkeit, in Neuhausen einen Therapieplatz zu bekommen. Denn es geht auch darum, Sprünge in der Seele aufzuarbeiten. Da fangen die Ariadne-Wohngruppen die Bewohnerinnen auf. Im gemeinsamen Alltag lernen die zwölf Mädchen und jungen Frauen zwischen 13 und 25 Jahren, Konflikte im Gespräch zu bewältigen. Auch gesunde Beziehungen zu anderen Menschen sind ein Baustein. Die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und zu lösen, ist unabdingbar, um ein gesundes Leben zu führen. Schritt für Schritt finden sie in ein normales Leben zurück, gehen zur Schule oder arbeiten. In der Gemeinschaft gestalten sie nicht nur ihr Umfeld, sondern gehen auch Aktivitäten an. Gartenarbeiten, Ballspiele oder ein Spaziergang lassen ständige Gedanken ans Essen vergessen. Wichtig sind auch die Therapiegespräche. Da wird an den Ursachen gearbeitet.

Zwei Doppelhaushälften im Quartier für Generationen der Fildergemeinde sind für die therapeutische Wohngruppe reserviert. Im einen Teil leben die Mädchen der Jungen Ariadne, im anderen die älteren Bewohnerinnen. „Es ist immer jemand da, der ansprechbar ist“, sagt Angelika Haas. Die Bereichsleiterin ist vorwiegend in der Therapie tätig. Wann immer sie Zeit hat, nimmt sie aber auch am Alltag teil. Das gemeinsame Frühstück, das gesunde Mittagessen in der Gruppe oder das Abendessen, das von den Mädchen und Frauen selbst zubereitet wird. „All das sind Bausteine für ein gesundes Leben“, ist Angelika Haas überzeugt.

Die Sucht, abzunehmen

Die Sucht, abzunehmen oder einem vermeintlich idealen Körperbild hinterherzujagen, nimmt die Betroffenen gefangen. Das beobachtet Angelika Haas auch im Alltag der Mädchen und jungen Frauen. „Oft sehen wir, dass sie drei oder vier mal am Tag laufen gehen.“ Dieser übersteigerte Bewegungsdrang sei charakteristisch für die erkrankten Mädchen und Frauen. „Selbst merken sie das oft gar nicht“, sagt Angelika Haas. Einige seien dann ganz überrascht, wenn man sie darauf anspricht: „Ein Lauf am Tag reicht doch auch.“ Wichtig findet es die Sozialpädagogin, Alternativen anzubieten. Deshalb gestalteten die Wohngemeinschaften ein Tagesprogramm, in dem sich alle wiederfinden.

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Die Kinder- und Jugendhilfe Neuhausen wird getragen vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF) in Stuttgart. Dass die Einrichtung so gut in das Gemeindeleben in Neuhausen eingebettet ist, freut die Sozialpädagogin. „Der Förderverein hilft uns in vieler Hinsicht“, lobt sie die ehrenamtlich engagierten Menschen. Gerade für Angebote wie Reittherapie, die den Bewohnerinnen Kraft geben, gibt es sonst keine Finanzierung. Da brauche man Spenden.

Zwei bis drei Jahre bleiben die Mädchen und jungen Frauen im Haus. Selbstversorgerplätze bereiten den Auszug vor. In der Einliegerwohnung lernen sie, ihren Alltag zu bewältigen. „Wir bleiben aber auch danach in Kontakt“, sagt Angelika Haas. In diesen Worten spürt man, wie stolz sie auf ihre Bewohnerinnen ist: „Es sind Mädchen und Frauen mit ganz besonderem Potenzial.“

www.skf-stuttgart.de

Die Wohngruppe

Ein Schonraum
 Mit einem Wollknäuel rettet Ariadne in der griechischen Mythologie Theseus aus dem Labyrinth des Minotaurus. Theseus tötet das Ungeheuer und findet dank des Ariadnefadens unversehrt aus dem Labyrinth heraus. In Neuhausen ist der Ariadnefaden eine Kombination aus Alltag und Schonraum. In den beiden WGs leben die Mädchen mit insgesamt acht Sozialpädagoginnen, einer Hauswirtschafterin und zwei Therapeutinnen ihren Alltag.

Steigende Zahlen
 11 000 Mädchen und Frauen in Deutschland erkranken jährlich an einer Essstörung. Deutschlandweit gibt es nur etwa 500 Plätze für die Therapie. 

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