Hilfe für ukrainische Künstler in Stuttgart Postkarten für den Wiederaufbau

Igor Kuryliv ist mit seinem Volkschor aus Kiew nach Deutschland und Europa aufgebrochen. Toma Safarovas Zeichnungen kommen aus der Ukraine nach Stuttgart. Foto: Lichtgut

„The art is my weapon“ – die Kunst ist meine Waffe –, sagt die Zeichnerin Toma Safarova aus Kiew. Ihre Werke kommen nun nach Stuttgart. Igor Kuryliv ist mit einem Teil des ukrainischen Volkschors bereits hier. Zwei Beispiele, die zeigen, wie Unterstützung für ukrainische Künstlerinnen und Künstler in Zeiten des Krieges aussehen kann.

Kultur: Kathrin Waldow (kaw)

Die ukrainische Zeichnerin Toma Safarova ist mit ihrer Kunst und Fotos aus ihrem Leben auf Instagram aktiv. Bilder, Urlaubserinnerungen und Selfies füllen ihren Account. Doch der Inhalt hat sich seit dem Krieg abrupt verändert. „Russian war-ship, go fuck yourself!“ steht unter dem Bild ihrer Zeichnung einer Schlange auf einer Insel, die von Flugkörpern mit russischer Flagge umgeben ist. Es soll den russischen Angriff auf die Schlangeninsel vom 24. Februar zeigen, bei dem ein ukrainischer Soldat den mittlerweile weltweit bekannten Schlachtruf per Funk nach der Aufforderung, sich zu ergeben, den russischen Angreifern entgegnete.

 

Safarovas Posting stammt vom 27. Februar, drei Tage nach dem Angriff Russlands hat es die 29-Jährige hochgeladen. Seitdem sind viele weitere hinzugekommen, die den Krieg thematisieren. Auch ihre Serie „Postcards from Ukraine“, in der sie Zeichnungen zu Städten wie Butscha, Mariupol, Charkiw, Kiew oder Iwankiw veröffentlicht, die im Krieg angegriffen oder zerstört wurden. Auf ihrer Karte zu Mariupol ist auch das Theater zu sehen, bei dessen Angriff laut verschiedenen Medien Hunderte Menschen starben, darunter Frauen und Kinder, die Schutz in dem Gebäude suchten. Wenige Tage vor dem Angriff habe sie die Karte fertiggestellt, erzählt Toma Safarova im Videogespräch auf Englisch zwischen Stuttgart und einem Kiewer Vorort. Kultureinrichtungen sind oft auf ihren Karten zu sehen.

Ausstellung in Stuttgart

Toma Safarova zeichnet das, was die Städte vor dem Krieg ausmachte, farbenfroh und comichaft mit lächelnden Gesichtern in den Wolken. „Ich wollte etwas Sinnvolles tun. Der Krieg hat manche Dinge für immer zerstört. Aber wir werden alles wieder aufbauen“, sagt sie. „My Art is my weapon“ – Die Kunst sei ihre Waffe, davon ist die Zeichnerin überzeugt. Die Hälfte des Erlöses ihrer Arbeiten will sie an den Wiederaufbaufonds für zerstörtes Eigentum und Infrastruktur der ukrainischen Regierung spenden. Verkauft werden sollen ihre Werke nun in Stuttgart. Einige ihrer Postkarten druckt die Stuttgarter Künstlergruppe Linienscharen und hat den Verkauf samt Präsentation in der Buchhandlung König im Kunstmuseum organisiert. Geplant sei eine Reihe von Veranstaltungen mit ukrainischen Künstlerinnen und Künstlern, sagt Melanie Grocki von Linienscharen.

Land und Ifa vermitteln

Der Kontakt zwischen der Zeichnerin in Kiew und der Künstlergruppe in Stuttgart entstand durch die neu eingerichtete Vermittlungsstelle des Landes Baden-Württemberg und dem Ifa – Institut für Auslandsbeziehungen. „Ich habe auf Social Media von dem Hilfsangebot des Ifa für ukrainische Künstler gelesen und mich dort gemeldet“, sagt die 29-jährige Safarova. „Meinen Job als Finanzbuchhalterin bei einem Tonstudio habe ich durch den Krieg verloren. Wenn es irgendetwas Gutes an der Kriegssituation geben soll, dann ist es für mich die Sache, dass ich nun meine Künstlerkarriere voranbringen kann. Ich bin deshalb sehr froh um die Unterstützung aus Stuttgart, auch wenn ich nicht vor Ort sein kann. Ich bleibe in der Ukraine, ich kann mein Land nicht verlassen, ich kämpfe hier mit meiner Kunst für uns und bleibe bei meiner Familie“, sagt sie.

