Wenn die Hölle einen Vorhof hat, ist Adré ihr Hinterhof. In dem tschadischen Städtchen im Grenzgebiet zum Sudan treffen derzeit täglich Tausende von Flüchtlingen ein: zu Fuß, alleine oder in Gruppen, jung oder alt, verwundet oder ausgezehrt. Was sie alle gemeinsam haben, sind die Bilder aus der Hölle, der sie entkommen sind. „Wir mussten unseren Kindern die Augen zubinden, damit sie die Haufen von Leichen nicht sehen können“, berichtet der Tierarzt Rabih Saleh einem Reporter von „Le Monde“: „Selbst während wir unsere Toten bestatteten, hat man auf uns geschossen.“
Dass der Veterinär El Geneina, die Hauptstadt der West-Darfur-Provinz, überhaupt verlassen konnte, hat er seiner hellen Hautfarbe zu verdanken, die seine arabische Herkunft verrät – sowie den 500 US-Dollar, die er angespart hatte und den Milizionären der Rapid Support Forces (RSF) an deren Straßensperren geben musste, damit er mit seiner Familie El Geneina verlassen konnte. Angehörigen des afrikanischen Volks der Massalit steht dieses Schlupfloch nicht offen: Mindestens 1200 von ihnen sollen seit Beginn der Kämpfe Mitte April alleine in El Geneina umgebracht worden sein.
Gewaltwelle in Darfur-Provinzen
Die einst knapp 200 000 Einwohner zählende Stadt ist von Milizionären umzingelt, die zu Streifzügen in den Ort einfallen. Es gibt weder Strom noch Wasser, in den Straßen verwesen Leichen. Das Krankenhaus steht leer, Flüchtlingslager und Verwaltungsgebäude sind niedergebrannt, Schulen und Moscheen zerstört. „Alles, was der Bevölkerung zugutekommen könnte, gibt es nicht mehr“, sagt Justine Muzik Piquemal von der französischen Hilfsorganisation Solidarités International: El Geneina ist einer der trostlosesten Orte der Welt.
Ausgelöst wurde die neue Gewaltwelle in den Darfur-Provinzen vom Machtkampf des sudanesischen Streitkräftechefs Abdel Fattah al-Burhan und dem Chef der RSF-Miliz Mohamed Hamdan Dagalo (alias Hemeti) im 500 Kilometer entfernten Khartum. In den Unruheprovinzen, die sich vom 2003 begonnenen Völkermord nie wirklich erholt hatten, nahm der Konflikt der beiden Generäle eine ethnische Dimension an, die sie in anderen Teilen Sudans nicht hat: Schließlich gehören sowohl Hemeti wie al-Burhan der arabischen „Elite“ des Landes an. Im Darfur wagte es die Armee erst gar nicht, gegen die RSF-Miliz mit Heimvorteil anzutreten:
Die Soldaten zogen sich nach dem Ausbruch der Kämpfe in ihre Stützpunkte zurück und versorgten die afrikanische Bevölkerung höchstens mit Waffen, mit denen sie die Angriffe der RFS-Milizen und der arabischen Dschandschawid abwehren sollten. „Der Konflikt in Khartum ist in den Darfur-Provinzen unbedeutend“, sagt der Sudankenner Jérôme Tubiana: „Hier geht es nach wie vor um die Dominanz der arabischstämmigen Bevölkerung und deren Landaneignung.“ Gegen die arabische Dominanz hatte sich Darfurs afrikanische Bevölkerung bereits im Jahr 2003 erhoben. Ihr Aufstand wurde von der arabisch dominierten Armee unter dem heutigen Streitkräftechef al-Burhan wie von den berüchtigten „reitenden Teufeln“, den Dschandschawid, unter dem heutigen RSF-Chef Hemiti, gemeinsam und auf brutalste Weise niedergeschlagen. Innerhalb weniger Jahre kamen über 300 000 Menschen ums Leben, ganze Dörfer wurden dem Erdboden gleichgemacht, zwei Millionen Menschen verloren ihre Heimat.
