Für Schulabbrecher und Unter-18-Jährige, die keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, gibt es sogenannte Jungarbeiterklassen. Hierbei handele es sich, erklärt Winkler auf Nachfrage, oftmals um psychisch belastete Jugendliche, manche hätten auch das Gymnasium abgebrochen. Die Schulpflicht gilt für sie weiter. Von den 210 Jugendlichen, die in eine solche Klasse gehörten, seien 115 „gar nicht erreichbar“. Von den übrigen 95 komme nur die Hälfte regelmäßig. Die übrigen tauchen ebenfalls ab. Hinzu kommen weitere rund 200 Schülerinnen und Schüler, die einen Platz im Vorqualifizierungsjahr (VAB) oder in der Berufsausbildungsvorbereitung (BAV) haben, diesen aber ebenfalls nicht wahrnehmen. „Wir wissen nicht, wo sie sind“, sagte Winkler. Insgesamt schätzt er die Zahl der Jugendlichen, die gar nicht erreicht würden, auf 400.
115 junge Geflüchtete stehen auf der Warteliste für einen Schulplatz
„Das ist eine Zahl, die ist eindeutig zu hoch, mir macht das zu schaffen“, sagt der geschäftsführende Schulleiter. Zumal er dafür zuständig sei, die Berufsschulpflicht zu überwachen. Felix Winkler ist eigentlich für seine kreativen Lösungsansätze bekannt. Aber hier fehlt auch ihm gerade die Idee, „wie wir das anpacken können.“
Zumal es auch noch Probleme an anderer Seite gibt: mit den Vorqualifizierungsklassen für Geflüchtete kurz Vabo, in denen diese Deutsch lernen sollen. Weiterhin besteht das Problem, dass es nicht genügend Vabo-Plätze gibt, obwohl die Berufsschulen und private Schulen jeweils rund 360 Plätze stellen. 115 junge Geflüchtete zwischen 15 und 17 Jahren stünden aktuell auf der Warteliste – noch mal deutlich mehr als zu Beginn des Schuljahres, als es an die 70 waren. Auch sie hängen also in der Luft. Immerhin: Es sei gelungen, dass die Volkshochschule Stuttgart etwa 40 dieser Jugendlichen in Jungendintegrationskurse übernehme. Aber jeden Monat meldeten sich neue Jugendliche, die einen Vabo-Platz bräuchten.
Was Winkler ebenfalls Sorgen macht: die Motivation derer, die in den Vabo-Klassen sitzen. Man verzeichne „deutlich höhere Fehlzeiten“, es gebe viel mehr Unruhe und viele Wechsel. Nur etwa 60 bis 70 Prozent der Jugendlichen blieben noch kontinuierlich dran, die pädagogischen Herausforderungen seien entsprechend groß. Bei geflüchteten Jugendlichen aus der Ukraine merke man vielfach, dass sie wieder zurück wollten in ihr Land. Hierzu merkte der geschäftsführende Schulleiter der Gymnasien, Manfred Birk, noch an, dass im Fall der Schüler aus der Ukrainer zwei Systeme konkurrierten.
Diese würden mit Onlineunterricht aus der Heimat versorgt. „Es werden auch Abschlüsse angeboten“, sagt Birk – zulasten der hiesigen Integrationsbemühungen. Immerhin, kommentierte Fezer, seien in solchen Fällen die Jugendlichen bildungsmäßig „nicht völlig verwaist“.
„Das ist eine Zeitbombe“, meint eine Grünen-Stadträtin
Eigentlich ging es im Schulbeirat um eine Bildungswegeerhebung der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft an den beruflichen Schulen. Diese ergab unter anderem, dass viele geflüchtete Schüler mehr als das vorgesehene eine Jahr in Vabo benötigen, um ausreichend Deutschkenntnisse aufzubauen, um eine Ausbildung zu beginnen. Der Anteil der Wiederholer lag im Schuljahr 2022/23 bei 43,5 Prozent, im Vorjahr nur bei 22,2 Prozent. 2020/21 war der Wert allerdings ebenfalls hoch gewesen: 37,8 Prozent wiederholten. „An manchen Stellen brauchen die jungen Menschen mehr Zeit“, sagt die Abteilungsleiterin Corina La Corte.
Die Fraktionen im Schulbeirat zeigten sich erschüttert über die aktuelle Entwicklung: „Das ist eine Zeitbombe“, sagte Silvia Fischer (Grüne) über die vielen nicht erreichbaren Schulabbrecher, auch die vielen unversorgten Flüchtlinge seien „eine heiße Kartoffel“. Fred-Jürgen Stradinger (CDU) lagen die Ausführungen „arg im Magen“, es sei „starker Tobak“, wie viele Jugendliche nicht ansprechbar seien. Jasmin Meergans (SPD) fragte nach Handlungsmöglichkeiten, um die Motivation zu erhöhen, aber „die Schüler nicht zu überfordern“.
Bildungsbürgermeisterin Isabel Fezer macht die Entwicklung „richtig Bauchschmerzen“. Sie sieht ein „strukturelles Problem“. Dass dies nicht nur die beruflichen Schulen betrifft, machte zudem der Leiter des Staatlichen Schulamts, Thomas Schenk, deutlich: in seinem Zuständigkeitsbereich habe man ebenfalls mit verschwundenen Kindern zu tun. Besonders problematisch sei es, wenn Kinder mit elf oder zwölf Jahren ohne Schulerfahrung nach Deutschland kämen. Auf seine Frage „Wie schafft man für dieses Klientel Bildungsangebote?“ muss die Politik noch eine Antwort finden.
Mehr geflüchtete Schüler
Ergebnis
Die beruflichen Schulen erfüllten mit ihren Bildungsgängen eine „enorme Integrationsleistung“, betonte die Leiterin der Abteilung Stuttgarter Bildungspartnerschaft, Corinna La Corte im Schulbeirat. Was ihre Erhebung zu Bildungswegen ergeben hat: In den Bildungsgängen des Übergangssystems, welche für die Ausbildung fit machen sollen, hatten im Schuljahr 2022/23 inzwischen 80 Prozent der Schülerinnen und Schüler eine ausländische Nationalität. Darunter waren sowohl Neuzugewanderte aus dem EU-Ausland, aus Drittstaaten und geflüchtete junge Menschen. Unter der in der Erhebung erfassten Schülerschaft sei der Anteil mit Fluchterfahrung mit jedem Jahr größer geworden. Er lag im Schuljahr 2020/21 bei 29 Prozent, im Schuljahr 2022/23 bei 55 Prozent. Die Tendenz geht weiter nach oben.
Beteiligung
Beteiligten sich in den ersten beiden Schuljahren 33 Lehrkräfte von beruflichen Schulen an der Erhebung, so waren es im Schuljahr 2022/23 sogar 48 Lehrkräfte. Die erste Erhebung bezog sich auf 391 Schülerinnen und Schüler, die zweite auf 415 und die dritte auf 591 Schülerinnen und Schüler. vv