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Kontakte wie diesen stellen die ukrainischsprachige Ifa-Mitarbeiterin Larysa Kharchenko und ihr Team her. „Wir koordinieren gerade alles und stellen das Netzwerk auf die Beine. Seit dem Start der Kontaktstelle im März gibt es derzeit rund 500 Anfragen und Angebote, die wir versuchen zueinanderzubringen“, so Kharchenko. Von der Unterstützung der Arbeit der Künstler, über Wohnmöglichkeiten, Kooperations-Partner-Vermittlung bis hin zu Instrumentenleihe reichen die Angebote.

Ukrainischer Volkschor auf Deutschlandtour

Auch Vlad Freymann hatte mit der Kontaktstelle bereits mehrfach gesprochen. Er betreut ehrenamtlich rund 75 Mitglieder des nationalen ukrainischen Volkschors Veryovka, der kürzlich in Stuttgart ankam. Mehrere Tage Busfahrt liegen hinter den Sängerinnen und Sängern, Tänzerinnen und Tänzern, dem Orchester. Dem 68-jährigen Künstlerischen Leiter des Ensembles, Igor Kuryliv, merkt man die angespannte Situation, aus der er kommt, an. Vor dem Krieg hatte das staatlich angestellte Ensemble mehr als 90 Auftritte pro Jahr in ganz Europa, erzählt der Kiewer. Auf die Nachfrage, wie er die Situation in seiner Heimat vor der Abreise erlebte, antwortet er mit leiser Stimme und zitternden Händen „schrecklich, schrecklich!“ – und berichtet von Raketenangriffen, Bombeneinschlägen und bebenden Häusern. Als das Gespräch auf die Musik und seinen Volkschor kommt, kehrt sein Enthusiasmus zurück. „Alle hier wollen Deutschland und Europa die ukrainische Kultur näherbringen, das machen wir mit Liedern von ukrainischen Komponisten und Volkstänzen. Wir sind Angestellte der ukrainischen Regierung und alle hauptberufliche Profis. Die Reise hierher war bereits vor dem Krieg geplant, doch konkrete Termine standen noch nicht fest. Wir sind jetzt trotzdem hier, weil wir unseren Teil beitragen und Benefizveranstaltungen für unsere Heimat geben wollen“, sagt Kuryliv auf Ukrainisch – Freymann übersetzt. Er stammt selbst aus der Ukraine und lebt seit 30 Jahren in Deutschland.

Das Gespräch liegt nun einige Tage zurück, mittlerweile hatte der Chor Auftritte in Warschau und in Genua, in Heidelberg ist ein Auftritt für die Schlossfestspiele im August eingeplant. Das konnte die baden-württembergweite Vermittlungsstelle organisieren. Mit Stuttgart sei es noch zu keiner Kooperation gekommen, so Kharchenko. Was zeigt, auch die Vermittlung ist nicht leicht und hat ihre Hürden.

Ehrenamtlicher Helfer betreut das Ensemble auf Geschäftsreise

„Wir sind zwar keine Flüchtlinge, aber wir brauchen trotzdem Hilfe“, sagt Kuryliv vom ukrainischen Volkschor. Nun gehe es um Auftrittsmöglichkeiten, Proberäume und Unterstützung jeglicher Art. „Wir gehen davon aus, dass wir einige Monate hierbleiben und vor allem im Sommer auftreten können. Danach fahren wir alle wieder nach Hause zurück“, so der Künstlerische Leiter. Etwa die Hälfte der Truppe sei in der Ukraine geblieben, sie hätten ihre Heimat nicht verlassen können. „Aber alle, die hier sind, wollen unsere Kultur zeigen und demonstrieren, was die Ukraine ausmacht“, so der Kulturbotschafter und ist wie Safarova überzeugt: „Jeder kämpft an seiner eigenen Front.“

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Netzwerk und Termine

Kontaktstelle
Das Land Baden-Württemberg hat zusammen mit dem Ifa – Institut für Auslandsbeziehungen vor Kurzem eine Anlaufstelle für Künstlerinnen und Künstler aus der Ukraine sowie baden-württembergische Kultureinrichtungen eingerichtet. Wer etwas anbieten möchte oder ukrainische Künstlerinnen und Künstler unterstützen möchte, kann sich direkt dorthin wenden. Telefon: 07 11 / 22 25 - 2 00, Mail: kultur-ukraine@ifa.de, www.ifa.de/foerderungen/kulturhilfe-ukraine/

Termine
Toma Safarovas Postkarten sind vom 13. Mai an in der Buchhandlung König im Stuttgarter Kunstmuseum zu sehen und erhältlich. Toma Safarova arbeitet derzeit auch an einem Comicheft und einem Dokumentarfilm. Instagram: @Safarovatoma

Chor
Am 5. und 6. August 2022 ist ein Auftritt des Quintetts Veryovka aus dem ukrainischen Volkschor bei den Heidelberger Schlossfestspielen geplant.

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