Der Gouverneur wurde ermordet
Heute rächt sich, dass weder Hemeti noch al-Burhan wegen ihrer Beteiligung an dem Genozid zur Verantwortung gezogen wurden: Der Haager Strafgerichtshof klagte lediglich Ex-Diktator Omar al-Baschir und zwei seiner Adlaten an. Keiner der drei wurde bisher dem internationalen Gericht überstellt. Mehr schlecht als recht sorgten Tausende von Blauhelmen 13 Jahre lang für relative Ruhe im Darfur, die nach dem Friedensabkommen von Juba 2020 wieder in Gefahr geriet. Weil mehrere afrikanische Rebellenchefs in die staatliche Administration integriert wurden, sah sich die arabische Alpha-Schicht in ihren Privilegien bedroht.
Einer der begünstigten Rebellenführer war der zum Gouverneur beförderte Chef der Sudanesischen Koalitionsbewegung, Khamis Abdallah Abbakar. Der Massalit verfolgte das jüngste Wiederaufflammen des ethnischen Konflikts mit Sorge: In einem TV-Interview rief er die internationale Gemeinschaft zur Intervention wegen des „neuerlichen Genozids“ in seiner Heimat auf. Wenige Stunden später wurde der Gouverneur von RSF-Milizionären in seiner Residenz in El Geneina aufgegriffen: Er habe selbst um seinen Schutz gebeten, behauptete ein Milizsprecher. Als kurz danach Bilder von Abbakars verstümmelter Leiche im Internet kursierten, behauptete die RSF, „gesetzlose Islamisten“ hätten ihn aus ihrer Schutzhaft entführt und „kaltblütig“ ermordet.
Die Region Darfur verfügt über große Goldvorkommen
Die fünf Dafur-Provinzen mögen heiß und wenig fruchtbar sein: Für den Sudan sind sie trotzdem von enormer Bedeutung. Die Region von der Ausdehnung Frankreichs verfügt über erkleckliche Goldvorkommen, die sich vor allem RSF-Chef Hemeti unter den Nagel gerissen hat. Der im Nord- und Süddafur aufgewachsene Kamelhändler verdankt dem Völkermord seinen Aufstieg. Allerdings trug auch die Europäische Union zur Karriere des Söldnerchefs bei, indem sie der RSF-Miliz einst Millionensummen für ihre Dienste als Antimigrantentruppe zukommen ließ. Geht Hemetis Machtkampf mit al-Burhan in anderen Teilen des Landes verloren, wird sich der Kriegsfürst in seine Hochburg zurückziehen, sind sich Fachleute einig: Falls im Darfur bis dahin überhaupt noch jemand lebt.
Von Leichen übersäte Straßen
In den vergangenen acht Wochen flohen fast 400 000 Menschen aus der Region, schätzt die Internationale Organisation für Migration (IOM): Die meisten von ihnen suchten Zuflucht im nahe gelegenen Tschad. Dort angekommen berichten sie vom Horror ihrer Flucht: von Überfällen, Vergewaltigungen und kaltblütigen Morden. Als es nach der Ermordung des Gouverneurs Abbakar keinen Zweifel mehr gab, dass sie verschwinden mussten, habe sie sich mit Dutzenden von Menschen von El Geneina in Richtung Tschad auf den Weg gemacht, erzählt die 25-jährige Nour einem Team der Ärzte ohne Grenzen. „Viele von uns wurden unterwegs von Scharfschützen erschossen. Ich sah Tote und Verwundete auf dem Weg liegen.“ Auch die junge Frau wurde kurz vor Grenze noch von einer Kugel getroffen: mitten ins Gesicht. Wie durch ein Wunder überlebte die 25-Jährige.
Die Gewalt sei in den vergangenen Tagen immer „systematischer“ geworden, sagte Sultan Saad Bahreldin, der Führer der Massalit in einem Fernsehinterview: „Die Straße zwischen el Geneina und Ardé ist von Leichen übersät. Keiner kann sie zählen.“